Der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea um das Raketen- und Atomprogramm des Landes spitzt sich weiter zu. Parallelen zur Kuba-Krise 1962 drängen sich auf. Damals drohte eine atomare Auseinandersetzung zwischen Amerika und der Sowjetunion. Ein Experte erklärt, warum der Vergleich hinkt.

Kuba 1962. Die Sowjetunion stationiert Mittelstreckenraketen, darunter Atomwaffen, nur 150 Kilometer vom amerikanischen Festland entfernt.

Die USA reagieren mit einer Seeblockade gegen die Karibikinsel, die Welt hält den Atem an. Niemals standen die Supermächte so dicht vor einer atomaren Auseinandersetzung.

Heute ist das Wort Nuklearkrieg wieder in aller Munde. Grund sind die gegenseitigen Drohungen zwischen den USA und Nordkorea.

Trump wird nach spezieller Darbietung in Urlaubsort immer mehr zum Welträtsel.


Während US-Präsident Trump von "Feuer und Wut" spricht, prüft das Regime in Pjöngjang einen Angriff auf eine US-Basis im Pazifik.

Der Politikwissenschaftler Christian Hacke (Jahrgang 1943) hat die Kuba-Krise als junger Mann selbst erlebt. Er spricht über seine Erinnerungen, die Berechenbarkeit der damaligen Akteure und Fehleinschätzungen im Weißen Haus - 1962 wie 2017.

Herr Hacke, Sie haben die Kuba-Krise 1962 als junger Mann erlebt. Woran erinnern Sie sich?

Professor Christian Hacke: Das hat sich tief in mein Gedächtnis eingegraben. Da war ich auf dem Weg von meiner Freundin in Timmendorf zum Internat in Plön in Schleswig-Holstein.

Es war ein strahlender Oktobertag - und ich habe wirklich gedacht, es kann passieren, dass wir morgen nicht mehr da sind.

Wenn da was vom Himmel runterrauscht, dann war es das. Dermaßen angespannt war die Lage.

Ist die Situation heute mit damals vergleichbar?

Ach was, überhaupt nicht. Das einzige, was mich sehr beunruhigt, ist, dass wir derzeit einen unkalkulierbaren Mann im Weißen Haus haben.

Der damalige Präsident John F. Kennedy hat sehr besonnen agiert, die Angriffspläne seiner Generäle auf Kuba abgelehnt und eine Seeblockade befohlen.

Stellen Sie sich vor, in der Kuba-Krise wäre Donald Trump Präsident gewesen. Unvorstellbar!

Meine Hoffnung ist, dass seine Berater und die Generäle ihn zur Vernunft bringen. Ich denke, das wird auch so sein.

Ein Einblick in Nordkoreas sonderbare Führungsdynastie.


Der amerikanische Politologe Robert Litwak spricht im Hinblick auf Nordkorea von einer "Kuba-Krise in Zeitlupe". Gehen Sie da mit?

Nein, überhaupt nicht. Das ist eine schöne, aber irreführende Formulierung.

Warum?

Der größte Unterschied ist: Hier handelt es sich um eine Krise, die zu einem regionalen Krieg führen könnte, was schlimm genug ist.

Damals stand die Welt kurz vor einem Atomkrieg zwischen zwei Supermächten, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Das hatte eine weltpolitische Brisanz.

Außerdem wollte die Sowjetunion damals durch die Stationierung der Mittelstreckenraketen auf Kuba einen geostrategischen Gewinn erzielen, unter anderem weil sie sich durch US-Flugkörper in der Türkei bedroht fühlte.

Nordkorea geht es dagegen um internationale Anerkennung und den eigenen Machterhalt. Die Atomwaffen sind nur ein Druckmittel.

Wo sehen Sie weitere Unterschiede?

Damals waren mit den USA und der Sowjetunion trotz des Blockgegensatzes zwei absolut berechenbare Akteure involviert.

Über Donald Trump und Kim Jong Un würde ich das nicht behaupten. Sie benehmen sich wie ein paar Gorillas, die sich auf die Brust hauen.

Damit wollen sie sagen: Hier bin ich der King, hier darf keiner hin.

Haben sich Kennedy und der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow auch mit Drohgebärden überzogen?

Nein, überhaupt nicht. Damals war ja alles geheim. Die Sowjets haben die Amerikaner mit den Raketen auf Kuba überrascht.

Auch die Verhandlungen zur Lösung der Krise liefen im Geheimen ab - ohne öffentliches Gedröhne.

Was hätte die Sowjetunion 1962 gemacht, wenn Kennedy dem Wunsch seiner Generäle gefolgt wäre und Kuba angegriffen hätte?

Das kann man heute nicht sagen. Vielleicht hätten die Russen gar nichts gemacht. Aber unter Umständen hätten sie mit einem Gegenschlag geantwortet, vielleicht nicht gleich mit Nuklearwaffen.

Damals befürchtete man einen Angriff auf Berlin, auf Deutschland, auf Europa.

US-Präsident droht Nordkorea konkret wie noch nie mit Militärschlag.


China hat sich in den letzten Jahren vermehrt von Nordkorea distanziert. Wenn die USA heute Nordkorea angreifen würden, hätte Pjöngjang dann - anders als Kuba 1962 - keine Schutzmacht im Rücken?

Das ist hochspekulativ. Ein Angriff wäre eine Wahnsinnstat und einfach dumm.

Es wäre die Fortsetzung der US-Politik der vergangenen 20 Jahre, dort gewaltsam Demokratie einzusetzen, wo keine Demokratie herrscht.

Ich glaube aber nicht, dass es zu einer militärischen Auseinandersetzung kommt - eine der wenigen Parallelen zu 1962.

Sehen Sie weitere Gemeinsamkeiten?

Ja, eine ganz erhebliche. Es wurde damals wie heute in Washington von Kapazitäten auf Intentionen geschlossen.

Das bedeutet?

Nur weil die Sowjets Raketen auf Kuba stationieren wollten, hat man ihnen unterstellt, dass sie diese auch gegen die USA einsetzen wollten.

Diese Fehlrechnung ist heute noch viel schlimmer. Als ob Kim seine Raketen tatsächlich gegen Amerika abschießen würde, wenn er es könnte!

Das würde sein Ende bedeuten. Diese konstruierte Gefahr halte ich für völlig irreführend.

Nordkorea geht es nur darum, das eigene Regime zu sichern. Die Atomwaffen haben eine defensive Funktion.

Ihr Fazit: Hält der Vergleich der Nordkorea-Krise mit der Kuba-Krise stand?

Nur sehr bedingt. Das eine war ein Konflikt von weltpolitischer Brisanz, in dem die Sowjetunion einen geostrategischen Gewinn erzielen wollte.

Das andere ist weit mehr ein regionaler Konflikt, in dem es Nordkorea letztlich nur um den eigenen Machterhalt geht.

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Prof. Christin Hacke (Jahrgang 1943) war als Professor an der Universität der Bundeswehr Hamburg und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn tätig. Der Politikwissenschaftler befasst sich unter anderem mit amerikanischer Geschichte und Außenpolitik sowie den transatlantischen Beziehungen.