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29.12.2012, 16:25 Uhr

Analyse: Indiens Frauen haben genug

Neu Delhi (dpa) - "Kein Land für Frauen" steht auf dem Schild einer Demonstrantin. "Bin ich nur ein Körper, der benutzt wird?", fragt eine andere.

Tausende Inderinnen sind in der Hauptstadt Neu Delhi auf die Straße gegangen, weil sie genug haben von der Machogesellschaft, vom täglichen Begrapschen und der sexuellen Gewalt. Die Demonstrantinnen ließen sich dabei kaum aufhalten von Wasserwerfern und Tränengas.

Auslöser für die Proteste war die Gruppenvergewaltigung einer 23-Jährigen. Die Medizinstudentin war in einem fahrenden Bus von sechs Männern sexuell misshandelt und mit einer Eisenstange schwer verletzt worden. Jetzt ist sie ihren Verletzungen erlegen.

Doch wie so oft in Indien suchen einige auch diesmal eine Mitschuld beim Opfer. Warum war sie abends noch unterwegs? Warum fuhr sie mit dem Bus? War sie vielleicht aufreizend gekleidet? Das bringt die Demonstranten auf die Palme. "Sag mir nicht, wie ich mich anziehen soll. Sag ihnen, niemanden zu vergewaltigen", fasst es eine junge Frau zusammen. Eine andere meint: "Nur weil ich meine Beine zeige, heißt das nicht, dass ich sie spreize."

Viele Mütter begleiteten ihre Kinder. "Wir haben Angst, unsere Töchter abends aus dem Haus zu lassen", sagt die Lehrerin Savita Rao. "Es sind heute so viele Polizisten hier, die versuchen, uns zu vertreiben. Warum können sie nicht stattdessen die Stadt sicherer für unsere Mädchen machen?" Die Frau neben ihr ruft: "Ich appelliere an die Exekutive, Judikative und Legislative, strengere Gesetze zu erlassen und diese auch strikt durchzusetzen."

Zu den spontanen Demonstrationen kommen - gerufen durch SMS von Freunden und die ständige TV-Berichterstattung - vor allem Mitglieder der Mittelschicht, die sich mit dem Opfer identifizieren können. Am Fall der 23-Jährigen entzündete sich der Protest, obwohl die Zeitungen jeden Tag voll sind von Vergewaltigungsfällen - doch sind diese Opfer oft Dalits (Unberührbare) in ländlichen Gebieten. Nun aber traf es eine Studentin in einer besseren Wohngegend in der Hauptstadt. Sie wurde zu ihrem Symbol.

Indiens Frauen fühlen sich verraten, sagt Akhila Sivadas, Sprecherin der Interessengruppe CFAR. "Jeder merkt, dass das System, das Frauen beschützen sollte, komplett versagt hat." 24 206 Vergewaltigungen gab es im vergangenen Jahr in Indien. Offiziell. Denn in einer Gesellschaft, in der die Ehre der Familie meist höher bewertet wird als die Misere eines Mädchens, dürfte die Dunkelziffer noch viel höher liegen als in anderen Ländern.

Und selbst wenn Täter angezeigt werden, müssen viele nur theoretisch die Höchststrafe einer lebenslänglichen Haft fürchten. Die Fälle werden oft über Jahre verschleppt und am Ende wird nach offiziellen Zahlen nur etwa ein Viertel der Angeklagten verurteilt. Die Frauen mit den Plakaten fordern schnelle und effektive Prozesse. "Wir wollen Gerechtigkeit." Und sie wollen noch mehr: "Wir wollen keine Angst mehr haben."

Die Frauen, die in Indiens Gesellschaft noch immer so wenig zählen, dass unzählige abgetrieben werden, ehe sie auf die Welt kommen dürfen, wollen raus aus der Opferrolle. "Ich weigere mich, immer Pfefferspray in die Handtasche zu packen", schreibt Shobhaa De, eine bekannte Kolumnistin. Frauen sollten sich nicht verstecken, denn Straßen, Haltestellen, Bahnhöfe, Busse, Rikschas und Züge gehörten ihnen genauso wie Männern. "Sicherlich werde ich mich nicht ständig umblicken, wenn ich das Haus verlasse. So kann man doch nicht leben."

Alle News vom: 29. Dezember 2012 Zur Übersicht: Nachrichten

55 Meinungen zu "Indiens Frauen haben genug"

  • rotaniel
    Sonntag, 17.03.2013, 11:26 Uhr
    In Indien ist das Leben eines ungeborenen Maedchens nichts wert ist. Weibliche Foeten werden massenhaft abgetrieben. Weibliche Babies werden sogar noch nach der Geburt getoetet. Da wundert es nicht, dass Frauen als Objekt gesehen werden. Bei dem Maenneruebeschuss ist zu vermuten, dass derartige uebergriffe sogar noch zunehmen. Warum wehrt sich keiner gegen die praenatale Selektierung von Foeten nach Maennlich und weiblich. Solch eine Selektierung vorzunehmen ist schon sehr faschistisch. Warum prangert man dies nicht international an??
  • Hallo500
    Freitag, 08.02.2013, 16:43 Uhr
    Peter188 Es ist noch ein weiter Weg bis Menschenrechte weltweit ernst genommen werden ---------- Menschenrechte sind vergänglich. Weltweit werden diese nie ernst genommen. Das kann auch gar nicht in unserem Interesse sein. Schließlich wollen wir gut leben, dafür müssen andere leiden. Alles hat immer zwei Seiten.
  • Peter188
    Freitag, 08.02.2013, 12:03 Uhr
    Es ist noch ein weiter Weg bis Menschenrechte weltweit ernst genommen werden
  • Hallo500
    Freitag, 08.02.2013, 10:53 Uhr
    "Indiens Frauen haben genug", der Titel soll einfach nur verkaufen. Fakt ist leider diese Vergewaltigungen kommen in Indien jedes Jahr in Massen vor. Auch Massenvergewaltigungen. Das bereits seit vielen Jahrzehnten. Daran wird sich auch in den kommenden 10 - 20 Jahren nicht viel ändern. Leider. Das liegt an dem gesamten System in Indien. Es braucht einfach noch viel Zeit. Momentan lässt sich dieses Thema gut verkaufen, in bereits aber einigen Wochen ist es verbraucht und keiner wird sich mehr dafür interessieren. Auch das ist eine Wahrheit.
  • LichtNixe
    Sonntag, 06.01.2013, 17:58 Uhr
    Hallo an @All ! Beim durchstöbern der Threads , bin ich - kurz vor Schluß - noch hier gelandet . Die 5 Minuten Zeit die ich noch habe, wollte ich kurz noch etas sagen/schreiben . Es wurde höchste Zeit, das nun die indischen Frauen auf die Straße gehen und protestieren. Wie es aber immer so ist, muß erst ein "erschütterndes Ereignis" stattfinden, bevor Staat und Regierung aus ihrer Lethargie aufwachen und grundlegend etwas ÄNDERN ! Lg. @LichtNixe
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