SARS-CoV-2 wird so schnell nicht mehr verschwinden, da sind sich Experten einig. Doch wie werden wir in den kommenden Monaten mit der Pandemie fertig? Forscher haben zwei Optionen durchgerechnet.

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Wir müssen lernen, mit dem Coronavirus zu leben. Der Satz fällt in der SARS-CoV-2-Pandemie immer wieder, nur blieb die Frage, wie genau das gelingen könnte, bislang weitgehend unbeantwortet.

Forscher um die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation haben sich zwei Konzepte genauer angeschaut und durchgerechnet, was sie für jeden Einzelnen und den längerfristigen Verlauf der Pandemie bedeuten würden.

Forscher diskutieren zwei Konzepte

Priesemann ist darauf spezialisiert, Ausbreitungsprozesse – etwa die von Viren – zu simulieren. "Es ist noch keine Impfung zugelassen und es wird dauern, den Impfstoff in der Bevölkerung zu verteilen", sagte sie am Mittwoch in einem Gespräch mit Journalisten. "Wir müssen uns also jetzt überlegen, welche Strategie für die nächsten Monate sinnvoll ist."

Diskutiert werden vor allem zwei Konzepte: Denkbar ist, sich darauf zu fokussieren, dass die Infektionszahlen und letztlich die Zahl der Kranken, die auf Intensivstationen behandelt werden müssen, unter der Kapazitätsgrenze der Kliniken bleibt. Die Alternative wäre, die Zahlen dauerhaft so weit zu drücken, dass eine verlässliche Kontaktverfolgung möglich ist.

Die Berechnungen des Teams um Priesemann zeigen in eine klare Richtung: Sei es einmal gelungen, die Zahl der Neuinfektionen wieder auf eine Größenordnung von rund tausend am Tag zu senken, müssten die Menschen ihre Kontakte nur noch wenig einschränken, um das Virus langfristig einzudämmen, berichten die Forscher. Auch Restaurants und Cafés könnten dann mit Hygienekonzepten wieder öffnen.

Mehr Kontakte wären möglich, wenn ...

Dauerhaft hohe Infektionszahlen bedeuteten dagegen anhaltend große Einschränkungen, um eine Überfüllung der Intensivstationen gerade so zu verhindern. Gleichzeitig gäbe es mehr Kranke und mehr Tote.

Bei niedrigen Fallzahlen reiche es aus, 40 Prozent der Ansteckungen zu verhindern, um die Ausbreitung des Virus zu stabilisieren und einen weiteren, flächendeckenden Shutdown zu verhindern, schreiben die Forscher in ihrer vorab veröffentlichten Studie.

Da Ansteckungen durch Kontakte entstehen, heißt das, die Menschen müssten auch Begegnungen mit anderen um 40 Prozent gegenüber der Zeit vor der Pandemie reduzieren. Das lasse sich bereits durch vergleichsweise milde Kontakt-Einschränkungen erreichen, so die Wissenschaftler.

Allein die Zahl der Teilnehmer an Großveranstaltungen auf hundert Personen zu beschränken, führe laut einer Studie dazu, dass es in der Bevölkerung rund 35 Prozent weniger Ansteckungen gäbe. Reduziere man die Gruppengrößen auf unter zehn, erreiche man rund 45 Prozent Reduktion. Häufiges Lüften, Abstand halten und Maske tragen könne das Infektionsrisiko zusätzlich verringern, sodass anderweitig mehr Kontakte möglich wären.

Todesfälle würden deutlich sinken

"Die Menschen müssten in dem Szenario nur auf vergleichsweise wenige Kontakte verzichten und hätten ansonsten große Freiheiten", sagte Priesemann. Gleichzeitig würde die Zahl der Kranken und damit auch der Todesfälle deutlich sinken. Auch die wirtschaftlichen Folgen wären geringer, wenn gastronomische Einrichtungen wieder öffnen könnten.

Allerdings wäre ein letzter harter Shutdown nötig, um die Zahlen einmal so weit zu senken, dass das Virus wieder kontrolliert werden kann. "Derzeit infizieren sich so viele Menschen, dass die Gesundheitsämter es nicht schaffen, Infizierte zu erkennen und zu isolieren, bevor sie weitere Menschen anstecken", sagte Priesemann.

Zudem seien rund zehn Prozent der durchgeführten Tests positiv. Dieser hohe Wert sei ein klarer Hinweis, dass die Testkapazitäten nicht ausreichten, um alle und damit auch mehr unbegründete Verdachtsfälle zu prüfen. "Das heißt, es gibt eine hohe Dunkelziffer und damit viele Infektionsketten, die überhaupt nicht eingedämmt werden können."

Ziel müsse es daher sein, den R-Wert wieder unter 0,7 zu drücken, wie es auch in der ersten Welle gelungen sei, so die Forscherin. Damit könnten die Infektionszahlen jede Woche mindestens halbiert werden. "Genauso, wie wir bei einem R-Wert über eins ein exponentielles Wachstum sehen, sinken die Zahlen bei einem Wert unter eins exponentiell."

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Priesmann: Weihnachtsfeiern wären problemlos zu verantworten

Verstärkt werde der Effekt dadurch, dass bei niedrigeren Infektionszahlen weniger Fälle übersehen würden. Gebe es wenige Neuinfektionen, könnten in der Zukunft auch Schnelltest die Kontrolle über das Infektionsgeschehen erleichtern, erklärte Priesemann.

Gelänge es mithilfe der nun von den Regierungschefs der Länder und Kanzlerin Angela Merkel beschlossenen Maßnahmen, die Zahl der Ansteckungen um zusätzlich ungefähr 30 Prozent zu reduzieren, ließe sich die Zahl der Neuinfektionen in der Zeit vom 1. Dezember bis Weihnachten demnach auf ungefähr 2.500 drücken – und wäre schon dann relativ gut zu kontrollieren.

Eine zusätzliche Woche könnte den Wert auf rund tausend reduzieren. Um das bis Weihnachten zu schaffen, müssten jedoch ab sofort rund ein Drittel der derzeitigen Ansteckungen verhindert werden.

"Weihnachtsfeiern mit zehn Menschen aus verschiedenen Haushalten und deren Kindern sowie Silvesterfeiern könnte man bei niedrigen Infektionszahlen mit regelmäßigem Lüften problemlos verantworten", so Priesemann.

Die Wahrscheinlichkeit, einen Infizierten auf einer dieser Veranstaltungen zu treffen, sei unter den genannten Voraussetzungen gering. Zudem könnten an den Festtagen gestartete Infektionsketten leichter wieder eingedämmt werden.

Situation dauerhaft beibehalten?

Gerate das Infektionsgeschehen regional doch wieder außer Kontrolle, müssten kurzfristig auf kleinem Raum Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Infektionen, die aus den Nachbarländern eingetragen würden, könnten bis zu einem gewissen Grad durch Kontaktverfolgung eingedämmt werden, so Priesemann. "Am besten wäre aber eine einheitliche Strategie mit dem klaren Ziel von niedrigen Fallzahlen in ganz Europa."

Das Alternativkonzept, die Infektionszahlen gerade so weit zu drücken, dass die Intensiv-Kapazitäten ausreichen, würde laut der Studie dagegen bedeuten, die aktuelle Situation mehr oder weniger dauerhaft beizubehalten.

Vereinzelt melden Krankenhäuser bereits Überlastungen. Es gibt noch Möglichkeiten auf andere Kliniken auszuweichen, doch der Spielraum wird kleiner.

"Die Einschränkungen der vergangenen Wochen haben dazu geführt, dass der R-Wert von etwa 1,4 auf rund eins gesunken ist", erklärte Priesemann. Das bedeute, dass jeder Infizierte derzeit im Schnitt eine weitere Person anstecke.

"Wenn wir den Grad der Kontaktreduktion wie im aktuellen Teil-Shutdown beibehalten, bleibt die Zahl der täglichen Neuinfektionen bei rund 20.000", so die Expertin. Durch Lockerungen würden die Zahlen wieder steigen.

Nebeneffekte der Strategie

Laut der Berechnung der Forscher müssen Ansteckungen und damit auch Kontakte bei hoher Inzidenz dauerhaft um rund 60 Prozent gegenüber der Zeit vor der Pandemie reduziert werden, sonst seien wiederholt landesweite Shutdown-Maßnahmen nötig.

Während bei niedrigen Infektionszahlen vier von zehn Ansteckungen und damit Kontakte wegfallen müssten, sind es hier sechs von zehn.

"Die 40 Prozent Kontaktreduktion in dem Niedrig-Inzidenz-Szenario lassen sich fast allein über den Verzicht auf Großveranstaltungen und größere Treffen und durch Hygienemaßnahmen erreichen. Auf zusätzlich 20 Prozent der Kontakte zu verzichten, macht es nötig, auch deutlich kleinere Treffen abzusagen – und selbst das reicht dann möglicherweise nur knapp", erklärte Priesemann.

Nebeneffekte dieser Strategie wären neben den dauerhaft stärkeren Kontakteinschränkungen höhere Kranken- und Todeszahlen und damit eine höhere Belastung für das Gesundheitssystem sowie permanent zigtausend Menschen in Quarantäne.

"Das ist auch für die Wirtschaft von Nachteil", so Priesemann. Zudem sei die Strategie riskanter, da die Langzeitfolgen einer SARS-CoV-2-Infektion noch weitgehend unbekannt seien.

Eine Schwierigkeit sieht Priesemann jedoch auch noch beim Niedrig-Inzidenz-Szenario: "Es ist schwieriger, dieses Modell nachvollziehbar zu kommunizieren, weil die Kontaktverfolgung ein abstrakteres Kriterium ist als überfüllte Intensivstationen."  © DER SPIEGEL

Corona-Pandemie in Deutschland: Mehr als eine Million Infizierter

In Deutschland ist die Marke von einer Million Corona-Infektionen überschritten worden. Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) am Freitagmorgen unter Berufung auf Angaben der Gesundheitsämter mitteilte, wurden seit Beginn der Pandemie insgesamt 1.006.394 Covid-19-Fälle erfasst. Fotocredit: imago images / Seeliger​​​​​​​