"Moderne Kranke erwarten ein Rezept"
Herr Prof. Esch*, Sie sagen, man könne sich Krankheiten auch selbst vom Hals schaffen. Wie geht das?
Jeder von uns trägt ein großes Potenzial zur Selbstheilung in sich. Früher war es für Ärzte selbstverständlich, nicht nur Medikamente zu verschreiben oder zu operieren. Die Patienten bekamen auch eine konkrete Anleitung, was sie selbst noch tun können. Kneipp-Güsse sind ein gutes Beispiel. Bei uns ist das leider ein Stück weit verloren gegangen.
Wollen Kranke für ihre Gesundheit überhaupt nichts tun?
Nach meiner Erfahrung ist das häufig so. Wenn ein Schmerzpatient die Wahl hat zwischen Medikamenten oder mehr Bewegung und Entspannung, dann wird er fast immer zu den Pillen greifen. Moderne Kranke erwarten oftmals keinen guten Rat, sondern ein Rezept, das sie in der Apotheke einlösen können.
Sie vertreten die Mind-Body-Medizin. Was kann ich mir darunter vorstellen?
Bleiben wir bei chronischen Schmerzen, das ist ja ein sehr häufiges Problem. Sie haben Medikamente bekommen, wurden untersucht und behandelt, aber die Schmerzen sind immer noch da. Die wesentliche Frage, die sich die Mind-Body-Medizin stellt, ist: Was kann der Patient noch tun? Wozu ist er in der Lage? Was ist gesund für ihn und tut nicht weh?
Und im Fall des chronischen Schmerzpatienten wäre das?
Bewegung, ganz einfach. Oft haben die Betroffenen eine Depression. Sie ist entweder die Ursache oder Folge der permanenten Schmerzen. Gegen depressive Gemütszustände gibt es kaum ein besseres Mittel als wohldosierte Bewegung. Dabei geht es nicht um einen Marathonlauf, sondern beispielsweise um eine halbe Stunde Spazierengehen. Ich leite den Schmerzgeplagten also an, nicht vor dem Fernseher zu versauern, sondern sich gezielt und im Rahmen seiner körperlichen Möglichkeiten zu bewegen. Das ist das eine.
Und das andere?
Wenn Menschen chronische Schmerzen haben, begeben sie sich schnell in eine Opferrolle und glauben, das gesamte Leid der Welt liege auf ihren Schultern. Sie müssen lernen, sich weder mit ihrem Schmerz zu identifizieren, noch vor ihm zu fliehen. Und dabei wirkt kaum etwas so gut wie regelmäßige Entspannung oder Meditation, gewissermaßen als ‚innere Einkehr'. Sie lehrt, sich wieder auf die Dinge konzentrieren, die nicht schmerzhaft und noch in Ordnung sind.
Ist die Mind-Body-Medizin das letzte Medikament, wenn nichts mehr hilft?
Nein, ich würde eher sagen, sie ist eine Erweiterung für den Patienten. Es handelt sich hier ja nicht um neues Heilverfahren. Hinter dem Begriff Mind-Body-Medizin steckt eine Vielzahl von Methoden, durch die ein Mensch seine körperliche und seelische Gesundheit positiv beeinflussen kann.
Und wie geht das?
Im Prinzip bringen Sie wieder Ordnung in Ihr Leben und verringern den Stress. Wir arbeiten mit vier Säulen: Entspannung oder Meditation, gesunde Ernährung, mäßige Bewegung und eine Lebensweise, die viel Wert auf Freundschaft, Liebe, Optimismus legt. Diese Dinge können Sie selbst lernen. Und für alle vier Bereiche gibt es wissenschaftliche Nachweise, dass sie wirken, zum Beispiel bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Angststörungen oder eben chronischen Schmerzen.
Gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung? Eigentlich nichts Besonderes.
Da haben Sie Recht. Aber der gute Rat allein und die bloße Erkenntnis, dass Bewegung gut ist, bringen nichts. Was wir tun, hat nichts mit Wellness zu tun. Wir sagen nicht nur ‚Sie könnten mal meditieren', sondern wir verordnen Entspannung, positives Verhalten oder gesunde Ernährung - auf Rezept sozusagen. Das ist das Besondere an der Mind-Body-Medizin. Die Patienten bekommen auch eine aktive und individuelle Anleitung, wie sie zum Beispiel üben und was sie essen sollen. Das muss mit der gleichen Ernsthaftigkeit passieren, als würden wir ein Medikament verschreiben.
Das hört sich nach harter Arbeit an.
Das steht außer Frage. Aber nicht nur die Patienten müssen trainieren, sondern auch der Arzt oder Therapeut muss an sich arbeiten und quasi eine Art positives Beispiel abgeben. Er muss nämlich absolut authentisch sein, sonst funktioniert das Ganze nicht.
Das heißt, Sie praktizieren diese Methoden auch selbst?
Ja, ich versuche die vier Säulen tatsächlich auch umzusetzen. Ich meditiere morgens, ernähre mich gesund, bewege mich eine halbe Stunde pro Tag und betreibe Yoga, zweimal in der Woche. Mir tut das selbst ganz gut. Wenn Sie den Leuten Verhaltensregeln verschreiben, die Sie selber nicht praktizieren, dann nimmt Ihnen das keiner ab.
Was raten Sie Menschen, die sich komplett in ihrer Krankheit und ihren Beschwerden vergraben?
Einer meiner Kollegen aus den USA sagt immer: ‚There is always something!' Im übertragenden Sinn bedeutet das: Egal wie krank ich bin, es gibt immer etwas, was ich tun kann, was mir Freude macht. Damit meine ich nicht, Krankheit zu ignorieren oder den Ernst der Sache herunterzuspielen. Zu einer konstruktiven Einstellung gehört eben auch, sich Hilfe zu holen, wenn sie gebraucht wird. Aber solange ich lebe, trage ich immer noch gesunde Anteile in mir. Und die sollte ich mir weder von einem Arzt noch von einer Diagnose aus der Hand nehmen lassen.
Herr Prof. Esch, wir danken Ihnen sehr herzlich für das Gespräch.
Das Interview führte NetDoktor.de-Redakteurin Kathrin Rothfischer.
*Prof. Dr. Tobias Esch ist Professor der Integrativen Gesundheitsförderung an der Hochschule Coburg und beschäftigt sich mit den Schwerpunkten Stress, Stressmanagement sowie Prävention und Salutogenese.
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