Wer einen Krankenwagen ruft, erwartet schnelle Hilfe. Doch das System in Großbritannien ist so überlastet, dass in vielen Fällen noch nicht mal jemand ans Telefon geht.

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Ein Viertel der Notrufe in Großbritannien ist im Oktober unbeantwortet geblieben. Das sei der höchste Stand, den es jemals gegeben habe, wie der "Guardian" unter Berufung auf offizielle Statistiken berichtet.

Grund dafür sei die Überlastung des Gesundheitssystems: Die Rettungswagen müssten lange vor den Notaufnahmen warten, bis sie ihre Patienten dort abgeben könnten. In dieser Zeit fielen sie für neue Einsätze aus.

Nach Schätzungen hätten im vergangenen Monat rund 5.000 Patienten wegen langer Wartezeiten "schweren Schaden" erlitten. Entweder sei ein Einsatzfahrzeug erst mit großer Verspätung bei ihnen angekommen oder sie hätten stundenlang vor der Notaufnahme gewartet, bis sie zum Fachpersonal vorgelassen wurden.

Rettungssanitäter warnten, dass jeden Tag Menschen aufgrund der Überlastung sterben würden. Der britische Rettungsdienst könne seine Rolle als "Sicherheitsnetz" in der aktuellen Situation nicht mehr erfüllen.

Gesamtes britisches Gesundheitssystem steckt seit Jahren in einer Krise

Das britische Gesundheitssystem befindet sich seit Langem in der Krise. 132.139 Stellen waren bereits Ende Juni 2022 im staatlichen Gesundheitssystem unbesetzt: 9,7 Prozent des geplanten Personalbestands. Der vierteljährlichen Personalzahl zufolge war die Zahl damit deutlich höher als noch drei Monate zuvor. Über die Leerstellen berichtete der "Guardian".

"Die heutigen Zahlen zu den unbesetzten Stellen sind erschütternd und ein weiterer Beweis dafür, dass der NHS einfach nicht genug Personal hat, um alles zu leisten, was von ihm verlangt wird", sagte damals Saffron Cordery, die Interimschefin von NHS Providers, die alle Gesundheitsdienstleister in England vertritt.

Allein in England fehlten 12.000 Krankenhausärzte und mehr als 50.000 Pflegekräfte und Hebammen, stellte der Gesundheitsausschuss des britischen Unterhauses im Juli fest. Die Wartelisten für Krankenhausbehandlungen seien im April dieses Jahres auf einen Rekordstand von fast 6,5 Millionen Patienten angestiegen.

Das Ziel, innerhalb von 18 Wochen eine Behandlung anzubieten, sei seit 2016 nicht mehr erreicht worden. Eine überwältigende Mehrheit der Mediziner sei der Ansicht, mit der aktuellen Belegschaft den durch die Pandemie verstärkten Rückstau nicht abbauen zu können.

Das hat nun auch Auswirkungen auf den Notdienst. "Das lebensrettende Netz, das der Rettungsdienst des NHS bietet, wird durch diese unnötigen Wartezeiten stark eingeschränkt und jeden Tag sterben Patienten dadurch oder kommen zu Schaden", sagte Martin Flaherty, Geschäftsführer einer Vereinigung regionaler Rettungsdienstleister.


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