Gauck schon unter Druck - Sagt er was, und wann?
Berlin (dpa) - Viel zu sehen war seit seiner Kandidatenkür noch nicht von Joachim Gauck. Nur in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gab es heute noch einmal die ganzseitige Anzeige zu bestaunen, in der Gauck im Liegestuhl vor dem Schloss Bellevue für die Zeitung wirbt, hinter der sich doch immer ein "kluger Kopf" verbergen soll. Die Werbung ist eineinhalb Jahre alt, damals hatte Gauck gerade gegen Christian Wulff verloren. Im Gegensatz zu 2010 ist seine Wahl zum Bundespräsidenten am 18. März aber so gut wie sicher.
Was aber macht Gauck in den knapp vier Wochen bis dahin? Bei aller Wertschätzung und Zustimmung in den Parteien, die ihn gekürt haben, ist auch unerwartet heftige Kritik auf den 72-Jährigen eingeprasselt. Oft unvollständige oder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate aus Reden und Interviews kursieren im Netz.
Sie rücken Gauck in die Nähe der Migrations-Thesen des umstrittenen Ex-Bundesbankers Thilo Sarrazin, unterstellen ihm Sympathie für die Vorratsdatenspeicherung sowie Antipathie gegen Harz-IV-Empfänger und die Occupy-Bewegung. Sogar angebliche Stasi-Kontakte des ehemaligen DDR-Bürgerrechtlers werden thematisiert.
Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin rät dem designierten Bundespräsidenten, auf seine Kritiker zuzugehen. "Damit wird er sich auseinandersetzen müssen", sagte Trittin zu "Spiegel online". Aber wo und wie? Welche Termine nimmt Gauck in den 25 Tagen bis zu seiner Wahl überhaupt noch wahr? Nur ganz wenige, heißt es aus seiner Umgebung.
Noch arbeitet Gauck daran, ein kleines Team zusammenzustellen, das ihn bis zum 18. März begleitet. Mit dabei ist Andreas Schulze von den Berliner Grünen, ehemaliger Sprecher von Renate Künast schon in deren Zeit als Agrarministerin. Auch 2010 - im Duell gegen Christian Wulff - hatte Schulze für Gauck gearbeitet.
Gauck wird aller Voraussicht nach nicht nur der bei Amtsantritt älteste Bundespräsident sein, sondern auch der erste Parteilose in diesem Amt. Seine Autorität und Überzeugungskraft gründet sich auf die Macht seiner Worte, auf seine Glaubwürdigkeit - auch wenn dieser Begriff unter seinem Vorgänger arg strapaziert wurde. Einen politischen Apparat, gar eine Parteimaschine hat Gauck nicht hinter sich. Auch seine Reden schreibt er bisher meist selbst.
Und nicht alle mögen Gauck. Der frühere Linke-Chef Oskar Lafontaine etwa meinte zu "Stern.de", im Osten seien "Stimmen nicht zu überhören, die darauf hinweisen, dass auch Gauck sich wie andere evangelische Pfarrer mit dem DDR-Regime arrangiert" und Privilegien von der Staatssicherheit erhalten habe. Reagiert Gauck auf solche Vorwürfe, oder schweigt er?
Zum großen Thema des Boulevards wurde - für Gauck vermutlich unerwartet - auch ganz schnell sein Privatleben. Die "wilde Ehe" mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt sorgt auch in den Union für Irritationen: "Es dürfte wohl im Interesse des Herrn Gauck selbst sein, seine persönlichen Verhältnisse so schnell als möglich zu ordnen, damit insoweit keine Angriffsfläche geboten wird", sagte der CSU-Familienpolitiker Norbert Geis.
Ratschläge, nun schnell zu heiraten, erhält Gauck auch aus den Reihen seiner Unterstützer. Noch vor kurzem hätte er sich solche Einmischungen sicher verbeten. Aber sein Leben hat sich schon verändert. Und das ist nur der Anfang.
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