Ein Elitesoldat und mehrere Zivilisten, auch Kinder, wurden beim ersten Einsatz eines US-Spezialkommandos unter dem Oberbefehl von Donald Trump getötet. Militärs werfen dem Präsidenten vor, er habe die Mission im Jemen vorschnell angeordnet.

Die Nacht vom Samstag zum Sonntag war eine mondlose Nacht über den Bergen des Jemen. Die Dunkelheit bot den US-Navy Seals den Schutz, den sie für ihre riskante Mission brauchten. Doch der Einsatz gegen einen Stützpunkt der Terrororganisation al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel ging gründlich schief.

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Ein US-Soldat kam bei dem Angriff ums Leben, mehrere weitere wurden verletzt. Zudem wurden mehrere Zivilisten getötet, darunter auch Kinder. Das hat Centcom, das zuständige Regionalkommando des US-Militärs, inzwischen eingeräumt, nachdem in einer ersten Mitteilung vom Wochenende noch keine Rede von zivilen Opfern war.

Es war der erste Einsatz eines US-Spezialkommandos, den Donald Trump als US-Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte in Auftrag gab. Die Vorbereitungen für die Mission hatten bereits unter seinem Vorgänger Barack Obama begonnen. Das Pentagon hatte jedoch davon abgeraten, den Angriff noch in dessen Amtszeit durchzuführen - eben weil man auf eine Neumondnacht warten wollte.

Militärs beklagen unzureichende Vorbereitungen

Nach Informationen der "New York Times" gab Trump am Mittwoch vergangener Woche grünes Licht für die Kommandomission, während eines gemeinsamen Abendessens, bei dem unter anderem Vizepräsident Mike Pence, Verteidigungsminister Jim Mattis, sein Nationaler Sicherheitsberater Michael Flynn, sein Chefstratege Stephen Bannon sowie Schwiegersohn Jared Kushner anwesend waren.

Der Nachrichtensender CNN berichtet unter Berufung auf Diplomatenkreise, der Präsident habe die Mission "ziemlich schnell" abgesegnet.

Drei ranghohe Mitarbeiter des US-Militärs werfen Trump vor, er habe der Operation zugestimmt, obwohl die Vorbereitungen noch nicht abgeschlossen waren. Sie berichteten der Nachrichtenagentur Reuters, es habe vor dem Befehl zum Angriff weder ausreichend Geheimdienstinformationen noch Bodenunterstützung noch angemessene Sicherheitsvorkehrungen gegeben.

Es ist ungewöhnlich, dass gut informierte Angehörige des Militärs ihren Oberbefehlshaber so offen kritisieren. Das ist ein Indiz dafür, dass die Unzufriedenheit mit Trump in Teilen der Armee schon nach wenigen Tagen groß ist.

Die mangelhafte geheimdienstliche Aufklärung des Zielobjekts in dem abgelegenen Bergdorf Jakla führte zu einer Kette von Pannen während des Einsatzes. Als Hubschrauber das Kommando, das aus mehreren Dutzend Elitesoldaten aus den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten bestand, rund acht Kilometer vom Dorf entfernt absetzten, wussten die Qaida-Kämpfer schon von dem bevorstehenden Angriff.

Die Navy Seals wussten wiederum, dass die Terroristen das wussten - sie konnten Gespräche der Milizionäre abhören.

Schießende Frauen überraschten das Kommando

Das Überraschungsmoment war damit dahin, dennoch entschloss sich das Kommando, die Mission fortzuführen. Allerdings gerieten die Soldaten so in ein 50-minütiges Feuergefecht mit den Qaida-Kämpfern, bei dem der Unteroffizier William Owens getötet und drei weitere Navy Seals verwundet wurden.

Nach Angaben von US-Militärs feuerten die Qaida-Kämpfer unter anderem aus einer Krankenstation, einer Schule und einer Moschee auf die Soldaten. Zur großen Überraschung der Angreifer sollen auch Frauen auf das US-Kommando geschossen haben. Dadurch war die Qaida-Zelle zahlenmäßig stärker als erwartet.

Laut der drei Militärmitarbeiter, mit denen Reuters sprach, hatten die Navy Seals auch nicht damit gerechnet, dass der Qaida-Stützpunkt vermint sein würde.

Das führte dazu, dass die Spezialeinheit Kampfhubschrauber und Kampfjets zur Unterstützung anforderte. Diese bombardierten dann die Häuser, in denen sich die Qaida-Kämpfer verschanzt hatten. 14 Terroristen wurden nach Angaben der US-Regierung bei dem Einsatz getötet, unter ihnen Abdulrauf al-Dhahab, einer der Anführer von al-Qaida im Jemen.

Schließlich schickte die Einsatzleitung vom im Golf von Aden liegenden Kriegsschiff "USS Makin Island" aus zwei senkrecht startende Flugzeuge vom Typ MV-22 Osprey nach Jakla, die das Kommando aus dem Kampfgebiet herausbringen sollte.

Eines der Flugzeuge legte jedoch eine Bruchlandung hin, bei der zwei Besatzungsmitglieder verletzt wurden. Der Senkrechtstarter war nicht mehr flugfähig. Ein US-Jet zerstörte das rund 70 Millionen Euro teure Fluggerät mit einer Bombe, um zu verhindern, dass die Osprey al-Qaida in die Hände fällt.

Die Navy-Seals haben niemanden gefangengenommen, nach Angaben von Trumps Sprecher Sean Spicer aber "eine unglaubliche Menge an Geheimdienstinformationen gesammelt, die potenzielle Attacken auf amerikanischem Boden verhindern werden". Die Rede ist unter anderem von mehreren Computerfestplatten mit Daten zu al-Qaida.

Trump kündigte Angriffe auf Familien von Terroristen an

Zurück blieben ein weitgehend zerstörtes Dorf Jakla und mehrere tote Zivilisten. Gegenüber Reuters sprach ein Militär von 15 getöteten Frauen und Kindern. Unter ihnen ist auch die achtjährige Noura al-Awlaki. Sie ist die Tochter des in den USA geborenen Qaida-Kommandeurs Anwar al-Awlaki. Er war 2011 bei einem US-Drohnenangriff im Jemen getötet worden.

Dieser erste Kommandoeinsatz unter Oberbefehlshaber Trump könnte einen Ausblick auf zukünftige Missionen geben. Im Wahlkampf hatte der jetzige Präsident mehrfach angekündigt, die Angehörigen von mutmaßlichen Terroristen gezielt zu töten.

"Wenn dir diese Terroristen in die Hände fallen, musst du ihre Familien ausschalten", forderte er. Oder auch: "Wir müssen die Terroristen und ihre Familien in die Hölle bomben."

Gleich beim ersten gezielten Einsatz gegen einen Terrorstützpunkt ist nun genau das passiert. Das ist nicht nur rechtlich äußerst fragwürdig, sondern birgt auch Gefahren für die US-Soldaten.

Trumps Sicherheitsberater Flynn hat angekündigt, er wolle den Entscheidungsprozess bei solchen Kommandomissionen deutlich beschleunigen. Der Soldat William Owens hat schon diesen offenbar überhasteten Angriff im Jemen nicht überlebt.© SPIEGEL ONLINE