An Japans Küste werden immer öfter Fischerboote mit den Skeletten ihrer Besatzungen angespült. Trägt eine Flotte von chinesischen Kuttern dafür die Verantwortung?

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Es sind grausame Funde, die die japanische Polizei zuletzt immer häufiger macht: Jedes Jahr werden Dutzende Boote mit den Leichen oder Skeletten verhungerter nordkoreanischer Fischer an die Küsten des Landes gespült, mehr als 150 waren es allein im vergangenen Jahr. So viele Nordkoreaner verschwinden mittlerweile auf hoher See, dass ihre Heimatorte an der Küste als "Witwendörfer" bezeichnet werden.

Die japanischen Behörden stellen die nordkoreanischen "Geisterboote" vor ein Rätsel: Sie vermuteten, dass der Klimawandel die Wanderrouten der Tintenfische vor Nordkoreas Küste verändert, was die verzweifelten Fischer immer weiter aufs Meer hinaustreibe.

Die Auswertung von Satellitendaten und Schiffskoordinaten sowie Gespräche mit Experten, zuerst öffentlich gemacht durch NBC-News, liefern nun eine andere Erklärung: China entsendet eine bislang unentdeckte Flotte zum Fischfang in nordkoreanische Gewässer, die nordkoreanische Fischer oft gewaltsam verdrängt und was dazu geführt hat, dass die Tintenfischbestände in der Region dramatisch eingebrochen sind.

Chinas Offensive verstößt gegen internationales Recht

Chinas Offensive im Japanischen Meer verstößt gegen internationales Recht, das ausländischen Fischfang in nordkoreanischem Gewässer verbietet. Die Vereinten Nationen hatten es dem Regime in Pjöngjang infolge von Atomtests bereits 2017 untersagt, Fischereirechte gegen Devisen an Drittstaaten zu vergeben. China hatte die Resolution als ständiges Mitglied im Uno-Sicherheitsrat mitgetragen.

Trotzdem dringen nun chinesische Kutter offenbar immer massiver in nordkoreanische Gewässer vor. Fast 800 sollen es 2019 gewesen sein. "Dies ist der größte bekannte Fall illegalen Fischfangs, der je von einer Industrieflotte in den Gewässern eines anderen Landes verübt wurde", sagt Jaeyoon Park von Global Fishing Watch, einer Nonprofit-Organisation, die die Flotte gemeinsam mit einem internationalen Team von Wissenschaftlerinnen ausfindig gemacht hat.

Im März hatten zwei Uno-Mitgliedstaaten anonym über Chinas Sanktionsbruch berichtet. Sie legten Beweise vor, darunter Satellitenbilder von chinesischen Schiffen in nordkoreanischen Gewässern sowie Zeugenaussagen von chinesischen Fischern, die angaben, ihre Regierung über ihre Tätigkeit informiert zu haben.

Peking bestreitet die Vorwürfe. "China hat die Resolutionen des Sicherheitsrats in Bezug auf Nordkorea konsequent und gewissenhaft durchgesetzt." Den illegalen Fischfang habe die Volksrepublik stets "konsequent bestraft", heißt es in einem Statement des Außenministeriums.

Die Fischgründe im Japanischen Meer liegen zwischen Nord- und Südkorea, Japan und Russland. Bisher war weitgehend unbekannt, dass chinesische Boote in einem solchen Ausmaß in diesem Gebiet unterwegs sind, weil ihre Kapitäne routinemäßig ihre Transponder abschalten. Das macht sie für die Behörden an Land unsichtbar.

Ein Patrouillenschiff der japanischen Küstenwache nähert sich einem nordkoreanischen Fischerboot, um es zu warnen, die Gewässer bei Yamatotai (Japan) zu verlassen. (Archivfoto vom Mai 2019)

Die Rechercheallianz um Global Fishing Watch konnte diese Schiffe nun mithilfe von Satellitentechnologie nachverfolgen. Viele Tintenfischkutter setzen extrem starke Lampen ein, um ihre Beute näher an die Wasseroberfläche zu locken. Zudem verwenden die Chinesen sogenannte Paar-Trawler: zwei nebeneinander fahrende Boote, zwischen denen ein Fischernetz gespannt ist. Weil sie sich gemeinsam bewegen, sind sie per Satellit leichter zu erkennen.

Da die chinesischen Behörden ihre Fanglizenzen nicht veröffentlichen, lässt sich nicht überprüfen, ob alle Schiffe, die in nordkoreanische Gewässer einfahren, dazu die Erlaubnis von ihrer Regierung hatten. Global Fishing Watch kann jedoch nachweisen, dass die Schiffe aus China stammten. Etwa durch die Auswertung von Transpondern und anderen Funkgeräten, die Aufzeichnungen der südkoreanischen Küstenwache. Daten, die zeigen, dass die Schiffe aus chinesischen Häfen oder Gewässern gestartet sind, in denen ausschließlich chinesische Schiffe verkehren dürfen, und Dokumente, die auf die Verwendung eindeutig chinesischer Ausrüstung hinweisen.

Mörderischer Druck

Die übermächtige chinesische Konkurrenz setzt die nordkoreanischen Fischer unter zum Teil mörderischen Druck. Jung Sam Lee, Wissenschaftler am Korea Maritime Institute in Busan, berichtet, dass die nordkoreanischen Fischer in schlecht ausgerüsteten Booten hohe Risiken auf sich nähmen. Weit entfernt von Nordkoreas Küste, von Taifunen versprengt oder nach Motorschäden unfähig zu navigieren, würden sie von der Tsushima-Strömung erfasst, die nordostwärts an der Westküste Japans entlangfließt, sagte er.

Laut der japanischen Küstenwache verfügen die Boote der Nordkoreaner zuweilen weder über Toiletten noch Betten; die Ausrüstung beschränkt sich auf Frischwasserkanister, Fischernetze und Angelzeug. Sie seien mit zerfledderten nordkoreanischen Fahnen beflaggt, ihre Rümpfe oft mit aufgemalten Zahlen oder Markierungen in koreanischer Schrift versehen, darunter "Staatssicherheitsministerium" und "Koreanische Volksarmee". Alle an Bord dieser Boote gefundenen Leichen scheinen Männer zu sein, wobei einige so stark verwest waren, dass japanische Ermittler sich mit definitiven Aussagen schwertaten.

Fischereiprodukte gehören zu den wichtigsten Exportgütern Nordkoreas. Diktator Kim Jong Un hat die staatseigene Fischereibranche gedrängt, ihre Ausbeute zu erhöhen. "Fischerboote sind wie Kriegsschiffe, die Menschen und Mutterland schützen", heißt es in einem Leitartikel des offiziellen Parteiorgans "Rodong Sinmun" von 2017. Das Regime in Pjöngjang hat versucht, die Industrie um jeden Preis auszubauen, indem es Soldaten zu Fischern machte und schlecht ausgebildeten Seeleute in notorisch stürmische Gewässer schickte.

Seit 2013 konnten rund 50 Überlebende von den maroden Booten gerettet werden. Bei Vernehmungen durch die japanische Polizei sagten die Männer jedoch selten mehr, als dass sie auf See havariert waren und nach Nordkorea zurückkehren wollten. Autopsien der Leichen, die auf den Booten gefunden wurden, deuteten in der Regel darauf hin, dass die Männer verhungerten oder an Unterkühlung oder Dehydration starben.

"Fischerboote sind wie Kriegsschiffe"

Lange Zeit schränkte die Leistungsfähigkeit der 12-PS-Motoren den Radius von Nordkoreas Fischern ein. In der Regel entfernten sich die Männer nur einige Dutzend Seemeilen von der Küste. Das berichtet ein ehemaliger nordkoreanischer Fischer, der 2016 nach Südkorea überlief und heute in Seoul lebt. "Der Druck aus der Regierung ist jetzt größer, und manche Boote sind inzwischen mit 38-PS-Motoren ausgerüstet", sagte der Überläufer, der aus Angst um seine Familie anonym bleiben will. "Die Menschen sind heute verzweifelter, und sie können weiter rausfahren."

Die chinesischen Trawler drängten die nordkoreanischen Fischer wahrscheinlich bis in die benachbarten russischen Gewässer ab, sagt Jung Sam Lee vom Korea Maritime Institute. Japans Küstenwache berichtet, dass allein 2017 mehr als 2000 nordkoreanische Boote bei illegalen Fangzügen in japanischen Gewässern entdeckt worden seien.

Die Manöver Chinas im Japanischen Meer verdeutlichen, wie rücksichtslos die Volksrepublik oft ihre Interessen inzwischen über die eigenen Landesgrenzen hinaus verfolgt. Die Chinesen konsumieren mehr Fischereiprodukte als jede andere Nation. Allein in den vergangenen fünf Jahren ist der von chinesischen Fischern weltweit eingeholte Fang um mehr als ein Fünftel gewachsen. Viele der Fischbestände, die den chinesischen Küsten am nächsten liegen, sind bereits durch die industrielle Fischerei zusammengebrochen. Ein Grund, weshalb Chinas Regierung ihre Fischer stark subventioniert.

Laut Schätzungen Pekings holten chinesische Fischereiflotten 50 bis 70 Prozent der Tintenfische aus dem Wasser, die in den vergangenen Jahren weltweit auf hoher See gefangen wurden. Häufig fischen diese Boote illegal in den Gewässern anderer Länder, so eine Analyse der Meeresforschungsfirma C4ADS. In den Jahren 2017 und 2018 fingen die chinesischen Boote illegal so viel Tintenfisch wie Japan und Südkorea zusammen – jährlich geschätzt 164 000 Tonnen im Wert von mehr als 440 Millionen Dollar.

Meeresforscher befürchten einen vollständigen Einbruch dieser Tintenfischpopulation. Seit 2003 wurde der Bestand in südkoreanischen und japanischen Gewässern um mehr als 70 Prozent dezimiert. Für diesen rapiden Rückgang trägt die chinesische Flotte mit die Hauptverantwortung. Sie fängt Tintenfische, noch bevor diese ausgewachsen sind und sich fortgepflanzt haben, kritisiert Wissenschaftler Park.

Besatzungen chinesischer Fischerboote sind zudem dafür berüchtigt, dass sie zuweilen aggressiv vorgehen, oft bewaffnet sind und Konkurrenten oder ausländische Patrouillenschiffe auch mal rammen.

Die Autoren dieses Artikels filmten zehn chinesische Fischerboote, wie diese in nordkoreanische Gewässer eindrangen. Um eine gefährliche Kollision zu vermeiden, musste sie ihren Kurs ändern, nachdem einer der chinesischen Kapitäne plötzlich auf ihr Boot zugesteuert war und sich ihnen bis auf zehn Meter genähert hatte – wohl in der Absicht, sie zu vertreiben. Mitten in der Nacht etwa hundert Meilen vor der Küste gesichtet, reagierten die chinesischen Tintenfischkutter nicht auf Funkrufe.

Ian Urbina, ein früherer Investigativreporter der "New York Times", ist Direktor des Outlaw Ocean Project, einer Non-Profit-Medienorganisation mit Sitz in Washington, die vor allem über Umwelt- und Menschenrechtsverbrechen auf hoher See berichtet.

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