Tiere können malen und klecksen wie ein Mensch
in Kooperation mit
Von Nina Trentmann
Ein schwungvoller roter Bogen nach links und einer nach rechts. Es sieht ein bisschen aus wie ein Herz, das der Künstler hier begann, aber nicht vollendete, bevor er die Farbe wechselte und von Rot auf Gelb umstieg. Gelbe und grüne Pinselstriche sind kreuz und quer über das Papier verteilt; ein ziemlich abstraktes Gemälde, das sich nicht auf den ersten Blick erschließt. Nicht mal einen Titel hat es.
Ganz anders das Werk daneben: Es hat einen Namen, "Flower Pot", und es zeigt auch genau das, einen Blumentopf mit einer gelb-roten Blüte und grünem Stängel. Links unten prangt das Siegel "Original", rechts steht der Name des Künstlers. Es ist Boon Mee, ein Elefantenbulle. Früher rückte sie Bäume im Wald. Jetzt, als Rentnerin, verbringt sie ihre Stunden im Samutprakarn Zoo in Thailand damit, Bilder zu malen.
Ihr Werk hängt derzeit im Grant Museum of Zoology am University College in London; in einem lichtdurchfluteten Raum mit gläsernen Schaukästen, umgeben von Gläsern mit eingelegten Schlangen, Stachelschweinföten und Flughunden, umgeben von ausgestopften Affen und Skeletten, die oben von der Balustrade auf die Artefakte schauen.
Bis zum 9. März zeigt das Museum in Kooperation mit der UCL Slade School of Fine Arts Kunst von Tieren – die weltweit erste Ausstellung, die die Werke mehrerer Spezies zusammenbringt: von Elefanten wie Boon Mee, von Schimpansen, von Orang-Utans und von Gorillas.
Eines der Bilder ist erst vor wenigen Tagen entstanden, extra für die Ausstellung. Joseph, ein Orang-Utan aus dem Erie Zoo in Pennsylvania, hat es mit den Weibchen seines Rudels gemalt, eine wilde Ansammlung aus grünen, gelben und blauen Klecksen mit einem Hauch von grünem Glitter. Es macht einen etwas unfertigen Eindruck, als habe Joseph schnell die Lust verloren. "Für Joseph war das Bild an dieser Stelle fertig", sagt Jack Ashby, Manager des Museums und Co-Kurator der Ausstellung. "Affen signalisieren das sehr deutlich."
Joseph wandte sich von dem Bild ab, als er meinte, fertig zu sein – ähnlich wie Congo, der erste malende Schimpanse, der in den 50er-Jahren in London wirkte und dessen Bilder für mehrere Zehntausend Pfund versteigert wurden. Congo hatte stets mehrere Leinwände vor sich und wurde böse, wenn ihm sein Pfleger ein Bild wegnahm, bevor er fertig war. "So ist es auch bei Joseph", sagt Jack Ashby.
Josephs Kleckserei hätte auch von Menschenhand sein können, so realistisch wirkt es, ähnlich wie das Bild von Bakhari, einem Schimpansen aus St. Louis im US-Bundesstaat Missouri. Blau, Orange und Weiß fließen hier ineinander. Bakhari hat mit den Fingerspitzen durch die Farbe gewischt, ein Schaffensakt, der an den von Jackson Pollock erinnert, den großen amerikanischen Abstrakt-Maler, der die Leinwand auf den Boden legte, um zu arbeiten, der mit Farbdosen um sich warf, der spritzte und kleckerte.
Was Tiere malen, wirkt manchmal so menschlich, dass selbst Künstler wie Willem de Kooning, Jackson Pollocks Zeitgenosse, sich irrten: "Die Bilder zeigen viel Talent, Entschlossenheit und Originalität", schrieb seine Frau, als sie 1982 mit de Kooning eine Reihe von Bildern zu sehen bekam, die der Elefant Siri gemalt hatte. "Wir waren sprachlos, als wir hörten, dass sie von einem Elefanten stammten." Ein verdammt talentierter Elefant sei das, fügte ihr Mann Willem hinzu. Ähnlich äußerte sich auch Salvador Dalí, als er die Werke des Affen Congo sah: "Die Hand des Schimpansen ist fast menschlich. Die Hand von Jackson Pollock ist dagegen total tierisch!"
Malende Tiere gibt es schon seit dem 17. Jahrhundert – David Teniers der Jüngere malte so zum Beispiel das Bild "Die Affenmaskerade", auf dem ein Affe vor einer Leinwand zu sehen ist.
Seit den 1950ern beschäftigt sich die Wissenschaft mit dem Thema. Congo und Betsy, die beiden Schimpansen, bekamen 1958 ihre erste Ausstellung in London, in den 80ern präsentierte David Gucwa erstmals malende Elefanten. 2000 versteigerte das Auktionshaus Christie’s von Rüsseln geschaffene Bilder, ebenfalls zum ersten Mal.
Sind Tiere also kreativ? Wenn ja, wie sehr? "Das ist von Tier zu Tier unterschiedlich", sagt Jack Ashby vom Grant Museum. Boon Mee, der Elefantenbulle aus Thailand, malt nur deshalb Blumentöpfe, weil der Tierpfleger es ihm beigebracht hat. Je nachdem, an welcher Stelle am Rüssel und hinter den Ohren Boon Me gestreichelt wird, malt er einen Stängel, ein Blatt, eine Blüte. Sein Motiv beherrscht Boon Mee ziemlich gut – es ist aber das einzige, das er kann.
"Wir sehen hier viel Intelligenz, aber nicht viel Kreativität", sagt Ashby. Ohne das Training, das Boon Mee bekommen hat, würde er wahrscheinlich so malen wie Nong Bank, deren namenloses Werk ebenfalls in der Ausstellung hängt und das mit seinen geschwungenen Strichen eher in die abstrakte Richtung geht. Nong Bank ist ebenfalls ein ehemaliger Arbeitselefant.
"Der Mensch spielt natürlich eine große Rolle, wenn Tiere malen", sagt Jack Ashby. So ist es auch bei Joseph, dem Orang-Utan: Ein Mensch hält die Leinwand, Joseph malt durchs Gitter seines Käfigs hindurch. Baka, ein Affe aus dem Cheyenne Mountain Zoo in Colorado, hat das Malen auch erst mithilfe seiner Pfleger gelernt: Für jeden Strich, den er auf die Leinwand machte, bekam er eine Belohnung.
Die meisten Zoos vrwenden für die Kunstwerke ihrer Tiere Kindermalfarbe. Das ist kein Zufall: "Die Tiere haben viel mit Kindern gemein", sagt Jack Ashby. Der kleine Unterschied: Während sich die Krakelei eines Dreijährigen verändert, je älter er wird, entwickelt sich das Schaffen der Tiere nicht weiter.
Deshalb malt Samantha, ein Gorillaweibchen, von der ebenfalls ein Bild im Grant Museum ausgestellt ist, auch nach Jahren kreativen Schaffens immer noch nur Striche. "Sie ist schon sehr geübt", sagt Jack Ashby, "das kann man sehen."
Blatter, nach Farben sortiert
Tatsächlich: Der Pinselstrich ist gleichmäßig, das Bild ist ausgefüllt. Grün, Blau, Magenta zu gleichen Anteilen aufs Papier gebracht.
Für frühere Arbeitstiere wie Boon Mee oder Nong Bank, die beiden Elefanten, ist die Malerei eine Art Beschäftigungstherapie, langweilen sich die Tiere doch, wenn sie keine Aufgabe haben. Daneben ist die Tierkunst für die Zoos auch eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Boon Mee malt deshalb am laufenden Band Blumentöpfe. Auch in Deutschland verkaufen Zoos die Bilder ihrer Tiere. Zwischen 170 und 200 Euro bringen etwa die Werke des Orang-Utans Buschi, der im Osnabrücker Zoo lebt.
Eines will Jack Ashby mit seiner Ausstellung vermitteln: Auch Wildtiere sind kreativ. So baut etwa der Seidenlaubenvogel ganze Landschaften, indem er Kerne, Blätter und Fasern nach Farben sortiert und arrangiert. "Es gibt viele Dinge, die Tiere in freier Natur tun, die nur mit Kreativität erklärt werden können", sagt Jack Ashby. "Sie machen vieles nur aus Spaß." Es geht um mehr. Um mehr als nur fressen, schlafen, fortpflanzen.
"Art by Animals", bis 9. März, Grant Museum of Zoology, London. Eintritt frei
5 Meinungen zu "Künstlerisch begabte Tiere"
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bugblatterbeast
Mittwoch, 08.02.2012, 13:27 Uhr @daumenschreck: Manchmal muss man sich aber auch von seinen Vorurteilen lösen. Als ich mich entschied, zur letzten Dokumenta zu gehen, dachte ich ähnlich. Was wird mich da schon erwarten, habe ich mich gefragt. Wahrscheinlich irgendwelche Farbklekse, skurile Gegenstände und Bilder bei denen man noch nichteinmal wüßte, wo oben und unten ist, wenn sie nicht schon aufgehängt wären. Ein paar Exponante bestätigten diese Vorurteile tatsächlich. Die meisten übertrafen jedoch meine Erwartungen gewaltig. Absolut Gegenständlich (nicht nur abstrakte Formen und Gekritzel) und sehr tiefsinnig. Zum Teil extrem provokativ aber dennoch auch angemessen. Klar gibt es immer wieder irgendwelche obskuren Kunstobjekte, die ein gefundenes Fressen für die Klatschpresse sind und an denen sich die Spießbürger noch Jahrzehnte später hochziehen... aber auf so ein Niveau wollen wir doch nicht sinken (jede Gesellschaft, jede Epoche bekommt die Kunst die sie verdient). -
daumenschreck
Mittwoch, 08.02.2012, 08:41 Uhr Man hat in den 80 er/90er (?) Jahren KATZEN mal mit Hilfe von Fingerfarbe malen lassen, was dabei heraus kam wurde ua. folgender massen kommentiert: "diese Bilder zeigen weit mehr Niveau, wie das, was mancher sogenannte Künbstler von sich gibt" ..... und sie waren es in der Tat, wenn man an bepinkelte Kupferplatten oder fettverschmierte Treppenhausecken, oder was auch immer heute als "moderne Kunst" VERKAUFT wird , denkt -
modelmaker
Mittwoch, 08.02.2012, 08:17 Uhr "Es ist Boon Mee, ein Elefantenbulle. Früher rückte sie Bäume im Wald. Jetzt, als Rentnerin, verbringt sie ihre Stunden im Samutprakarn Zoo in Thailand damit, Bilder zu malen." Ja was denn nu? Bulle oder Kuh ("sie")? Ist der Artikel wieder aus der Originalquelle zusammengestückelt? Aber danke für die Zusammenfassung, schön zu lesen. -
alleswegengeld
Mittwoch, 08.02.2012, 07:32 Uhr na,na, der Elefant ist Rentner, nach Jahren harter Arbeit, hat er nun endlichZeit und Muse zu machen was Ihm gefällt. -
knalltuete2
Dienstag, 07.02.2012, 11:46 Uhr <-- eines Nachts, im silbernen Licht auf der Straße nach Mandalay Da zeigt sich mal wieder deutlich, dass den Tieren entweder die nötige Disziplin fehlt oder sie einfach nicht in der Lage sind, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Obwohl es eigentlich klar sein sollte, dass die wirtschaftliche Lage im Moment nicht so rosig ist, macht sich der Elefant ein schönes Leben als Künstler. Jeder weiss doch, dass zur Zeit vor allem technische Berufe gefragt sind, aber das ist dem feinen Herrn Elefant ja zu langweilig. Die sogenannten MINT-Jobs sind ihm zu trocken und kompliziert. Am Ende reicht es dann nicht zum Leben und er liegt dem Sozialstaat auf der Tasche. Die Rechnung bekommt der arme Mensch.
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