Ein "Kopf an Kopf"-Rennen war angekündigt worden. Das "blaue Wunder" hatten Meinungsumfragen und im Nachzug renommierte Journalisten schon prophezeit. Doch dann: ein vollkommen klares Ergebnis. In sozialen Medien stehen vor allem die Meinungsforscher als großer Verlierer da. Zu Recht?

Österreich war auf alles gefasst, aber kaum jemand darauf: Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) wurde zwar mit einem Minus von 4,8 Prozent abgewatscht, kam aber letztlich mit einem blauen Auge davon: Die SPÖ liegt immer noch fast neun Prozent vor der FPÖ.

So manchem ist seine Vorhersage im Nachhinein nun unangenehm - wie Armin Wolf, der schon blauen Himmel über Wien aufziehen sah.

Nicht alle Meinungsforscher lagen falsch

Vielleicht hat sich der eine oder andere im Vorfeld auch von einem gewissen Rausch, auf so mancher Seite auch der Sorge hinreißen lassen, die die Schlagzeile "Blau liegt vorne" bedeutet hätte. Denn wenn man genau hinsieht: Das Kopf-an-Kopf-Rennen war gar nicht so einhellig prognostiziert worden. Meinungsforscher Peter Hajek hatte noch zwei Tage vor der Wahl im Gespräch mit der APA erklärt, dass es zwar möglich sei, dass die FPÖ knapp vorne liege, dass aber ein "Respektabstand" zwischen SPÖ und FPÖ eine ebenfalls durchaus denkbare Variante sei.

Wechselwähler erschweren Prognose

Warum war die Prognose so schwierig? Ein Grund war womöglich die Oberösterreich-Wahl, die laut Hajek einen gewissen "Nachzieh-Effekt" hätte haben können. Bedeutet: dass sich Befragte an den Wahlsieger "anhängen", was sich in diesem Fall positiv für das Meinungsbild über die FPÖ ausgewirkt hätte. Bis zur oberösterreichischen Landtagswahl sei der Abstand laut Umfragen einigermaßen stabil gewesen, sagte Hajek. Einige Tage später lag die SPÖ aber wieder klarer vorne

Darüber hinaus hat die Person Heinz-Christian Strache einen speziellen Effekt ausgelöst. Einerseits ist er ein Gewinner der Wahl, schließlich hat seine Partei deutlich zugelegt, wobei nicht zuletzt die Flüchtlingskrise eine Rolle gespielt haben dürfte. Andererseits steht er nun wie ein Verlierer da - und zwar nicht nur, weil er sein Ziel des Bürgermeisteramtes verfehlt hat und das noch nicht einmal knapp. Der FPÖ sollten vielmehr die Leihstimmen von grünen und schwarzen Stammwählen zu denken gehen, die auf Häupl übergingen. Für die Meinungsforscher erschweren diese Wechselwähler eine Prognose erheblich.

"Strache verhindern" als starkes Wahlmotiv

"Strache verhindern" oder ein "Zeichen gegen Strache" zu setzen war das zweistärkste Wahlmotiv der Rot-Wähler, wie die Wahltagsbefragung Hajek (Public Opinion Strategies) im Auftrag von ATV ergab. "Wählt mich, um Strache zu verhindern", war auch die Ansage Häupls im Wahlkampf gewesen. Die hohe Wahlbeteiligung zeigt, dass das offenbar vielen ein Anliegen war.

Unter den Wählern waren offenbar auch viele Kurzentschlossene. Die Mehrheit der Österreicher (57,4 Prozent) entscheide sich erst in der Woche vor der Wahl für eine Partei oder einen Kandidaten, erklärte Thomas Schwabl, CEO von Marketagent.com nach den irreführenden Prognosen.

Umfragen beeinflussen Wahl

Anzunehmen ist Schwabl zufolge auch, dass bei einem erwarteten knappen Wahlausgang mehr Menschen wählen gehen und umgekehrt bei einem prognostizierten klaren Ausgang die Leute zu Hause bleiben. "Die Wiener Landtagswahl ist ein Beispiel für Mobilisierung", sagte Schwabl. Insofern dürften die Umfragen das Ergebnis beträchtlich beeinflusst haben. Also sind sie doch die geheimen Gewinner der Wahl?

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