Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk wird deutlich.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Mehr News zum Krieg in der Ukraine

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

das politisch korrekte Sprechen ist seine Sache nicht. Der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, ist das, was die Amerikaner einen "Truthteller" nennen: Er sagt, was er denkt. Und er tut, was er sagt.

Er kämpft mit scharfem Vokabular für die Interessen seines Landes und gegen die Lethargie der deutschen Wohlstandsgesellschaft, die nicht bereit scheint, ihre Energielieferungen aus Russland zu beenden.

Dr. Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Deutschland. (Archivbild von 2017)

"Wenn es um Leben oder Tod, ums Überleben meiner Nation geht, dann ist es mir scheißegal, welche Wortwahl ich verwende", sagt er im Interview mit der heutigen "Welt". Die Entscheidung der Bundesregierung, weiterhin der größte Gas- und der drittgrößte Ölabnehmer der Russen zu bleiben, findet er skandalös:

"Das ist ein Messer in den Rücken der Ukraine."

Ukraine-Konflikt - Trudeau in Berlin
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) spricht nach dem Gespräch mit dem kanadischen Premierminister Trudeau bei einer Pressekonferenz im Kanzleramt in Berlin.

Der deutsche Bundeskanzler sei trotz seiner historischen Wende in der Militärpolitik für ihn kein Held, sondern ein Mann, dem es an Entschlossenheit im Freiheitskampf fehle:

"Mein Präsident hat mit Scholz telefoniert – als ob man mit einer Wand gesprochen hätte."

Das bisherige Sanktionspaket, das die russische Volkswirtschaft zwar beschädigt, aber nicht in die Knie zwingt, ist ihm zu sanft geraten:

"Das ist keine Hilfe, die dem Ausmaß an Brutalität und Verzweiflung in meiner Heimat gerecht würde."

Richtig ist, Deutschland musste von den Amerikanern zum Ja-Sagen getragen werden, bei der Erhöhung der Verteidigungsausgaben, bei der Militärhilfe für die Ukraine und genauso bei der Verabschiedung eines Sanktionspakets, das auch den internationalen Zahlungsverkehr umfasst.

Und richtig ist auch, die humanitäre Katastrophe dieses Krieges rückt in ihrer ganzen Dimension nur langsam – und nach dem Rückzug vieler Fotografen und TV-Anstalten noch langsamer – ins Bewusstsein der Deutschen. Hier die sieben Fakten, die man dazu heute Morgen kennen sollte:

  • Nach Angaben der Vereinten Nationen sind seit Beginn des russischen Einmarsches mehr als zwei Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. Die meisten der Geflüchteten zog es nach Polen, Ungarn, Rumänien, Moldau und in die Slowakei – oft mit wenig mehr als einem Handgepäck ausgerüstet.
  • Allein in Polen sind bisher 1,3 Millionen Menschen angekommen. In Deutschland registrierte die Bundespolizei bis gestern insgesamt 80.035 geflohene Menschen aus dem Kriegsgebiet.
  • Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine sind laut den UN mindestens 1.424 Zivilisten getötet worden. Unter den Getöteten befinden sich den Angaben zufolge 37 Minderjährige.
  • Auch auf der russischen Seite gibt es Verluste: US-Angaben zufolge sollen bislang rund 4.500 russische Soldaten in der Ukraine gefallen sein, unabhängige Nachrichtenmedien wie „Radio Swoboda“ und „Washington Post“ berichten unter Berufung auf Angehörige, dass Todesfälle unter russischen Soldaten von den Behörden teils vertuscht, teils verleugnet werden.
UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet
  • Nach ukrainischen Angaben wurden außerdem bislang 1.684 Menschen verletzt, darunter 116 Kinder. Die meisten der Zivilisten sind beim Beschuss mit Granatwerfern oder bei Raketenangriffen zu Schaden genommen, sagte die UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet bei einer Sitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf.
Zerstörtes Krankenhaus in Mariupol
  • Millionen von Menschen haben bislang ihr Zuhause verloren. Vor allem in den Großstädten in Nähe der russischen Grenze ist die Zerstörung von Häusern und Wohnungen groß, wie beispielsweise in der Stadt Mariupol, die über 40 Stunden lang unter russischem Beschuss stand. Auch in Charkiw sind viele Stadtviertel und Straßenzüge völlig zerstört. Die Wertvernichtung durch den Krieg wird mittlerweile auf zehn Milliarden Euro geschätzt.
  • Angaben des UN-Nothilfebüros (OCHA) zufolge haben Hunderttausende Menschen zudem durch Kriegsschäden keinen Zugang mehr zu Strom, Gas und Wasser. Insbesondere in der strategisch wichtigen Hafenstadt Mariupol herrschen mittlerweile auch hygienisch katastrophale Zustände, meldet das Rote Kreuz.

Fazit: Dieser Krieg wird geführt wie ein Krieg des frühen 20. Jahrhunderts; nicht mit chirurgisch präzisen Schlägen gegen Militäreinrichtungen, sondern mit großflächigen Bombardements, die insbesondere die Zivilbevölkerung treffen. Die politische Folge ist klar: Die vor Jahren noch russlandfreundliche Bevölkerung der Ukraine wünscht sich jetzt nur noch das eine: Die Befreiung von den Befreiern.

Aufgeben, sagt der ukrainische Botschafter in seinem "Welt"-Interview heute Morgen, komme für ihn und seine Landsleute nicht in Frage:

"Jetzt werden unsere Wohnhäuser, Kindergärten und ganze Städte in Schutt und Asche gelegt. Wenn wir kapitulieren, wird dasselbe mit unserer Seele geschehen."

Ich wünsche Ihnen einen zuversichtlichen Start in den neuen Tag.

Es grüßt Sie auf das Herzlichste,

Ihr Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.
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