Die Zahl der in Krankenhäuser eingelieferten Corona-Infizierten nimmt zu und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Der Infektiologe Johannes Bogner arbeitet an einer Münchner Klinik - und richtet einen eindringlichen Appell an die Bevölkerung.

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Herr Bogner, Bosch Healthcare Solutions hat für den April einen Corona-Schnelltest angekündigt. Würde dieser in der derzeitigen Situation helfen?

Johannes Bogner: Je schneller wir Testergebnisse haben, desto besser können wir mit unseren Kapazitäten disponieren. Deshalb ist uns alles willkommen, was möglichst viele und schnelle Tests ermöglicht.

Auch andere Hersteller arbeiten daran, auch an anderen Verfahren. Denn mit den bisherigen sogenannten PCR-Tests können wir leider nicht feststellen, ob der Patient schon immun gegen das Coronavirus ist.

Wichtig ist aber auch, dass die Tests sinnvoll eingesetzt werden. Im Moment haben wir zu wenig Zeit, um Menschen zu testen, die gar keine Symptome haben. Dafür sollte schnell getestet werden, wer Symptome hat – und natürlich die Kontaktpersonen solcher Symptomträger.

Wie gehen Sie vor, um eine Infektion zweifelsfrei festzustellen?

Der sogenannte PCR-Test kann einen Patienten nicht sicher als infektionsfrei identifizieren. Wir müssen also individuelle Hinweise zum Gesundheitszustand beachten, dazu kommen relativ charakteristische Laborparameter, vor allem aber Veränderungen, die ein Röntgenbild oder die Computertomografie der Lunge zeigen – da hinterlässt Corona sehr typische Veränderungen, und diese sind die wichtigsten Hinweise.

Wie ist die aktuelle Situation in Ihrer Klinik?

Ich leite die Klinische Infektiologie der Medizinischen Klinik und Poliklinik IV in München. Wir haben am Klinikum im Moment, Stand Freitagvormittag, 50 Corona-Patienten mit unterschiedlichen Schweregraden.

So machen Sie eine Atemschutzmaske selbst

Um das neue Coronavirus einzudämmen, rufen Promis unter dem Hashtag #maskeauf aktuell dazu auf, einen selbst gemachten Atemschutz zu tragen. Doch wie kann man sich eine Maske zu Hause machen? © YouTube

Ein Teil von ihnen liegt auf der Intensivstation – heute früh waren das 13. Bis jetzt hatten wir einen Todesfall – es handelte sich um einen schwerkranken älteren Mann. Er ist eigentlich an einer Herzkrankheit gestorben, aber die Lungenentzündung, die er durch das Coronavirus bekommen hat, hat sozusagen das Fass zum Überlaufen gebracht.

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Kliniken passen Planungen permanent an

Reichen Ihre Klinikkapazitäten derzeit aus? Und haben Sie schon "Normalpatienten" nach Hause geschickt?

Wir passen unsere Planungen permanent an und erweitern unsere Kapazitäten. Und ja, wir haben Kranke entlassen und nehmen keine neuen "elektiven" Patienten mehr auf, also solche, deren Behandlung aufschiebbar ist. Wer zum Beispiel eine Hüft-OP benötigt, bekommt keinen Operationstermin mehr – das ist jetzt in allen Krankenhäusern so.

Sind Ihre Mitarbeiter ausreichend gewappnet für den Umgang mit dieser Ausnahmesituation?

Man kann das Personal nicht schnell mal umschulen. Intensivpflege lernt man nicht in ein paar Tagen, das ist eine zweijährige Fachausbildung. Aber wir haben ausreichend ausgebildetes Personal.

Großen Wert legen wir auf den sachgemäßen Umgang mit der Schutzausrüstung. Jeder Mitarbeiter wird darin geschult, muss üben, wie man den Anzug an- und auszieht, wie man die Schutzmaske an- und ablegt.

Haben die Mitarbeiter denn nicht Angst, sich selbst mit dieser gefährlichen Krankheit zu infizieren?

Corona ist ja eigentlich keine gefährliche Erkrankung – für 95 Prozent der Menschen, die sie bekommen, verläuft sie harmlos. Aber das Gefühl zu wissen, dass es auch diese fünf Prozent der schweren Fälle gibt, das muss man psychisch verarbeiten.

Nicht nur ich habe persönliche Vorbereitungen getroffen für den Fall, dass ich erkranken sollte – alle Mitarbeiter machen sich da Gedanken. Aber wir wissen, dass wir vorsichtig sein müssen.

Und das unterscheidet uns von den Menschen draußen, die in den Supermarkt gehen: Viele von ihnen sind sich zu wenig der Gefahr bewusst. Es sollte eigentlich niemand mehr ohne Mund- und Nasenschutz unterwegs sein.

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Ein Unternehmen aus New York kann sich zurzeit vor Anfragen kaum retten. "Pet Masks" verkauft Schutzmasken für Hunde – obwohl die WHO bestätigt hatte, dass Hunde immun gegen COVID-19 sind.

Ohne Atemschutz sollte man das Haus nicht verlassen

Dient der Mundschutz nicht nur dazu, andere nicht anzustecken?

Jeder meint, dass der Mund-Nasen-Schutz nichts nützt. Dabei ist das eine gefährliche Fake News. Es ist doch logisch, dass ein Schutz vor Mund und Nase dagegen hilft, dass man das Virus einatmet. Selbst ein einfacher Papier- oder Textilschutz ist besser als nichts!

Hat Ihre Klinik ausreichend Schutzbekleidung und Atem­masken vorrätig?

Unser Vorrat reicht noch eine Weile. Auch wenn nichts gewiss ist in diesen Zeiten – wir sind zuversichtlich, dass es neue Lieferquellen geben wird und wir Nachschub bekommen, bevor es eng wird.

Kommen die Patienten mit leichten Symptomen oder schon schwer krank in Ihr Haus?

Es kommen leider viele Patienten mit verhältnismäßig leichten Symptomen, die ohne Corona niemals ein Krankenhaus aufsuchen würden. Die sollten zu Hause bleiben!

Aber viele Menschen fühlen sich zu Hause unsicher oder allein – oft sind sie wirklich allein. Sie haben Angst, wollen einen Arzt sehen. Es gibt ein Mosaik von Beweggründen, die die Menschen ins Krankenhaus führt. Aber es kommen auch Menschen, die schon stark an Sauerstoffnot leiden.

Auch junge Patienten sind teils schwerkrank

Ist die Krankheit nach wie vor auf die Gruppe der älteren Menschen beschränkt?

Wir haben Patienten in den Altersgruppen von 25 bis 85. Also auch junge Menschen, die zum Teil schwerkrank sind. Ich kann nur warnen: Jugend schützt nicht vor Corona – was schützt, ist der Mund-Nasen-Schutz!

Kann die Situation bei uns so dramatisch werden wie in Frankreich, sodass Ärzte, statt aktiv zu helfen, aktive Sterbebegleitung leisten müssen, weil die Beatmungsgeräte nicht für alle reichen?

Das kann niemand wissen. Wir hoffen natürlich, dass wir viel Glück haben und es bei uns nicht so weit kommt. Vielleicht schaffen wir die zeitliche Streckung der Infektionsrate so, dass unsere Intensivstationen nicht überlastet werden.

Aber es ist auch das andere denkbar: Wir fürchten uns schon davor, dass wir in sieben, in zehn oder in vierzehn Tagen sagen müssen: Ab dem Alter X oder mit einem bestimmten Krankheitsbild gibt es nur noch Sterbebegleitung.

Das ist eine ethisch-politische Entscheidung. Es geht um die verfügbaren Gesamtressourcen an Material, Personal, Klinikkapazitäten. Falls es so weit kommt, muss irgendwann der Gesundheitsminister sagen, wie es weitergehen soll.

Da setzen Sie einen mutigen Gesundheitsminister voraus!

Unser Gesundheitsminister ist mutig, das hat er in der Co­ro­nakrise schon bewiesen.

Herr Bogner, wir bedanken uns dafür, dass Sie sich so viel Zeit für uns genommen haben!

Bleiben Sie gesund. Und gehen Sie nicht mehr ohne Tuch vor Mund und Nase aus dem Haus!

Prof. Dr. med. Johannes Bogner ist Leiter der Sektion Klinische Infektiologie der Medizinischen Klinik und Poliklinik IV in München.