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17.06.2012, 18:00 Uhr

Wer lebt denn da? Biologen machen große Inventur im Rhein

St. Goar (dpa) - Langsam hebt der Bagger die Steine vom Grund des Rheins auf das Forschungsschiff "Burgund". Erst kurz über der Arbeitsplattform öffnet sich der Greifarm, und der Inhalt - große Platten und kleines Geröll - fällt krachend heraus. Sofort macht sich ein Biologenteam über den triefenden Steinhaufen her.


Schon auf den ersten Blick sind auch Muscheln, Flohkrebse und Schwämme zu erkennen. Aber die Experten auf dem Forschungsschiff der rheinland-pfälzischen Wasserwirtschaft wollen es genauer wissen. In diesen Wochen werden auf Rhein, Mosel und Saar systematisch Proben für eine große Studie gewonnen. Um sich ein Bild von der derzeitigen Besiedlung zu machen, werden noch bis Ende Juni rund 100 Proben aus bis zu sechs Metern Tiefe aufs Schiff geholt. Dabei geht es den Forschern darum, welche Tiere aus der Gruppe der Wirbellosen im Rhein leben und wie viele. Die Ergebnisse sind auch für die EU bestimmt, in Brüssel sollen die Berichte aus den verschiedenen Ländern zusammengeführt werden. Zu den Wirbellosen zählen etwa Muscheln, Insekten oder Krebstiere.

Der Rhein ist im Wandel", erklärt Jochen Fischer, Biologe beim Landesamt für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht. Vor allem seit Öffnung des Main-Donau-Kanals 1992 wandern Tiere und Pflanzen neu in das Flusssystem ein - auch gegen die Strömung. Jede fünfte Tierart zählt inzwischen zu den Neozoen, die zwischen 60 und 80 Prozent der Individuen bei den Wirbellosen stellen. Die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins hat allein zwischen 2001 und 2007 knapp 40 zugewanderte Arten im Rhein nachgewiesen - die meisten davon Muscheln und Schnecken.


Die Körbchenmuschel beispielweise wird vom Bagger gleich dutzendfach ans Licht geholt. Im Rhein ist die bis zu fünf Zentimeter große Muschel bereits seit 1988 zu Hause - sie stammt aus Asien. Vor sechs Jahren kamen die beige gefärbten Quaggamuscheln aus der Donau dazu. Etwa zur gleichen Zeit wurden die ersten Grundeln gesichtet. Von den rund 20 Zentimeter großen gedrungenen Fischen sind schon fünf verschiedene Arten aus dem Schwarzmeerraum eingewandert. "Die Grundeln breiten sich derzeit stark in Rhein und Mosel aus", sagt Fischer. Mancher Angler fange kaum noch einen anderen Fisch.


Neubürger treffen oft gute Lebensbedingungen an und vermehren sich explosionsartig", erklärt der Biologe. Nach den Beobachtungen der Forscher gehen die Bestände zehn Jahre später oft wieder zurück. So hätten auch Neozoen mit der Konkurrenz durch neue Einwanderer zu kämpfen. "Nicht jede eingebürgerte Art ist eine schlechte Art", betont Fischer. Der Steinkleber etwa, eine Flussschnecke, habe sich gut eingefügt und störe keinen.

Der Rhein hat nach den Worten des Experten inzwischen wieder eine sehr gute Wasserqualität. Unter anderem die Flusskahnschnecke, eine alte Rheinbewohnerin, breite sich wieder aus. Dass sich viele andere heimische Arten mit der Rückkehr in den Lebensraum schwertun, liegt nach den Worten des Experten vor allem an fehlenden natürlichen Uferstrukturen.

Dennoch machen die Biologen auch erfreuliche Entdeckungen in den Proben, etwa eine Hydropsyche. Das Insekt zählt zu den Köcherfliegen, und die sind selten geworden im Rhein. Um 1900 waren noch 70 Prozent der Arten in dem Fluss Insekten, bis heute ist der Anteil dieser Tiergruppe auf weniger als 40 Prozent geschrumpft. In rauen Mengen ist dagegen der Höckerflohkrebs zu finden, der Mitte der 1990er Jahre über den Main-Donau-Kanal in den großen Strom gelangte und im Verdacht steht, andere Arten zu verdrängen.


Um ein vergleichbares Bild der einzelnen Flussabschnitte zu gewinnen, müssen die Biologen Maria Dommermuth und Guido Haas bei jeder Probe gleich vorgehen: Zunächst legen sie mit den herausgebaggerten Steinen den Boden einer Schüssel aus. Anschließend werden die Steine in Wasser getunkt und abgebürstet. "In einem Sieb wird zum Abschluss alles aufgefangen, was an den Steinen gelebt hat", erklärt Dommermuth. Ihr Kollege Haas beschriftet währenddessen mehrere Laborgefäße - hier werden die Proben verwahrt und später ausgezählt.

An Bord ist die Zeit knapp. Die Biologen haben keine Muße, das romantische Mittelrheintal mit Loreley und Burg Kaub zu genießen. Spätestens alle halbe Stunde ist eine neue Stelle für die Probennahme erreicht, und der rote Greifarm schwenkt über die Reling. Und nach der Sammlung der Proben geht die Arbeit weiter: Dann müssen die Gefäße mit Zehntausenden von Tieren ausgewertet werden.

Alle News vom: 17. Juni 2012 Zur Übersicht: Wissen

13 Meinungen zu "Tierische Schätze entdeckt"

  • Astrobulus
    Montag, 23.07.2012, 12:44 Uhr
    im Rhein leben defakto nur noch zugewanderte Arten nicht vergessen das zur Zeit der Industrialisierung der Rhein eine Tödliche Kloake aus allen möglichen Giftbrühen war..
  • Erdenbewohner
    Dienstag, 19.06.2012, 11:27 Uhr
    Ich hab mal gelesen daß das Gift in den Flüssen nicht weg ist, sondern nur von saubereren Sedimenten überdeckt wird. Das gibt der Natur die Chance die Flusse neu zu besiedeln. Ändern sich jetzt aber die Strömungsverhältnisse weil am Flusslauf gebastelt wird oder Kies abgebaut wird, dannn wird der Sand usw wieder abgetragen, und das Gift kommt wieder ins Wasser. Hoffen wir das das nicht passiert. (Wenn ich daran denke was alles von Sandoz usw in den Rhein ging...)
  • pheek
    Dienstag, 19.06.2012, 10:46 Uhr
    @Intruderchopper sag das nächstemal bescheid ich komme vorbei ;-)
  • Kristallklar56
    Montag, 18.06.2012, 11:27 Uhr
    Ich bin etwas verwirrt: Ist die Flusskahnschnecke jetzt eine zugewanderte Spezies oder eine "alte Rheinbewohnerin"? - Was mich allerdings freut, ist das Urteil der Biologen, dass der Rhein jetzt eine "sehr gute" Wasserqualität haben soll, was immer das in Bezug auf Flüsse bedeuten mag. Zumindest mögen die kleinen Tiere das Wasser. Ich erinnere mich, dass jemand in den 70er Jahren mit Rheinwasser Fotos entwickelt hat, und zwar mit einer Wasserprobe ziemlich direkt nach dem Ausfluss aus dem Bodensee. Damals gab es nämlich einen Chemie-Unfall in einer schweizer Firma. Wenn davon jetzt nichts mehr zu bemerken ist, freut mich das für die Umwelt: Und es beweist, dass die Natur sich regenerieren kann, wenn wir sie nicht dauernd dabei stören...
  • Intruderchopper
    Montag, 18.06.2012, 09:42 Uhr
    Justice 70 Ich habe gestern meinen Gartenteich von den Schleieralgen gesäubert. Da hättest Du Dich rundherum satt essen können.
  • tommmer
    Montag, 18.06.2012, 09:39 Uhr
    wieso das gibt doch ne schöne Paella zum Schluß...
  • pheek
    Montag, 18.06.2012, 09:38 Uhr
    Man kann ja versuchen die in der Pfanne zu braten, aber da wird nicht mehr viel von überbleiben wenn die gebraten sind
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