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08.02.2012, 10:51 Uhr

Experimente an Tiroler Kindern mit Tiermedikament

Nach den Vorwürfen mindestens eines ehemaligen Wiener Heimkindes, 1964 zu Therapiezwecken mit Malaria infiziert worden zu sein, werden ähnliche Anschuldigungen in Tirol erhoben. Auch hier soll es an zum Teil minderjährigen Heimkindern bis Ende der 1970er Jahre Experimente gegeben haben. Konkret soll einigen Mädchen das aus der Tiermedizin kommende Mittel Epiphysan gespritzt worden sein.

"Hier sind Mädchen, einfach weil behauptet wurde, die onanieren oder sind sexuell übererregt, niedergespritzt worden, mit dem Epiphysan, von dem wir wissen, dass es gesundheitsschädliche Auswirkungen hat", kritisierte der Historiker Horst Schreiber im ORF-"Ö1-Morgenjournal" am Mittwoch. Sein Vorwurf richtete sich vor allem gegen die bereits verstorbene Maria Nowak-Vogl, bis 1987 Leiterin der Innsbrucker Kinderpsychiatrie.

Sie soll bis Ende der 1970er Jahre Epiphysan, ein Mittel aus der Tiermedizin zur Vermeidung von Brunftverhalten bei Kühen, angewandt haben. "Weil sie einen Kreuzzug führte gegen die Onanie und gegen sexuelle Übererregtheit", meinte Scheiber, Initiator und Mitglied der Heim-Untersuchungskommission in Tirol.

Spritze (Symbolbild)

Ex-Heimkind gibt an, bewusst infiziert worden zu sein. >

Laut ihm sei Nowak-Vogl durch streng katholisches Denken und andererseits durch den Nationalsozialismus geprägt gewesen. In dessen Tradition stehe Röntgenbehandlung, die die Psychiaterin auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch angewandt habe: "Nowak-Vogl beschreibt selbst den Fall eines Fünfjährigen, den sie mit einer Serie von Röntgenstrahlen behandelt hat, wegen des Jähzorns, den er an den Tag legte."

Besonders Heimkinder seien von den Experimenten betroffen gewesen. Nowak-Vogl sei "eine der Schlüsselfiguren mit ihren Gutachten und Diagnosen" gewesen, um Kinder in Heimen unterzubringen, erklärte Schreiber.

"Die 'Aus den Augen - aus dem Sinn'-Praxis der scheinheiligen Tiroler Politik bis in die 1970er Jahre im Umgang mit Heimkindern bekommt eine weitere traurige Dimension", reagierte SP-Sozialsprecherin Gabi Schiessling auf die Berichte. Diesbezüglich habe das Land Tirol seine Verantwortung wahr genommen und begonnen, die Geschehnisse aufzuarbeiten und Entschädigungen an zahlreiche Heimkinder für ihre Leiden ausgezahlt.

Unterdessen hat Siegfried Kasper, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, am Mittwoch einen Missbrauch jener Patienten, die in den 1960er Jahren mit Malaria gegen psychiatrische Erkrankungen behandelt worden sein sollen, nicht ausgeschlossen. Es sei durchaus möglich, dass die Betroffenen damals als "Erregerträger" verwendet worden seien, sagte Kasper im APA-Gespräch. Die Uni-Klinik will die Sache nun in den nächsten Wochen aufarbeiten.

© APA

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