Die Coronakrise in New York City scheint bewältigt, doch die Stadt kämpft schon mit dem nächsten Problem: Eine historische Mordwelle erschüttert die Metropole.

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Die Familie saß um einen Grill an einem Spielplatz. Es war eine schwüle Nacht in Brooklyn, man aß, trank und lachte. Plötzlich sprangen zwei Unbekannte aus einem SUV und begannen zu schießen. Die Kugeln trafen drei Männer - und den einjährigen Davell Gardner, der im Kinderwagen schlief.

Davell starb drei Stunden später im Krankenhaus.

Davells Tod in der Nacht zum Montag war der traurige Schlusspunkt eines blutigen Wochenendes in New York City: Vier Menschen wurden erschossen, 49 weitere angeschossen. Bürgermeister Bill de Blasio tröstete Davells Mutter persönlich. "Niemand kann sich vorstellen, was sie durchmacht", sagte er. "Wir werden dafür sorgen, dass keine andere Mutter das erleiden muss."

Dieses Versprechen wird er kaum halten können. New York City hat die Coronakrise vorerst zwar überwunden, doch wird nun von einer Welle der Waffengewalt erschüttert, wie es die Millionenmetropole seit Jahrzehnten nicht erlebt hat:

  • Allein im Juni gab es 205 Schießereien, 130 Prozent mehr als im Juni vergangenen Jahres.
  • Die Zahl der Todesopfer stieg im Juni um 30 Prozent zum Vergleichsmonat 2019, auf 39 Prozent.

Und dann kam das US-Feiertagswochenende des 4. Juli: 64 Schießereien, elf Todesopfer, davon vier an einem einzigen Tag - dem Fourth of July, Amerikas Unabhängigkeitstag.

Die Kriminalstatistik von New York City, das seine schlimmsten Jahre eigentlich hinter sich hatte und zur sichersten US-Großstadt geworden war, zeigt plötzlich wieder in die andere Richtung. Während Raubüberfälle und Diebstähle langfristig weiter abnehmen, steigt die Zahl der Schießereien, von glimpflich bis tödlich, wieder scharf an.

"Dies ist ein harter Sommer", sagte Terence Monahan, der ranghöchste Cop im New York Police Department (NYPD), nach dem ersten Juliwochenende, das er als "eines der gewalttätigsten in jüngster Geschichte" bezeichnete. "Es zeigt sich, wie viele Leute mit Waffen rumlaufen."

"Bill, tu was!", titelte das Boulevardblatt "New York Post" - eine Anspielung auf ein ähnliches Cover vom September 1990, als David Dinkins Bürgermeister war ("David, tu was!") und Bill de Blasio, damals 29 Jahre alt, sein Berater.

Doch es ist ja nicht nur New York City. Chicago, Washington, Miami, Atlanta, Minneapolis, Philadelphia, Houston: Überall explodiert derzeit die Schusswaffengewalt, und überall sterben dabei auch Kinder. "Das darf nicht zur Normalität werden", warnte David Brown, der Polizeichef von Chicago, der eine ähnliche Situation vor ein paar Jahren in den Griff bekommen hatte, nur um die Statistik jetzt wieder hochgehen zu sehen.

Bill de Blasio, Bürgermeister von New York

Schon wittert US-Präsident Donald Trump, stets auf der Suche nach neuen Kulturkämpfen, die seine Anhänger elektrisieren, einen Law-and-Order-Wahlkampfhit. "New York City ist außer Kontrolle", sagte er und deutete für kommende Woche "aufregende" Maßnahmen gegen die Gewalt in seiner Ex-Heimat und anderen "Kriegsgebieten" an: Notfalls werde er "einmarschieren" und diese "linksradikalen Städte" einfach "übernehmen".

Ein typischer Trump-Cliffhanger - diffus, doch kontrovers. Ähnliches hat er ja schon oft angedroht, lange nahm er dazu aber meist nur Chicago ins Visier. Seit dem Tod von George Floyd juckt es ihm nun in den Fingern, die Armee in alle Städte zu entsenden, in denen Black-Lives-Matter-Proteste laufen, um die Anti-Rassismus-Bewegung auf diesem Wege niederzuschlagen. Da kommt ihm die parallele Gewaltwelle gelegen.

Einen Vorgeschmack darauf gab es in den vorigen Tagen in Portland: Dort tauchten auf einmal - ohne Genehmigung der demokratischen Gouverneurin oder der örtlichen Behörden - hochgerüstete Beamte des Heimatschutzministeriums und der Grenzpolizei ICE in Tarnuniform auf. Nach US-Medienberichten gingen sie brutal gegen Demonstranten vor, Oregons Justizministerin hat Klage gegen die Bundesbehörde eingereicht.

Mit steigender Kriminalität hatte das freilich nichts zu tun. Bleibt die Frage: Was steckt wirklich hinter diesem landesweiten Phänomen? Vermutungen gibt es so viele wie politische Überzeugungen:

  • Die Zahl der Verbrechen steigt jeden Sommer in den USA, wenn in den Städten viele Gangs auf der Straße miteinander kämpfen. Doch schon lange nicht mehr stiegen diese Zahlen so steil an wie jetzt.
  • Die Coronakrise hat alle Regeln durcheinandergebracht. Mehr als 671.000 New Yorker haben ihre Jobs verloren, die städtische Arbeitslosenquote lag im Mai, dem letzten erfassten Monat, bei 18,3 Prozent, so hoch wie seit der Weltwirtschaftskrise nicht mehr. Der Frust darüber entlädt sich in Aggression oder Missachtung von Normen - was auch an den ungewöhnlich vielen illegalen Feuerwerken zu spüren war, die viele Anwohner hier seit Juni nächtelang wach hielten.
  • Das Justizsystem ist am Limit. Die Gerichte laufen auf Corona-Notstrom, 2500 Insassen des New Yorker Stadtgefängnisses Rikers Island wurden vorzeitig entlassen, weil dort das Virus wütete. Auch viele U-Häftlinge bleiben auf freiem Fuß, darunter fast die Hälfte aller wegen Waffenbesitz Angeklagten.
  • Die Pandemie hat die Polizeitruppe dezimiert. In New York City waren zeitweise mehr als 7000 der 38.000 NYPD-Beamten krankgeschrieben, Dutzende sind an Covid-19 gestorben.
  • Immer wieder behaupten Polizisten, sie seien mit den andauernden Black-Lives-Matter-Protesten so abgelenkt, dass sie nicht mehr dazu kämen, sich um Kriminelle zu kümmern.
  • Wie viele Städte zankt auch New York City gerade um neue Verhaltensregeln für die Polizei. Der Stadtrat hat ein Reformpaket beschlossen, das Würgegriffe und Knieeinsatz wie im Fall Floyd unter Strafe stellt; die Landesregierung droht gewalttätigen Cops sogar mit Haft. Polizeichef Dermot Shea hat das als "schwachsinnig" verurteilt, weil es seine Cops entmachte. Die "New York Times" ermittelte jedoch anhand von mehr als 60 Videos, dass die Polizei bei den Protesten oft unnötig brutal gegen die Demonstranten vorging.

Die Ereignisse der vergangenen Wochen hat eine Sinnkrise beim NYPD ausgelöst. Die Moral sei "so niedrig wie noch nie", sagt ein Polizist, dem diese Woche bei einer Rangelei mit Demonstranten auf der Brooklyn Bridge selbst ein Finger gebrochen wurde. "Wer sind die wahren Opfer?", wetterte New Yorks Polizeigewerkschaft SBA gegen die Demonstranten und die Politiker, die sie unterstützen.

Kommunalpolitiker wie der Brooklyner Stadtteilpräsident Eric Adams werfen dem NYPD dagegen vor, aus Protest gegen die neuen Anti-Gewalt-Gesetze sogar in eine Art Bummelstreik getreten zu sein.

Wie alles in den USA ist denn auch diese Debatte längst zu polarisiert, als dass sie noch vernünftig geführt werden könnte. Unterdessen sterben jeden Tag mehr Leute. Am Mittwoch wurden in Brooklyn bei einer einzigen Schießerei fünf Personen verwundet und ein Mann getötet - nach Angaben der Polizei wurden sie Opfer einer Fehde zwischen zwei Gangs.

An der Stelle, an der der einjährige Davell Gardner erschossen worden war, versammelten sich am Dienstagabend Dutzende Trauernde zu einer wütenden Mahnwache. "Ihr habt mir meinen Sohn genommen", rief sein Vater Davell Gardner Sr. "Ihr verdient es, in der Hölle zu schmoren."  © DER SPIEGEL

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