Kinderpornografie ist eine weltweit operierende kriminelle Industrie. Die Missbrauchsopfer sitzen meist in armen Ländern, die Nutznießer bequem im reichen Norden. Die Produzenten machen mit dem schmutzigen Geschäft Millionen - die Erreichbarkeit für Konsumenten dank Internet wird immer leichter.

Wiesbaden (dpa) - Kinderpornografie ist eine weltweit operierende kriminelle Industrie. Die Digitalisierung von Film und Foto hat die Herstellung vereinfacht. Im Internet lassen sich Bilder von schlimmstem Missbrauch mit wenigen Mausklicks finden oder verteilen. "Das Internet ist spätestens seit der Jahrtausendwende zum vorherrschenden Medium für den Austausch von kinderpornografischen Bild- und Videodateien geworden", heißt es beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Die Folge von Missbrauch und Gewalt für Kinder, für die Schwächsten der Gesellschaft: lange seelische und körperliche Leiden.

Wieviel Umsatz skrupellose Händler mit Kinderpornos machen, lässt sich seriös nicht errechnen. "Das kann ein Riesengeschäft sein, das nicht mehr im Millionenbereich liegt", sagt der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer in Hannover.

Kinder in Entwicklungsländern oft leichte Opfer

Trotzdem dürfte weniger Geld im Spiel sein als im Drogen-, Waffen- oder Menschenhandel. "Der größte Teil des Materials mit Kindesmissbrauch wird nichtkommerziell im offenen Internet getauscht zwischen einzelnen Teilnehmern", berichtet die European Financial Coalition (EFC) in Brüssel. In der Initiative gegen Kindesmissbrauch arbeiten die europäische Polizeibehörde Europol, Internetfirmen und die Anbieter von Zahlungssystemen zusammen.

Ein Betroffener erzählt vom täglichen Kampf gegen die Neigung.

Die kanadische Firma Azov Films war ein typisches Beispiel für den kommerziellen Teil der Kinderpornobranche. Im November 2011 meldete die Polizei in Toronto, sie habe den Kinderpornoring zerschlagen. Im Angebot bei Azov Films waren harmlose FKK-Fotos, grenzwertige Bilder nackter Kinder in aufreizenden Posen, wie sie der frühere SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy angeblich bestellt hat - und Dokumente von hartem Kindesmissbrauch für besonders vertraute Kunden.Hergestellt werden die Pornos in den ärmeren Ländern der Welt - bei Azov Films unter anderem in Rumänien und der Ukraine. Auf der ukrainischen Halbinsel Krim wurde im Juli 2011 ein Mann verurteilt, der für die Kanadier Pornofilme produziert hatte. Die Kriminellen nutzen die Armut von Kindern und Eltern aus. Russland ist eine Hauptquelle für Kinderpornos. Andere Herkunftsländer liegen in Südostasien - ein Sexreiseziel wie Thailand gehört dazu, aber auch die aufstrebende Internetnation Indien.Verkäufer und Konsumenten sitzen meist im reichen Norden - wie bei Azov Films. Auch die Abrechnung über Kreditkarten oder neue, leichter zu verschleiernde Zahlungssysteme geschieht im reichen Teil der Welt. Die meisten Computerserver, über die Kinderpornos verteilt werden, stehen nach EFC-Angaben in den USA, gefolgt von Russland und Kasachstan. Deutschland liegt danach auf Platz sieben.

Trotzdem vertritt auch der Chef der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden, Rudolf Egg, die These: "Es gibt keinen großen kommerziellen Markt." Im Kern bleibe Kinderpornografie ein Tauschgeschäft unter "Leuten, die ähnliche Neigungen haben".Die Pädophilen treffen sich in geschlossenen Internetforen. "Da kann man nur Kunde werden, wenn man etwas zu offerieren hat", bestätigt Pfeiffer. Wer Zutritt will, muss Tauschmaterial einbringen. 2009 hob die Polizei in der "Operation Susi" einen Ring von Pädophilen aus, die ihr Material als Fotodateien übers Handy tauschten.Im schlimmsten Fall zeigen die Tauschangebote die eigenen Kinder. Denn die meisten Missbrauchsfälle geschehen in der Familie und im nahen sozialen Umfeld - und dort werden sie auch dokumentiert.

Kinderpornografie mit Online-Zahl-Service

Mehrere Entwicklungen beunruhigen die Experten. Dazu zählt die zunehmende Anonymisierung von Online-Bezahlmethoden. Die EFC schreibt auch: "Die Live-Übertragung von Missbrauch gegen Bezahlung ist ein Trend, der große Sorge bereitet." Auf den Philippinen sollen sich Fälle ereignet haben, dass Mädchen vor der Live-Kamera zum Sex gezwungen wurden. Und schließlich die Mahnung: Je leichtsinniger Jugendliche mit eigenen Nacktfotos im Netz oder auf Handys umgehen, desto eher fallen die Bilder Pornohändlern in die Finger.

In der deutschen Kriminalstatistik haben die Fälle der Verbreitung von Kinderpornos seit dem Jahr 2000 um das Zweieinhalbfache auf knapp 2500 zugenommen. Bei Besitz und Verschaffung des Materials schwanken die Zahlen. Die Zunahme erklärt sich aus verstärkten Ermittlungen, hat aber wenig mit der tatsächlichen Lage zu tun. Das BKA spricht von einem "im Umfang nicht definierbarem Dunkelfeld".

Pfeiffer fordert als Konsequenz aus der Edathy-Affäre, Ankauf und Besitz aufreizender Bilder zu verbieten, die bislang gerade noch erlaubt waren. "Das könnte helfen, den Markt schrittweise trockenzulegen." Die harmloseren Bilder dienten meist dazu, Kinder auf härteren Missbrauch vorzubereiten. Polizei und Staatsanwaltschaft müssten im Kampf gegen Kinderpornografie verstärkt werden. Dabei bräuchten die Beamten selber seelischen Schutz vor dem, was sie mitansehen müssen: "Im Internet zu ermitteln in diesem Bereich ist auf die Dauer eine Zumutung."