• Ukrainische Berichte über einen angeblich gezielten Angriff russischer Truppen auf eine Geburtsklinik in Mariupol haben weltweit Entsetzen ausgelöst.
  • Moskau widerspricht dieser Darstellung entschieden.
  • Beobachter warnen unterdessen vor einem zweiten Aleppo.

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Der russische Angriff auf das Gebäude einer Geburtsklinik in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol hat international großes Entsetzen ausgelöst. "Es gibt wenige Dinge, die verkommener sind, als die Verletzlichen und Hilflosen ins Visier zu nehmen", schrieb der britische Premierminister Boris Johnson am Mittwochabend bei Twitter.

Die Sprecherin von US-Präsident Joe Biden, Jen Psaki, sprach von "barbarischer Anwendung militärischer Gewalt gegen Zivilisten". Moskau weist die ukrainische Darstellung entschieden als Falschmeldung zurück.

Das Gebäude wurde offenbar am Mittwoch beschossen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj berichtete von drei getöteten Zivilisten und 17 Verletzten.

Russen gingen offenbar von ultraradikalen Kämpfern in der Klinik aus

Russland habe bereits am 7. März die Vereinten Nationen informiert, dass in der ehemaligen Klinik kein medizinisches Personal mehr sei, sondern ein Lager ultraradikaler Kämpfer des ukrainischen Bataillons Asow, sagte dagegen Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Donnerstag in Antalya nach Gesprächen mit seinem ukrainischen Kollegen Dmytro Kuleba. Er sprach von einer "Manipulation" der gesamten Welt mit Informationen zu mutmaßlichen Gräueltaten der russischen Armee.

Selenskyj wies Lawrows Vorwürfe zurück: "Die Russen wurden (im Fernsehen) damit belogen, dass angeblich in dem Krankenhaus keine Patienten und in dem Geburtshaus keine Frauen und Kinder waren", sagte der Staatschef in einer Videobotschaft. Das sei alles eine "Lüge".

Russlands UN-Botschafter Wassili Nebensja hatte am Montag vor dem UN-Sicherheitsrat mit Blick auf Mariupol gesagt: "Wir stellen fest, dass die ukrainischen Radikalen von Tag zu Tag deutlicher ihr wahres Gesicht zeigen. Die Anwohner sagen, dass sie das Personal einer Entbindungsklinik vertrieben und dann in dieser Klinik einen Ort zum Schießen errichtet hätten."

Kreml will Angriff auf Geburtsklinik überprüfen

Zum Ärger Moskaus twitterte UN-Generalsekretär António Guterres trotzdem am Mittwoch: "Der heutige Angriff auf ein Krankenhaus in Mariupol, Ukraine, wo sich Entbindungs- und Kinderstationen befinden, ist entsetzlich."

Bei dieser Darstellung blieben die Vereinten Nationen auch am Donnerstag: Die Informationen für den Tweet von Guterres beruhten auf eigenen Informationen der UN, sagte Sprecher Stephane Dujarric der Deutschen Presse-Agentur. "Wir stehen zu dem, was wir gesagt haben."

Der Kreml in Moskau kündigte eine Untersuchung an. "Wir werden unser Militär fragen, weil wir keine genauen Informationen darüber haben, was dort passiert ist", sagte Sprecher Dmitri Peskow. Und Außenminister Lawrow behauptete: "In diesem Entbindungsheim gibt es seit langem keine Frauen, keine Kinder, keine Pfleger mehr."

Bilder von Trümmern der Geburtsklinik gehen viral

Unterdessen kursieren in sozialen Netzwerken vor allem zwei Bilder: Das eine zeigt eine hochschwangere Frau auf einer Treppe voller Schutt, sie trägt einen gepunkteten Jogginganzug, im Brustbereich ist ein Teddybär aufgenäht, in ihrem Gesicht klebt Blut.

Ukraine-Konflikt - Mariupol
Eine verletzte schwangere Frau geht die Treppe eines Entbindungskrankenhauses hinunter, das durch Beschuss in Mariupol, Ukraine, beschädigt wurde.

Das zweite Bild zeigt eine offenbar ebenfalls schwangere Frau, die auf einer Liege durch Trümmer getragen wird.

Beide Aufnahmen stammen laut ukrainischer Darstellung von dem Gelände des betroffenen Entbindungsheims. Eine Druckwelle soll Scheiben, Möbel und Türen zerstört haben. Präsident Selenskyj veröffentlichte am Mittwochabend selbst ein Video, dass völlig verwüstete Räume der Klinik zeigen soll. "Menschen, Kinder sind unter den Trümmern", schrieb Selenskyj dazu.

Die unterschiedlichen Angaben beider Seiten ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen. Die strategisch wichtige Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer wird seit mehreren Tagen von russischen Truppen belagert. Zuletzt scheiterten mehrere Versuche, Zivilisten zu evakuieren. Die humanitäre Lage ist Beobachtern zufolge katastrophal.

Lage wie in Aleppo befürchtet

Es wird befürchtet, dass die Lage in Mariupol durch die russische Belagerung letztendlich so dramatisch werden könnte wie einst in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny und im syrischen Aleppo.

"Ich denke, was man in Mariupol vorfinden wird, wenn der Krieg vorbei ist, wird schrecklich sein", sagte der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian kürzlich. Auch der Chef der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Kenneth Roth, zog bereits die Parallele zu Aleppo und Grosny.

Ungeachtet der wiederholten Beteuerungen aus Moskau, nicht gezielt Zivilisten anzugreifen, meldete Mariupol am Donnerstag einen erneuten Beschuss von Wohngebieten. Nach Angaben der lokalen Behörden wurden mehrere Bomben abgeworfen. Auch das ließ sich zunächst nicht überprüfen. "Die Zerstörung ist enorm", teilte der Stadtrat von Mariupol mit. (dpa/ari)

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