"Wie antisemitisch ist Deutschland heute?", wollte Anne Will anlässlich des Holocaust-Gedenktages wissen. Die Antwort führte natürlich zu der Frage, ob sich Geschichte tatsächlich wiederholen kann. Der erschreckender Befund bei "Anne Will": Es hat längst angefangen.

Der 27. Januar ist in Deutschland dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gewidmet. Dieses Datum wurde natürlich nicht zufällig gewählt, denn am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Konzentrationslager Auschwitz.

Angesichts des menschenverachtenden Wahnsinns des Nationalsozialismus ist es schwer vorstellbar, dass jemals wieder die Frage gestellt werden muss: "Wie antisemitisch ist Deutschland?" Aber Anne Will diskutierte genau diese Frage am Sonntagabend mit ihren Gästen.

Diese Gäste diskutierten bei "Anne Will":

  • Esther Bejarano, Künstlerin und Auschwitz-Überlebende
  • Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur und Medien
  • Sawsan Chebli (SPD), Berlins Staatssekretrin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales
  • Wenzel Michalski, Direktor Human Rights Watch
  • Julius H. Schoeps, Historiker und Politikwissenschaftler

Darüber wurde bei "Anne Will" gesprochen:

Die erste halbe Stunde widmete Anne Will ganz alleine Esther Bejarano und ihrer Geschichte. Wie die heute 93-Jährige Bejarano 1941 erst in ein Zwangsarbeitslager gesteckt und zwei Jahre später nach Auschwitz deportiert wurde. Wie sie dort mit Glück überlebte, weil sie im Mädchenorchester spielen durfte.

Wie sie 1960 mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Deutschland zurückkehrte und dort wieder Antisemitismus erlebte. Und nicht zuletzt, wie sie sich seit vielen Jahren gegen Rassismus und Antisemitismus engagiert.

Man hätte Bejarano und ihrer Geschichte ohne Bedenken den ganzen Abend widmen können, denn ihr Auftritt, ihre Geschichte und vor allem ihre Aussagen hätten genug Antworten für die wichtigsten Fragen geliefert: Wie kann man aufklären? Wie gefährlich ist die aktuelle Lage? Wieso gibt es 2017 immer noch Antisemitismus? Welche besondere Rolle spielt Deutschland dabei?

Trotzdem war es klug, auch die anderen Gäste zu hören, um, wie es Anne Will ausdrückte, zu klären, ob die Wahrnehmung des Antisemitismus in Deutschland einem Gefühl entspringt oder einem empirischen Befund entspricht.

Wie antisemitisch ist Deutschland heute?

Gefühl oder Empirie? Da gibt es natürlich zwei Herangehensweisen, die individuell erlebte und die wissenschaftliche. Bei "Anne Will" fanden sich gestern beide. Für Bejarano ist die Sache klar: "Wir haben ganz viele Nazis hier rumlaufen."

Wenzel Michalski unterstütze diese Ansicht aus seiner eigenen Erfahrung. Sein ebenfalls jüdischer Sohn wurde in der Schule wegen seines Glaubens von Mitschülern drangsaliert bis hin zu einer Scheinhinrichtung. Diese und andere Erfahrungen lassen ihn zu dem Schluss kommen: "Judenhass ist im Alltag wieder angekommen."

Die "Anne Will"-Redaktion unterstützt diese Wahrnehmung mit Zahlen aus dem Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus vom April 2017. Demnach zeigt ein Drittel der Menschen in Deutschland zumindest antisemitische Tendenzen und 78 Prozent der befragten Juden geben an, dass der Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren zugenommen habe.

Eine Einschätzung, die der Historiker Julius Schoeps bestätigen kann: "Der Antisemitismus war immer da. Ich halte den Antisemitismus für eine kollektive Bewusstseinskrankheit. Er kommt in Wellen und er geht mal weniger, mal mehr."

Wenzel Michalski sieht Deutschland gerade mitten in einer ankommenden Welle. Auf Wills Frage, ob er uns in einer Situation wie 1933 sehe, antwortete Michalski "Ich sehe es nicht dramatisch wie 1933/34, aber ich sehe Parallelen." Etwas direkter formuliert es Esther Bejarano: "Wir sind nicht am Anfang, wir sind mittendrin ."

Das ist natürlich ein niederschmetternder Befund, der noch gefährlicher wird, wenn man die Geschichte von Bejaranos Vater hört. Der erkannte die drohende Gefahr durch die Nazis nicht, am Ende wurde er von ihnen umgebracht. "Mein Vater war optimistisch, dass die Deutschen nicht mitmachen werden. Das war ein großer Fehler", erzählt Bejarano davon.

Die Antwort auf Wills Frage, ob wir uns noch einmal so irren könnten wie ihr Vater, gerät deshalb zur Mahnung, wie schnell so etwas gehen kann: "Natürlich. Die Hauptsache ist: Wir müssen etwas gegen die rechtslastigen Parteien tun, die wir hier leider haben!"

Was kann man gegen Antisemitismus tun?

Monika Grütters in der Funktion der Staatsministerin für Kultur und Medien gab zu Bedenken, dass zwar nie genug, aber doch sehr viel an Gedenk- und Aufklärungsarbeit getan werde. Gleichzeitig wies sie aber auf die Grenzen dieser Arbeit hin: "Der Staat kann natürlich keine Gesinnungsprüfung vornehmen, aber er kann Angebote schaffen, um aus der Geschichte zu lernen."

Wenzel Michalski sieht die Arbeit gegen Antisemitismus skeptisch: "Ich glaube, es wird sehr viel darüber geredet, aber es wird nicht genug getan." Konkreter: "Wenn wir sagen, die Kinder sollen alle in die Konzentrationslager gehen und dort lernen, dann ist das ein interessanter Ansatz. Aber er verpufft, wenn das nicht begleitet wird durch andere pädagogische Maßnahmen vom Kindergarten an."

Den von Sawsan Chebli ins Spiel gebrachten verpflichtenden Besuch einer KZ-Gedenkstätte sieht aber sogar Esther Bejarano kritisch, genauso wie Historiker Schoeps: "Keine Zwangsbesuche, das hat genau die gegenteilige Wirkung. Wir müssen uns immer vor Augen halten: Aufklärung ist wichtig, aber wir müssen auch immer um die Grenzen der Aufklärung wissen. Aber wir haben kein anderes Mittel."

Ein anderes Mittel gibt es aber doch, wie Esther Bejarano auf die Frage antwortete, ob wir uns noch einmal so irren könnten wie ihr Vater: "Wir müssen uns entgegenstellen. Alle Menschen."

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