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11.07.2012, 11:30 Uhr

Entzauberte Psychopillen

Unermüdliche Konzentration, sprudelnde Kreativität – wenn der Leistungsdruck steigt, versucht so mancher, seine mentale Potenz mit Psychopillen zu pushen. Doch Hirndoping ist nicht nur riskant, sondern auch nutzlos. Bei Gesunden bringen Ritalin und Co nicht mehr als starker Kaffee.

Bea hackt fahrig auf ihren Laptop ein. Morgen soll sie dem Chef ein bahnbrechendes Projektkonzept präsentieren. Doch Beas leerer, erschöpfter Geist will einfach keine zündende Idee ausspucken. Auch Sebastian ist müder als erlaubt. Ihm bleiben noch drei Nächte und zwei Tage bis zur Bachelor-Prüfung. Zu wenig für den überquellenden Ordner mit Vorlesungs-Mitschriften und die zwei ungelesenen Fachbücher. Wie verlockend wäre es jetzt, den grauen Zellen mit einer kleinen Pille auf die Sprünge zu helfen? Mit einem synthetischen Helferlein für mehr Kreativität, bessere Konzentration und stundenlange ungetrübte Aufmerksamkeit?

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"Ich kenne einige, die in stressigen Phasen Tabletten einwerfen", erzählt Management-Studentin Sarah. Der Trend, seine geistige Leistungsfähigkeit mit Medikamenten zu pushen, schwappt aus den USA in die deutsche Lern- und Arbeitswelt. Schlucken gesunde Menschen für mehr Konzentration, Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen ohne medizinische Notwendigkeit verschreibungspflichtige Medikamente, sprechen Experten von Hirndoping – oder weniger plakativ von Neuroenhancement.

Zaubermittel gegen Stress

Abiturienten nehmen Aufputschmittel, um den Prüfungsstoff in Rekordzeit zu büffeln. Medizinstudenten halten sich mit Modafinil nächtelang über den Büchern wach, einem Medikament gegen das seltene Leiden Narkolepsie, im Volksmund auch Schlafkrankheit genannt. Berufstätige futtern Alzheimer-Medikamente, um ihren kreativen Output zu pushen und Antidepressiva für die bessere Stimmung.

Zu den beliebtesten Hirndoping-Substanzen zählen Psychostimulanzien mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Sie heißen Ritalin, Concerta oder Medikinet und sind zur Behandlung von ADHS zugelassen. Pillen, die zappeligen Kindern mit sogenanntem Hyperaktivitäts-Aufmerksamkeitsdefizits-Syndrom beim Stillsitzen helfen sollen. "Meine eigene Mitbewohnerin hat mir schon mal was angeboten, als ich mit einer Semesterarbeit in Verzug und reichlich übermüdet war", erinnert sich Studentin Sarah. Die Kommilitonin fischte das Zaubermittel gegen Stress und Schlafmangel aus ihrem Badezimmerschrank. "‚Ich hab´ noch Ritalin‘, meinte sie. ‚Kannst gerne eine haben!‘" Sarah hat dankend abgelehnt.

Viagra fürs Gehirn

Aber macht das Viagra fürs Gehirn wirklich fit für die Leistungsgesellschaft? "Ohne Ritalin hätte ich im Staatsexamen alt ausgesehen", schreibt jemand unter dem Psyeudonym "Lucky13" in ein Internetforum. "Ich hatte 1000 Gedanken, die ich nicht greifen konnte. Nach der Einnahme war alles viel klarer".

Andreas Franke, Hirndoping-Forscher von der Universität Mainz, kennt solche begeisterten Erfahrungsberichte. "Wir lesen in den Medien immer wieder von Studierenden, bei denen die Substanz extrem gut gewirkt haben soll", bestätigt der junge Arzt. Doch der doppelt promovierte Mediziner und Sozialwissenschaftler kennt auch die Fakten.

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Nicht besser als Kaffee

Franke hat alle sauber designten Studien studiert. Aussagekräftig sind nur solche, bei denen nach dem Zufallsprinzip neben dem Medikament auch ein wirkstofffreies Placebo ausgegeben wird und bei denen weder Studienleiter noch Teilnehmer wissen, wer die echte und wer die Zuckerpille schluckt. Das wissenschaftliche Fazit ist ernüchternd: Keine der zum Hirndoping eingesetzten Substanzen erfüllt die in sie gesetzten Erwartungen.

Das Zappelphillippmittel Methylphenidat steigert zwar die Wachheit, erhöht die Aufmerksamkeit und verkürzt die Reaktionszeit – aber das schafft eine Tasse starken Kaffees auch. Auf Gedächtnis und Stimmung hat die ADHS-Pille keinen Effekt. Der Wachmacher Modafinil macht gesunde Erwachsene bestenfalls ein kleines bisschen munterer, Antidepressiva und Medikamente gegen Demenz wirken bei Gesunden überhaupt nicht. "Da muss man sich schon fragen, warum Schüler und Studierende überhaupt zu verschreibungspflichtigen Substanzen greifen", sagt Franke. "Sie könnten genauso eine, zwei oder drei Tassen Kaffee trinken."

Placeboeffekt und Selbstüberschätzung

Die Diskrepanz zwischen erlebtem und erforschtem Effekt der Pille ist schnell entzaubert. "Methylphenidat steigert die subjektive Selbsteinschätzung", erklärt der Wissenschaftler. "Begeisterte Erfahrungsberichte entstehen meiner Ansicht nach durch die euphorisierende Wirkung der Substanz, nicht durch eine echte Leistungssteigerung!" Die Studenten werden also nicht besser, sie überschätzen sich nur.

Leider sind diese Erkenntnisse kaum verbreitet. "Die Studierenden, die Substanzen einnehmen, sind tatsächlich der Ansicht, dass die Wirksamkeit von Hirndoping wissenschaftlich erwiesen ist", bestätigt Franke. Deshalb schrecken sie auch nicht vor Illegalität zurück, um sich die Leistungspillen zu beschaffen.

Erschlichene Rezepte

Methylphenidat unterliegt beispielsweise dem Betäubungsmittel-Gesetz. Man kann es nicht einfach so kaufen, auch nicht gegen ein normales Rezept vom Arzt. Nur ausgewählte Mediziner bekommen von der Bundesopiumstelle abgezählte und nummerierte Betäubungsmittel-Rezepte, und nur sie dürfen Ritalin und Co verschreiben. Strenger kann die Abgabe eines Medikaments nicht reglementiert sein. Trotzdem sind massenhaft ADHS-Pillen im Umlauf. Abgezweigt vom kleinen Bruder, bei dubiosen Internethändlern erstanden - und auch ganz legal auf Rezept. "Es ist doch heutzutage kein Problem, die Symptome von ADHS zu googlen", weiß Franke, "Irgendein Arzt verschreibt ihnen dann schon was."

Auch Sarahs Mitbewohnerin hat ihrem Hausarzt mit vorgespielten Symptomen ein Rezept entlockt. Von Risiken und Nebenwirkungen wollte sie dabei nichts wissen. Dabei sind diese kaum kalkulierbar, insbesondere bei längerfristiger Einnahme. Methylphenidat kann beispielweise Wachstum und Entwicklung stören, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckkrisen, Kopfschmerzen, Depressionen oder Psychosen mit Wahnvorstellungen auslösen. Und das sind nur wenige Punkte einer langen Liste möglicher Komplikationen.

Kein Massenphänomen

Anders als in den USA ist Hirndoping hierzulande kein Massenphänomen. Zwar geisterte im Jahr 2009 ein Hirndoping-Hype durch die deutschen Medien – die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) berichtete von 17 Prozent der Erwerbstätigen, die schon einmal Medikamente zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit oder der psychischen Befindlichkeit eingenommen hätten. Doch diese Umfrage hatte methodische Mängel. Sie unterschied nicht zwischen verschreibungspflichtigen und frei verkäuflichen Substanzen wie Ginkgo biloba. Auch spiegelte die Stichprobe nur einen kleinen Ausschnitt der Bevölkerung wider.

Repräsentativere Untersuchungen kommen auf weit geringere Hirndoping-Quoten. Laut einer Studie des HIS-Instituts für Hochschulforschung (HIS) im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums schlucken rund fünf Prozent der Studierenden verschreibungspflichtige Medikamente für mehr Leistungen und weniger Nervosität. Eine Analyse des Robert Koch-Instituts kam auf 1,5 Prozent der Männer und Frauen. Das Mainzer Team um Andreas Franke ermittelte unter rund 1500 Schülern und Studenten sogar nur 1,2 Prozent aktive Hirndoper.

Traum der Pharmamanager

Doch wie die Mainzer Studie zeigt, könnte sich das schnell ändern. Denn die jungen Männer und Frauen sind besorgniserregend offen für einen Leistungskick aus dem pharmazeutischen Labor: Gäbe es eine kleine Pille ohne Nebenwirkungen, die nicht abhängig macht und keine Langzeitschäden verursacht, würden rund 80 Prozent gerne zugreifen. Ein riesiger potenzieller Absatzmarkt für die Medikamentenindustrie? Noch ist keine sichere und wirksame Substanz in Sicht. Bis der Traum der Pharmamanager Wirklichkeit wird, bleibt Bea und Sebastian nur der Gang zum Kaffeeautomat.

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Die Informationen dürfen auf keinen Fall als Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte angesehen werden. Der Inhalt von NetDoktor.de kann und darf nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

Quelle: Lieb, K.: Hirndoping. Warum wir nicht alles schlucken sollten. Artemis & Winkler 2010

Franke A.G. und Lieb K.: Pharmakologisches Neuroenhancement und "Hirndoping" Chancen und Risiken. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2010; 53(8): 853-60

Robert Koch-Institut: KOLOBRI. Studie zum Konsum leistungsbeeinflussender Mittel in Alltag und Freizeit. 2011

Middendorff E. et al.: Formen der Stresskompensation und Leistungssteigerung bei Studierenden. HIS: Forum Hochschule01|2012

Franke A.G. et al.: Non-medical use of prescription stimulants and illicit use of stimulants for cognitive enhancement in pupils and students in Germany. Pharmacopsychiatry 201; 44(2): 60-6

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21 Meinungen zu "Gehirndoping mit Psychopillen?"

  • mitsuko
    Mittwoch, 30.01.2013, 16:14 Uhr
    Immer höher, schneller, weiter und wenn man zusammenbricht, hilft der Onkel Doktor weiter. Oder schon vorher eine ordentliche Ladung aus der bunten Pillenkiste gefällig? Man will ja klug, erfolgreich, schön und selbstbewusst sein. Pusher, Downer, Antidepressiva evt. mit einer Prise Koks garniert? Hey, än Guete mitänand! Wär doch schön, wenn wir alles mal ein wenig ruhiger angehen würden, oder?
  • Shunya
    Mittwoch, 30.01.2013, 15:51 Uhr
    wie kann ein junger,gesunder mensch nur medikamente zu sich nehmen um dem leistungsdruck standzuhalten. irgend etwas scheint in unserer gesellschaft mächtig gewaltig aus den ruder zu laufen. und ich dachte schon unserer gesellschaft kann nicht morbider werden...aber doch, es geht noch besser.
  • gruenerkorn
    Dienstag, 24.07.2012, 12:33 Uhr
    Also dieser Artikel ist ein Paradebeispiel für die Unwissenheit und Borniertheit der Menschen bei diesem Thema. Gründe: 1. Der Wirkstoff von Ritalin, Medikinet, Concerta und wie die Medikamente alle heißen ist die Substanz "Methylphenidathydrochlorid". Die ist seit 50 Jahren auf dem Markt und der wohl am kontroversesten diskutierte Wirkstoff. Bisher ist kein Fall von nachhaltigen Schäden oder sonstigen negativen Folgeerscheinungen aufgetreten. Angemerkt: Sieht man vom unverantwortlichen Umgang mit diesem Wirkstoff ab, der aber genau deshalb nicht miteingerechnet werden kann. Wer ordentlich mit dem Wirkstoff umgeht, dem wird nichts passieren. Wer sich pro Tag 300 mg des Wirkstoffs reinzieht, der braucht sich über massive NEbenwirkungen etc nicht wundern. 2. Wissen. Viele sogenannte Experten haben von dem gesamten Bild des ADHS absolut keine Ahnung. Sie beschäftigen sich oberflächlich damit und geben Ihre MEinung preis, ohne die Folgen davon zu bedenken. Es ist heute noch kaum erforscht und nur sehr wenige Ärzte wissen wirklich gut damit umzugehen und es zu behandeln. 3. Betroffene der ADHS nicht mit dem Wirkstoff zu behandeln ist um längen schlimmer als alle angeblichen Nebenwirkungen. Durch die ewigen Misserfolge, sozialen Zurückweisungen und Fehlentwicklungen droht eine massive Gefahr in Süchte oder Depressionen zu rutschen. Auch Stresssymptome wie Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Schlaganfälle, Magengeschwüre werden durch Ncihtbehandlung massiv gefördert. Die Medikamente machen ein ordentliches Leben mit Erfolgen und sozialer Kompetenz absolut, bzw. überhaupt erst möglich. Sie verschleiern nicht die Persönlichkeit, sondern sie bringen sie erst zum Vorschein. 4. ADHS ist keine Krankheit. Es ist eine Wesensart. Hintergund: In einer Welt als der Mensch noch Jäger und Sammler war, musste man auf jeden Reiz achten. Ein Zweigknacken, eine winzige Bewegung im Unterholz konnte entweder Beute oder Tod bedeuten. ADHSler konnten diese REize besser wahrnehmen und entsprechend reagieren. In einer Welt wie heute, wo ein Reiz nach dem anderen auf uns einstürzt, sind die Menschen bevorteilt, die sich besser auf eine SAche fokussieren können. 5. Als Betroffener kann ich nur folgendes sagen: Ich habe einen IQ von knapp 130. Ohne die Medikamente wäre ich heute nicht da wo ich jetzt bin. Ich habe statt in einer Ausbildung zum Flaschensortierer oder Burgerbrater ein Hochschulstudium absolviert, mein Leben im Griff und soziale Kontakte. Es wurde bei mir mit 19 diagnostiziert. Früh genug um das alles zu schaffen, zu spät um all das zu lernen, was man als pubertierender Jugendlicher unbewusst lernt. Ich kann nur jedem Betroffenen raten, dass er die Medikamente nicht ablehnt. Sie haben meine Familie gerettet. Sie wäre wegen meinem ADHS zerbrochen.
  • Southkenny
    Montag, 16.07.2012, 17:58 Uhr
    Mist ich trinke kein Kaffe, muss ich jetzt Ritalin nehmen? Also echt, wer sich als gesunder Mensch mit Medikamenten vollstopft gehört doch an die Wand gestellt und.... Selbst wenn es funktionieren würde, kann man doch danach nicht mehr stolz auf sein Ergebnis sein.
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