Zur mobilen Ansicht wechseln

22.02.2012, 14:29 Uhr

Krank durch Schnitzel, Lendchen, Steak und Filet in Kooperation mit WELT Online

Antibiotika in der Tiermast fördern resistente Keime, die mit dem Fleisch auf den Teller des Verbrauches gelangen. Dabei wäre das Problem politisch einfach zu lösen.

Von Silvia von der Weiden

Masthähnchen und Mastkälber enthalten nach dem jüngsten Bericht des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) in Braunschweig deutlich mehr Bakterien, die unempfindlich auf Antibiotika reagieren. Bei E.coli-Bakterien, die den Stoff Verotoxin produzieren, stiegen die Nachweise bei Kälbern von 2009 zu 2010 von 51,1 auf 85,7 Prozent.

Auch EHEC gehört zu dieser Bakteriengruppe. Es wird befürchtet, dass Bakterien im menschlichen Körper nach dem Verzehr dieses Fleisches ähnliche Resistenzen entwickeln – und Medikamente bei Infektionskrankheiten schlechter wirken. Eine Gefahr besteht vor allem für Menschen mit ohnehin geschwächtem Immunsystem.

Viele sorgen sich um Schadstoffe in Lebensmitteln

Vielen Deutschen sind Lebensmittel nicht mehr geheuer. >

Meldungen über Keime im Fleisch, gegen die Antibiotika machtlos sind, verunsichern daher die Verbraucher. In einer Stichprobe in deutschen Supermärkten durch den Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) wurden bei elf von 20 untersuchten Hähnchenprodukten antibiotikaresistente Erreger entdeckt.

Ende 2011 hatte bereits eine Untersuchung in Nordrhein-Westfalen ergeben, dass gut 96 Prozent der Hähnchenmastbestände mit Antibiotika behandelt werden.

Das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) in Berlin geht davon aus, dass nicht nur Hähnchen, Hühner und Puten, sondern auch Schweine, Mastkälber und Rinder bis 5,9 Mal im Jahr mit Antibiotika behandelt werden. In einer bundesweiten Untersuchung des Instituts aus dem Jahr 2009 an 629 Proben Hähnchenfleisch hatten sich gut 22 Prozent als "MRSA-verdächtig" herausgestellt.

Das Kürzel steht für methicillinresistente Staphylococcus aureus, ein Wundinfektionskeim, der gegen eine wichtige Gruppe von Antibiotika unempfindlich ist. Bei rund sechs Prozent der Proben wurden resistente Formen des Darmkeims Escherichia coli (ESBL) nachgewiesen. Die Studien sprechen von "alarmierenden Ergebnissen" und ziehen den Schluss, dass Mäster trotz des Verbots Antibiotika in großem Stil auch bei gesunden Tieren einsetzen.

Verbotswidriger Einsatz in der Mast

Lance Prince vom Translational Genomics Research Institute in Flagstaff und sein Team schreiben aktuell im Fachmagazin "mBio", dass mindestens ein Stamm der MRSA-Keime vom Menschen auf Tiere übergegangen ist. Hier wurde er durch den Einsatz von Antibiotika resistent und ist mittlerweile wieder auf den Menschen zurückgesprungen.

Es sei nun klar, dass dieser gefährliche Erreger erst in den Tieren resistent wurde. Es sei also ganz allein der leichtsinnige Umgang mit Antibiotika, der nun auf die Menschen zurückfalle.

Verpackung mit Nanopartikel

Aktuelle Studien aus den USA geben Anlass zur Sorge. >

Bundeslandwirtschafts- und Verbraucherministerin Ilse Aigner will zu härteren Mitteln greifen und das einschlägige Gesetz verschärfen. Geplant ist unter anderem, die Tierärzte zu verpflichten, sich strikt an die Vorschriften der Antibiotika-Verordnung zu halten.

Zudem soll der Einsatz von Antibiotika vor dem Schlachttermin der Tiere präziser und länger dokumentiert und damit für Behörden besser nachvollziehbar werden.

Seit 2006 dürfen Antibiotika EU-weit nicht mehr zur Förderung der Mastleistung eingesetzt werden. Dennoch wurden nach BUND-Schätzungen 2010 knapp 1000 Tonnen Antibiotika an Geflügel, Schweine und Rinder in deutschen Ställen verfüttert. Fünf Jahre zuvor waren es noch knapp 900 Tonnen.

Auch das BfR hält es für geboten, den Einsatz von Antibiotika in der Mast "kritisch zu hinterfragen". Jährlich sterben hierzulande mehr als 15.000 Menschen an multiresistenten Keimen. Inzwischen werden sogar solche Antibiotika machtlos, die als eiserne Reserve für Ausnahmefälle gedacht waren. Vor allem MRSA-Keime treten immer häufiger in Krankenhäusern auf.

"Eine Antibiotika-Resistenz kann durch den Verzehr von tierischen Lebensmitteln auch auf Keime im menschlichen Körper wie die Darmflora übertragen werden", sagt Roswitha Merle von der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Dabei gibt es zwei Mechanismen. "Zum einen können Rückstände von Antibiotika vorkommen, wenn das Tier geschlachtet wird. Das ist das kleinere Problem, da es regelmäßige Lebensmittelkontrollen gibt und Überschreitungen von zulässigen Grenzwerten vergleichsweise selten sind.

Zum anderen können sich im Tier resistente Keime heranbilden, die mit dem Fleisch auf den Teller des Verbrauches gelangen. Auf resistente Erreger wird Fleisch jedoch in der Regel nicht untersucht. Die konkrete Resistenzlage kennen wir nicht genau genug."

Unterschiedliche Bretter verwenden

Um sich vor Krankheiten zu schützen, ist Hygiene ein Muss. >

Im Visier haben die Forscher insbesondere die ESBL produzierenden Darmkeime, die sich vor allem in großen Mastbeständen ausbreiten. Dort ist die Wahrscheinlichkeit für einen Austausch von Genen zwischen den Mikroben besonders hoch.

Stellen sich die zunächst zufällig entstandenen genetischen Veränderungen als vorteilhaft für das Überleben der Keime heraus, können sich solche Faktoren in Windeseile verbreiten. Dabei nutzt den Bakterien nicht nur ihre explosive Vermehrung durch ständige Zellteilungen.

Wird der Überlebensdruck besonders stark, etwa weil Antibiotika eingesetzt werden, wird ein als "horizontaler Gentransfer" bekannter Mechanismus genutzt. Dabei bilden die Bakterien Auswüchse, über die sie Gene mit überlebenswichtigen Eigenschaften quasi per Rohrpost an ihren Nachbarn weitergeben.

"ESBL bildende Bakterien haben solche Eigenschaften entwickelt""sie nisten sich in den Darm ein und bilden dort Enzyme, die Antibiotika wirkungslos machen. Diese Fähigkeit können die Keime auch an andere Erreger weitergeben, die dann im Falle einer Infektion schwerer zu behandeln sind. Das macht sie zu einer ernst zu nehmenden Gefahrenquelle."

Gute Hygiene und ganz durchbraten

Den Verbrauchern empfiehlt das BfR, Fleisch nur durcherhitzt zu verzehren und peinlich die Regeln einer guten Küchenhygiene zu beachten. "Wichtig ist auch, das Fleisch vor der Zubereitung gut kalt abzuspülen und es immer auf einer sauberen Unterlage zu schneiden", rät Merle. Eine unmittelbare Gefahr sieht sie zumindest bei Gesunden nicht.

Anders sehe das bei Personen mit einem geschwächten Immunsystem aus oder bei Patienten in einer Intensivbehandlung. "In solchen Fällen besteht ein Risiko, dass Bakterien über Lebensmittel oder Wunden in den Körper gelangen und dort gefährliche Wundinfektionen, Blutvergiftungen oder Lungenentzündung auslösen."

Weil das Problem der Resistenzbildung in Tiermastbetrieben trotz Gesetze noch ungelöst ist, fordert die EU eine deutliche Verringerung des Verbrauchs. Dem sind bereits einige Staaten, darunter die Niederlande und Dänemark, mit besserer Erfassung und Kontrolle von Mastbetrieben und Tierärzten nachgekommen.

Ziel ist die Halbierung der Antibiotikamengen. Die Bundesregierung hat veranlasst, dass die Daten zu Antibiotika-Auslieferungen erfasst werden. Die Arzneimittelhersteller müssen alle Lieferungen von Antibiotika melden.

Ob die Politik weiter nachbessert und eine Transparenz der in einem Betrieb eingesetzten Antibiotikamengen ermöglicht, bleibt fraglich. Die Bitten von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, Zugriff auf solche Daten zu erhalten, hat die Bundesregierung abgelehnt.

© WELT Online

0 Sterne - basierend auf 0 Bewertungen
Zur Übersicht: Gesundheit

134 Meinungen zu "Tiermast schuld an Superkeimen"

  • Drusberg
    Freitag, 24.02.2012, 09:54 Uhr
    Die Menschheit erntet, was sie verdient. Irgendwann kommt alles zurück, kein Handeln bleibt ohne Konsequenzen für die Handelnden, auch wenn es manchmal länger dauert bis die gesäte Saat aufgeht und die Ernte zurückkommt. Und multiresistente Superkeime sind nun mal das Resultat wenn immer mehr Menschen immer mehr und immer billigeres Fleisch haben wollen. Das muss irgendwo herkommen und produziert werden, und dafür leiden Mitgeschöpfe, tagtäglich und in großen Zahlen, ohne dass es die meisten interessiert. Da ist es nur gerecht, wenn der Preis für das ignorierte und verdrängte Leiden unserer Mitgeschöpfe Superkeime sind, die am Ende diejenigen heimsuchen, die das Leiden verursachen.
  • GerryGermoney
    Donnerstag, 23.02.2012, 17:55 Uhr
    Was, ´in diesem, unserem Lande´ (diese hohle Floskel lässt mich erschauern), is´ ´ne echte Sauerei! Aber querbeet! Wenn ich heute durch eine Einkaufsstätte gehe, sehe ich fast nur noch als Lebensmittel getarnte Füllstoffe! ´Angereichert´ mit Zeug, was aufgeklärte Haustierhalter ihren grossen und kleinen Lieblingen nicht zumuten würden! Ejahl! Habe angefangen, meine Nahrung selbst anzubauen und hoffe, in drei Jahren autonom zu sein! Viele Jahre lang lebte ich, abgesehen vom Qualmen, so, wie´s angeblich ´gesund´ ist und wurde dabei krank! Aus Infos, die ich bei dr-schnitzer (+/-), josef-stocker, melhorn, wassertrinken (Artikel & Themen klicken), zentrum-der-gesundheit, alles Punkt de, fand, bastelte ich mir eine ´Kur´, und bin nun, nach knapp zwei Jahren, zu 75 % (Rest in Arbeit)geheilt und habe ca 12 kg abgenommen! Ohne Arzt und Apotheker!!! Das Schärfste dabei: ich qualme fröhlich weiter, weil ich feststellte, dass Qualmen für mich, beim krank werden zweitrangig war! Den Fleischkonsum habe ich reduziert und wenn, dann muss das möglichst fett sein! Wurst esse ich kaum noch, denn was da alles reingehauen wird, verdirbt mir den Appetit! Ich arbeite an einer weiteren Reduzierung meines Fleischverbrauchs und werde, mittelfristig, nur noch Fleisch von artgerecht und mit Respekt vor der Mit-Kreatur gehaltenen Tieren essen! Evtl werde ich auch wieder Vegetarier! Habe ich einige Jahre lang praktiziert, hat aber gesundheitlich nich´ allzuviel gebracht denn, ich wählte die falschen Nahrungsmittel und kochte die dann, teilweise, auch noch tot! Ein Fleischboykott bringt m E wenig in Bezug auf das, was die Tiere erleiden müssen! Wenn das Zeug hier nicht gegessen wird, werden damit halt noch mehr Menschen in anderen Ländern zugekippt! Dafür werden dann eben Exportsubventionen eingesetzt! Da hilft nur eine vollkommen andere Politik, die Menschen und Tieren dient, aber ich fürchte, nich´ alles wird gut, sondern nur schlimmer! Wenn die Schweine in die Transporter getrieben werden, klatschen die Kälber! Grüsse und ... allzeit guten Appetit! Gerry S.
  • onion
    Donnerstag, 23.02.2012, 17:03 Uhr
    Was ist denn jetzt die einfache politische Lösung gegen die Superkeime? Tatsache ist, dass auch oder gerade in der Humanmedizin und auch im Verarbeitungsprozess von Lebensmitteln (z.B. Sprossen) schwer bekämpfbare Keime auftauchen. Nicht die Tiermast alleine ist schuld. Im Übrigen gibt es kein Verbot der Mäster Antibiotika einzusetzen. Kranke Tiere dürfen und müssen aus Tierschutzgründen nach einer tierärztlichen Untersuchung behandelt werden - auch wenn nötig mit Antibiotika. Sollen kranke lebensmittelliefernde Tiere denn verrecken? Was kaum einer weiß: Deutsche Nutztierhalter setzen im Schnitt nur etwa halb so viel Antibiotika ein wie ihre holländischen und französischen Berufskollegen (Quelle TopAgrar). Außerdem ist in der Nutztierhaltung in den letzten Jahren der Antibiotikaeinsatz drastisch gesunken; man muss die absoluten Antibiokamengen in Relation sehen zu der deutlich angestiegenen Zahl der Tiere. Die politischen Ansätze mehr Transparenz (für den Verbraucher) zu schaffen, den Antibiotikaeinsatz zu überwachen und die Haltungsbedingungen für die Tiere weiter zu optimieren und so den Einsatz von Antibiotika zu reduzieren sind gut und richtig.
  • DocBanane
    Donnerstag, 23.02.2012, 15:55 Uhr
    @ewald Schuld an der ganzen Misere ist einzig und allein die geldgierige Kapitalistensau, dieser diese Schweinerei veranstaltet und nicht nur der Vebraucher ! Immer mehr wollen nur kräftig mit daran verdienen ohne etwas dazu zu tun ! Zu Ostzeiten konnte das ja nicht passieren, da habt Ihr ja massehaft das Schlachtvieh für einen Apfel und ein Ei aus dem Ostblock bezogen ! ################################### Wandere doch zu deinen Freund Putin aus.
  • Hellmi
    Donnerstag, 23.02.2012, 15:26 Uhr
    Toll, jetzt wird alles besser. Fr. Aigner will die Tierärzte verpflichten, sich an geltende Vorschriften zu halten. Ups..gilt das nicht jetzt auch schon? Und die Bundesregierung gibt den Ländern keine Auskunft über die an die Betriebe gelieferten Antibiotikamengen. Das hilft, das gibt Tranzparenz! (Zum Verständnis: etwas Ironie ist in meiner Meinungsäußerung versteht)
  • mangostanne
    Donnerstag, 23.02.2012, 14:23 Uhr
    dersmut Das Problem bei Biofleisch besteht darin das diese Tiere in ihrem Leben niemals Medikamente gesehen haben.Kranke Tiere aber auch nicht notgeschlachtet werden,sondern mit durchgezogen werden ohne Rücksicht auf Verluste.Sollte das Tier überleben wird das Fleisch incl.Krankheitskeime dem Markt zugeführt. *********** ich weiß ja nicht, was du unter biofleisch verstehst.. aber nein, so läuft das nicht ab. sicher nicht. natürlich werden auch im biobetrieb kranke tiere behandelt. und man sollte natürlich auch zwischen aldi-bio und demeter differenzieren. kann sein, dass demeter vorschreibt, dass die kuh erstmal per wünschelrute bei vollmond oder so behandelt wird, aber behandelt wird auch sicher dort eine kranke kuh. bio heißt nicht, dass die tiere sich selbst überlassen werden, nicht vergessen. auch ein biobauer hat richtlinien und gewinnorientierung.
Anatomisches Illustration: Muskulatur Quiz

Hier können Sie überprüfen, wie weit Ihr Anatomie-Wissen reicht. >

Alle Specials im Überblick
EM-Ball 2012

Der Countdown zur EURO 2012 läuft...

BGR
BGR

Die Gaming-Hardware hilft in London Ärzten bei der Arbeit. >

 Bubble Tea

Krankenkasse warnt vor hohem Kaloriengehalt des Modegetränks. >

Vater mit Baby

Elternglück äußert sich bei Männern deutlicher als bei Frauen. >


Internet Made in Germany Ihr GMX-Postfach ist grün GMX unterstützt Unicef

Sie lesen gerade: Tiermast schuld an Superkeimen. Antibiotika in der Fleischherstellung haben gefährliche Auswirkungen.