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17.02.2012, 16:59 Uhr

Ist die ökologische Welternährung eine Schnapsidee? in Kooperation mit WELT Online

Öko-Lebensmittel sind auf dem Vormarsch. Wie die Nachfrage zu decken ist, will man der Welt ausgerechnet von Nürnberg aus zeigen.

Von Eckhard Fuhr

Goji-Beeren aus ökologischem Anbau – das ist die Karte, auf die Oliver Krämer alles setzt. Seit vier Jahren lebt er in Shanghai und treibt das Geschäft mit der Bocksdorn-Frucht voran. Getrocknet schmecken die roten Beeren ähnlich wie Rosinen, geröstet erinnern sie an Mandeln.

Auch frisch kann man sie essen. Manche schreiben ihnen Wunderkräfte zu. Kleine Energie- und Vitaminpäckchen sind sie in jedem Fall und gehören eigentlich in jedes Müsli – auch in China. Ja, 90 Prozent seiner ökologisch erzeugten Goji-Beeren verkauft Krämer in China.

Die Mittelschicht sei ganz verrückt nach Bio-Produkten, sagt er. Was seine chinesischen Kollegen am riesigen China-Stand der BioFach in Nürnberg, der weltweit größten Messe der Biobranche, zu Mittag auf den Plastiktellern haben, sieht zwar völlig anders aus als Müsli. Doch sollte das nicht zu voreiligen Schlüssen veranlassen.

Der europäische Beobachter neigt dazu, den Chinesen alles zuzutrauen, nur nicht einen nachhaltigen Lebensstil und eine besondere Vorliebe für Biogemüse.

Bio für die Dritte Welt

Als Besucher dieser Messe muss er sich von solchen Vorurteilen verabschieden. Die Welt, auch die ehemalige Dritte Welt, hat Bio längst entdeckt, ganz ohne den anthroposophischen, zivilisationskritischen Wurzelgrund, der zumal in Deutschland immer noch, allerdings auch immer weniger, zur kulturellen Ausstattung der Bio-Szene gehört.

Das diesjährige Schwerpunktland der Nürnberger Messe ist Indien. Man schätzt, dass von den 750 Millionen Indern unter 30 Jahren 150 Millionen einer gut gebildeten Mittelschicht angehören, die ihre Konsumentenmacht mehr und mehr im Sinne einer nachhaltigen Landwirtschaft einsetzt.

Es ist kein Naturgesetz, dass die Schwellenländer in ihrem Nachholbedürfnis auch alle Fehler nachholen, die der alte industrielle Westen in seiner Entwicklung machte. Schon im Mai wird eine BioFach in China und im November eine in Indien stattfinden. Die beiden größten Produzenten von Öko-Erzeugnissen, die Vereinigten Staaten und die Europäische Union, schlossen zum Auftakt der Nürnberger Messe ein Abkommen über die gegenseitige Anerkennung ihrer Bio-Zertifikate ab.

Die Biobranche knüpft ihre internationalen Netzwerke. In wenigen Jahren werden neun Milliarden Menschen ernährt werden müssen. Die Öko-Landwirte und ihre Organisationen verkünden selbstbewusst, dass sie bei dieser gewaltigen Aufgabe nicht nur eine Nebenrolle in einer Nische zu spielen gedenken. Im Gegenteil: In Nürnberg gibt es auf die Frage, ob "Öko" die Welt ernähren könne, als Antwort nur ein donnerndes "Ja".

Und man wird nicht müde, das gewaltige Wachstum der Branche in Zahlen zu beschwören. Knapp 60 Milliarden Dollar, 45 Milliarden Euro, setzte sie im Jahr 2010 um. In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren der Umsatz an Bio-Lebensmitteln auf 6,6 Milliarden Euro verdreifacht.

Lose Früchte sind meist billiger

Lose Äpfel sind im Supermarkt meist teurer als abgepackte. >

Zuviel Idealismus im Bio-Landbau?

Die ursprünglich aus der Wachstumskritik hervorgegangene Branche berauscht sich an ihren eigenen Wachstumsraten. Und in den Vorträgen und Diskussionen während der Messe sind neben dem Mantra der "Nachhaltigkeit" immer wieder Begriffe wie "Intensivierung" und "Produktivitätssteigerung" zu hören. Auch Bio-Bauern müssen aus dem knapper und teurer werdenden Boden immer mehr herausholen.

Sie haben sich zwar eigene Regeln für die landwirtschaftliche Praxis gegeben, aber es gelten für sie doch dieselben Gesetze der Ökonomie wie für ihre konventionell wirtschaftenden Kollegen. Oder doch nicht? Kommt es am Ende doch auf die kulturelle Differenz an? Gibt es Öko-Landbau nur als Weltanschauung und mit Idealismus als Reservewährung?

Heinrich Graf von Bassewitz betreibt auf einem großen Gut in Mecklenburg ökologische Landwirtschaft, er ist Mitbegründer des Bio-Labels "Biopark", gehört dem Rat für nachhaltige Entwicklung an und berät den Deutschen Bauernverband in Sachen Öko-Landbau. Was bringt diesen Öko-Vollprofi dazu, öffentlich laut darüber nachzudenken, dass das absolute Verbot von tierischem Eiweiß im Mastfutter und das Verbrennen von Schlachtnebenprodukten Verschwendung sei und mit Nachhaltigkeit nichts zu tun habe? Da wird man doch hellhörig.

Man erinnere sich: BSE, der Rinderwahn, die Strafe für den Frevel, Pflanzenfresser mit Leichenmehl ihrer eigenen Art gefüttert zu haben. Rinderwahn, das war das Tschernobyl der Fleischerzeugung. Und nun sagt einer der Vordenker des Öko-Landbaus, dass das Tiermehltabu fallen müsse. Natürlich will er nicht Rinder mit Rindermehl füttern. Kannibalismus, sagt er, sei auf jeden Fall schädlich. Aber warum solle man Allesfressern wie Schweinen oder Hühnern tierisches Eiweiß vorenthalten?

© WELT Online

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5 Meinungen zu "Kann "Öko" die Welt ernähren?"

  • astra1971
    Dienstag, 21.02.2012, 07:20 Uhr
    Egal ob Käfig- oder Bioeier: am Anfang sind die Küken, und nur die weiblichen müssen ihr kümmerliches Dasein als Legehennen fristen. Die männlichen werden, da es für die Fleischproduktion spezielle Züchtungen gibt, nicht mehr gebraucht, aussortiert und vergast oder vermust. 45 Millionen jedes Jahr alleine in Deutschland.
  • KugelXYZ
    Montag, 20.02.2012, 09:27 Uhr
    @viatore Selbstverständlich ist es MÖGLICH und keineswegs eine "unangemessene" Utopie. Aber es ist eine großenteils politische Entscheidung: wenn man sich entschließen könnte, die sogenannt "konventionelle" Landwirtschaft nicht mehr so stark zu subventionieren und/oder die ökologische Landwirtschaft finanziell zu entlasten (nicht gleichzusetzen mit "subventionieren"!), wäre der Öko-Landbau die eindeutig bessere Alternative zum Bayer-Hoechst-Schering-Landbau. @Puma Natürlich müßten erstmal große Flächen entgiftet werden, aber schon in der Umstellungszeit lassen sich die Waren mit dem Hinweis auf den "Betrieb in Umstellung" so gut vermarkten, daß der Betrieb keine Verluste hinnehmen muß. Daß das Umdenken in China noch Generationen brauchen wird ist völlig klar, aber wir haben auch hier in Deutschland genug Flächen, die wieder landwirtschaftlich und zwar ökologisch landwirtschaftlich(!) genutzt werden könnten - bspw. die ganzen "Kulturbrachen" oder wie das heißt, jedenfalls die bewußt brach liegen gelassenen Flächen. @67sabine Am Eßverhalten liegt es nicht unbedingt, denn man fühlt sich bei Bio-Kost, wenn es echt und kein Pseudo-Bio (Bio-Bio von Plus, bioness von Lildl, Bio-Wertkost von Edeka und wie die Marken alle heißen) ist, ohnehin weit schneller gesättigt als bei herkömmlicher Ernährung. Dies ist meine eigene Erfahrung mit vergleichender Ernährung aus beiden Bereichen. Und hungernde Menschen interessieren sich nicht dafür, ob es "Öko" ist, das ist richtig. Aber sie schmecken es. Denn Bio ist auch nicht gleich Bio. Und Öko ist nicht gleich Öko.
  • viatore
    Samstag, 18.02.2012, 16:38 Uhr
    Diese Utopie ist genauso unangemessen wie die Vorstellungen unserer Klimadonna in Berlin, dass im Jahr 2050 Deutschland 80 Prozent seines Stroms aus „erneuerbaren“ Energiequellen bezieht. Biolandbau ist gleichzusetzen mit flächendeckender Rückkehr zu einer kleinbäuerlichen Alternativ- Landwirtschaft. Daraus resultiert eindeutig eine Nahrungsmittel- Verknappung. Welternährungsexperten haben bereits vorgerechnet, dass durch die mit dem Biolandbau verbundenen geringeren Erträge drei von sieben Milliarden Menschen verhungern würden. Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob sie dabei schon die landwirtschaftlicher Nutzfläche eingerechnet haben, die der Nahrungsmittelherstellung durch den Anbau von „Energiepflanzen“ für die Erzeugung von Biosprit entzogen wird.
  • 67sabine
    Samstag, 18.02.2012, 16:05 Uhr
    Ich glaube nicht, dass man die ganze Welt "ÖKO" ernähren kann. Dann müßten alle denen es so gut im Augenblick ihr eßverhalten ändern. Aber solange man alles zur jede Jahreszeit essen kann und das im überfluss,wird sich nichts ändern. Und ich glaube mal nicht das hungernde Menschen, sich dafür intressieren ob es öko ist oder nicht.
  • Puma1949
    Samstag, 18.02.2012, 12:06 Uhr
    Möglich ist es sicher, aber wahrscheinlich jetzt noch nicht. Da wird noch einiges Umdenken nötig sein. Ökologische Landwirtschaft braucht auch für längere Vegetationsperioden mehr Platz, große Flächen müssten erst einmal entgiftet werden, das dauert mehrere Jahre, wenn man die Leute erst einmal überzeugt hat. Schön wär's ja. Den Chinesen allerdings traue ich es nicht zu. Die sind viel zu sehr auf Profit und Steigerung getrimmt, denen fehlen ein paar Jahrzehnte in der Entwicklung. Kommt eventuell noch, aber sicher erst in ein oder zwei Generationen.
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