Uganda ist eines der ärmsten Länder der Welt. Es hat nur zwei Drittel der Fläche Deutschlands. Und es beherbergt fast 1,4 Millionen Flüchtlinge. Die Regierung praktiziert eine beispiellose Politik der offenen Grenzen. Kein Land nimmt mehr Flüchtlinge auf.

Kein Land habe 2016 mehr Flüchtlinge aufgenommen als das kleine Uganda, berichtet der Spiegel und wertet dies als "wohl freundlichste Flüchtlingspolitik der Welt."

Täglich kommen im Schnitt 660 Menschen im Norden des Landes über die Grenze. Sie fliehen aus dem Südsudan, wo seit vier Jahren ein grausamer Bürger- und Stammeskrieg tobt. Dort bekämpfen sich die Angehörigen der Dinka mit der Volksgruppe der Nuer.

Eine Willkommenspolitik, die ihresgleichen sucht

Wer es über die Grenze nach Uganda schafft, ist nicht nur in Sicherheit vor den feindlichen Soldaten – Uganda pflegt gleichzeitig eine Willkommenspolitik, die ihresgleichen sucht.

Neuankömmlinge bleiben nur kurz in einem Erstaufnahmelager. Nach einigen Tagen werden sie zu ihrem eigenen Grundstück gebracht.

Auf 2.500 Quadratmeter können sich die Familien niederlassen.Hier können sie Hütten errichten und damit beginnen, Nahrung anzubauen.

Denn die Vertriebenen, so das Ziel, sollen schnell in der Lage sein, sich selbst zu versorgen.

"Ich habe mich oft gefragt, wie es sein kann, dass die Bevölkerung dort freiwillig Grundstücke zur Verfügung stellt", sagt die Uganda-Expertin Kerstin Bandsom von der Deutschen Welthungerhilfe im Gespräch mit unserer Redaktion.

In der Tat verteilt nicht die Regierung das Ackerland. Es sind lokale Grundbesitzer, die den Flüchtlingen freiwillig und ohne Entschädigung Teile ihres eigenen Landes abtreten.

Bandsom hat die Menschen in Uganda immer wieder nach der Ursache ihrer Großzügigkeit gefragt.

"Als erstes entgegnen die Menschen dann, dass sie nicht vergessen haben, wie sie selbst im Südsudan aufgenommen worden sind." Uganda hat selbst einen zwanzig Jahre langen Bürgerkrieg hinter sich. Von 1987 bis zum Waffenstillstand 2008 fanden Ugander Schutz im Nachbarland.

Die Infrastruktur wird besser, Märkte entstehen

Neben der bewundernswerten Solidarität gibt es auch wirtschaftliche Motive für die ugandische Bevölkerung, den Einwanderungsstrom willkommen zu heißen: Der Norden Ugandas ist bisher nur schlecht erschlossen.

Mit den Flüchtlingen aber kommen Lieferungen von 40 internationalen Hilfsorganisationen ins Land. Das Welternährungsprogramm der Uno und die deutsche Welthungerhilfe etwa versorgen die Menschen mit Hilfsgütern.

"Damit die Lieferungen zu den Bedürftigen gelangen, baut die Regierung Straßen", sagt die Expertin Bandsom, schränkt allerdings ein: "Bei uns würde man so etwas nicht Straße nennen. Das sind einfach Pisten."

Doch auf diesen einfachen Wegen gelange nicht nur Versorgungs- und Baumaterial in die Dörfer der entlegenen Gegend. Es werde gleichzeitig eine Infrastruktur geschaffen, die es den Menschen ermögliche, zueinander zu kommen und miteinander Handel zu treiben. "Es entsteht erstmals eine Marktsituation – und davon profitieren Einheimische wie Flüchtlinge."

Neue Schulen – für Flüchtlingen und Einheimische

Die ugandischen Bauern pflanzen zum größten Teil für den Eigenbedarf, um die eigene Familie zu ernähren. In Jahren mit schlechten Ernten sind auch sie von Hilfslieferungen abhängig. Doch Straßen und Märkte schaffen nun die Möglichkeit, mit den geringen Überschüssen Handel zu treiben. Man verkauft beispielsweise Bohnen, um neue Kleidung bezahlen zu können. Kleine Wirtschaftskreisläufe entstehen.

Staat und Hilfswerke bauen nicht nur Straßen. Es entstehen Schulen und Krankenhäuser. Diese Einrichtungen würden nicht nur für die Flüchtlinge gebaut, sagt Bandsom: "Bedingung ist immer, dass auch die Einheimischen davon profitieren."

So besuchen Flüchtlings- und einheimische Kinder von klein an dieselben Schulen. Die Menschen gehen in dieselben Kliniken. Das ist ein "integrierender Ansatz", der die Neuankömmlinge sofort zu Nachbarn macht.

"Die Menschen kommen hier sehr schnell in Alltagssituationen. Sie müssen ein Haus errichten, Landwirtschaft betreiben, zur Schule gehen."

Die Konflikte kommen mit ins Gastland

Allerdings ist fraglich, ob das kleine und arme Uganda die Flüchtlinge noch lange mit offenen Armen empfangen kann. Denn neben gut einer Million Südsudanesen beherbergt das Land knapp 400.000 weitere Menschen aus Nachbarländern wie Burundi, Kongo und Somalia.

Probleme bereitet vor allem die Tatsache, dass Angehörige beider Konfliktparteien aus dem Südsudan fliehen. Hinter der Grenze treffen die Bürgerkriegsgegner wieder aufeinander.

Lange schien der Krieg im Südsudan zu bleiben. Doch mittlerweile brechen Konflikte immer öfter im Zufluchtsland aus.

Die Regierung ist deshalb dazu übergegangen, die Flüchtlinge nach Ethnien zu sortieren – in Dinka und Nuer. Die klagen sich oft gegenseitig an, für die eigene Vertreibung oder den Tod von Angehörigen verantwortlich zu sein.

Die internationalen Hilfsorganisationen sehen deshalb die Möglichkeit einer dauerhaften Lösung nur in einer Beilegung des Krieges im Heimatland der Südsudan-Flüchtlinge. Kerstin Bandsom fürchtet: "Wenn der Bürgerkrieg in Südsudan nicht endet, wird der Konflikt irgendwann nach Uganda kommen."