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16.11.2011, 12:30 Uhr

Geschundene Kinderseelen

Hänseleien, fiese Bemerkungen oder Erpressungsversuche - Mobbing im Klassenzimmer oder Internet wird zum Massenphänomen. Manche Kinder zerbrechen am Psychoterror der Gleichaltrigen

Hanna ist acht, hübsch, fröhlich, hat liebevolle Eltern, zwei nette Geschwister und einen Hamster. Auch in der Schule kommt sie problemlos klar. Bis plötzlich alles schief läuft, ihre beste Freundin aus dem Nichts heraus gegen sie hetzt und zur Feindin wird. Hannas Schulbücher verschwinden, die Hefte landen im Müll, auf ihrem Stuhl pappen Kaugummis aus Kindermündern, und wenn sie im Unterricht etwas sagt, dann kichern die anderen. Auch verbal schießen die Mitschüler gegen sie: "Sei doch still, du dumme Kuh!" "Geh weg, du stinkst!", rufen sie, rollen die Augen und seufzen genervt. Hanna schämt sich, hat Angst, fühlt sich gedemütigt, weiß sich nicht zu wehren. Schließlich verbarrikadiert sie sich in jeder Pause auf der Schultoilette, um den Attacken zu entgehen.

Mehr als nur ein Streit

Was Hanna tagtäglich erlebt, ist mehr als nur ein Streit mit der besten Freundin oder das übliche Beliebtheitsgerangel in der Schule. Mobbing ist ein Phänomen, das eigentlich aus der Erwachsenenwelt bekannt ist. Nun schwappt es auch über Kinder und Jugendliche. Zwischen 10 und 15 Prozent aller Schüler haben laut wissenschaftlichen Untersuchungen schon einmal Mobbing erlebt. "Das ist ziemlich viel", sagt Markus Prummer, Dozent für Mobbingprävention an der Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen. Im Gegensatz zu normalen Konflikten sind die Kinder und Jugendlichen den gezielten Angriffen eines oder mehrerer Mitschüler über einen längeren Zeitraum ausgesetzt. Wie bei Hanna können das Hänseleien oder abfällige Bemerkungen sein, aber auch körperliche Angriffe und Erpressungsversuche sind keine Seltenheit.

Gemeinheiten aus dem Netz

Die seelische Bedrohung kommt aber nicht nur aus der Schule, sondern auch aus dem Internet. "Cybermobbing ist ein ganz großes Thema", weiß Prummer. Die Täter stellen ihre Opfer per Handy, E-Mails, Websites, Foren, Chats und Communities bloß. Soziale Netzwerke wie Facebook, MySpace oder SchülerVZ sind bei Teenagern beliebt, vor allem bei Mädchen. Die jungen Mobber verbreiten peinliche Fotos oder Filme, gründen Lästergruppen oder legen ein falsches Profil an, über das sie Unwahrheiten über die Zielperson ausstreuen.

Das Opfer sitzt in der Falle, es kann den Beleidigungen und Verleumdungen nicht mehr entkommen. "Anders als beim ‚normalen' Mobbing sind die Angriffe einer breiten Öffentlichkeit zugänglich", erklärt Prummer. Nicht nur Mitschüler oder Freunde bekommen die Demütigungen mit, sondern auch völlig Fremde. Das Schlimmste ist aber: Was einmal im Internet steht, lässt sich nur sehr schwer wieder entfernen. Wurde etwa die Handynummer oder E-Mail-Adresse des Opfers veröffentlicht, trudeln unerwünschte SMS oder Mails auch dann noch ein,  wenn die Daten schon längst gelöscht wurden.

Zerbrochene Seelen

Die ständigen Angriffe - ob direkt oder per Internet - hinterlassen Spuren in der Psyche der gemobbten Kinder und Jugendlichen. Hanna zum Beispiel schlief schlecht, hatte keinen Appetit mehr und klagte über Bauch- und Kopfschmerzen. Auch ihren Geschwistern gegenüber verhielt sie sich plötzlich aggressiv: "Hau ab, du nervst!" schleuderte sie ihrem kleinen Bruder oft entgegen und schubste ihn vehement aus dem Zimmer. "Wenn sich Kinder zurückziehen oder ungewöhnlich verhalten, sollten Eltern aufmerksam werden", rät der Mobbingexperte. Denn rechtzeitige Hilfe ist für die geschundenen Seelen sehr wichtig. Bleibt das Leiden über längere Zeit unbemerkt, kann das im schlimmsten Fall zu lang anhaltenden Depressionen oder auch Selbsttötungsversuchen führen. Schon einige Kinder zerbrachen daran und suchten den Ausweg auf den Bahngleisen.

Unterstützung suchen

Eltern sollten aber auf keinen Fall zu den Eltern der vermuteten Täter laufen und ein Streitgespräch über das untragbare Verhalten ihres Sprösslings vom Zaun brechen. "Das bewirkt häufig das Gegenteil und die Situation verschärft sich weiter", weiß Prummer. Sinnvoller sei es, die Unterstützung der Schule zu suchen und Beobachtungen verschiedener Seiten zusammenzutragen. "Die Eltern nehmen einen anderen Ausschnitt wahr als die Lehrer oder Mitschüler. Dabei bekommt man oft ein sehr interessantes Gesamtbild der Situation und kann besser reagieren", rät Prummer. Da auch Cybermobbing seinen Ursprung oft im Alltag der Jugendlichen hat, kann dieses Vorgehen bei Angriffen aus dem Netz ebenfalls hilfreich sein. Wurde das Kind über einen längeren Zeitraum gemobbt, ist auch eine Psychotherapie empfehlenswert. Sie schützt vor Langzeitfolgen, die sich manchmal bis ins Erwachsenenalter erstrecken.

Rollenspiele zur Verteidigung

Hannas Eltern jedenfalls haben schnell gemerkt, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt und Hilfe bei einer Mobbingberaterin gesucht. Durch  intensive Gespräche gelang es,  das Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen des Mädchens wieder herzustellen. In Rollenspielen lernte Hanna, sich aus eigener Kraft gegen erneute Angriffe zu verteidigen. Dabei lernte sie nicht nur ganz einfache Mittel wie eine feste Stimme oder eine aufrechte Haltung einzusetzen. Ihre Therapeutin und sie spielten Konfliktsituationen so lange nach, bis Hanna schlagfertige Antworten gefunden hatte, die ihren Angreifern den Wind aus den Segeln nehmen sollten. Die Mobber verloren bald die Lust daran, das Mädchen weiter zu quälen. Mittlerweile ist Hanna wieder das fröhliche Kind, das sie vor der Hetzkampagne ihrer ehemals besten Freundin war.  Und sie geht wieder gern zur Schule.

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