• Aus dem belagerten Stahlwerk Azovstal in Mariupol sind offiziellen Angaben zufolge die letzten Frauen, Kinder und älteren Menschen evakuiert worden.
  • Die dort verschanzten ukrainischen Kämpfer haben einen eindringlichen Hilferuf gesendet.

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Nach wochenlanger Belagerung sind in Mariupol ukrainischen Angaben zufolge die letzten verbliebenen Zivilisten aus dem Werk des Konzerns Asow-Stahl herausgeholt worden. "Alle Frauen, Kinder und älteren Menschen wurden evakuiert", erklärte Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk am Samstag. Russland setzte derweil seine Offensive in der Ukraine unvermindert fort. In Moskau hielt das Militär die Generalprobe für die Militärparade zum 77. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland ab.

In den vergangenen Tagen waren im Zuge von UN-geführten Einsätzen immer wieder Evakuierungen von Zivilisten aus dem Asow-Stahlwerk gelungen. Russland hatte dafür am Mittwochabend eine dreitägige Feuerpause angekündigt. Nach ukrainischen Angaben konnten so nun alle Zivilisten in Sicherheit gebracht werden, auch wenn das russische Militär die Feuerpause wiederholt gebrochen habe.

Nach der Evakuierung der letzten Zivilisten aus dem von russischen Truppen belagerten Stahlwerk Azovstal haben die dort verschanzten ukrainischen Kämpfer einen eindringlichen Hilferuf gesendet. Er könne nur noch auf ein Wunder hoffen, schrieb der Kommandeur der 36. Marineinfanteriebrigade, Serhij Wolynskyj, am Samstag bei Facebook. "Darauf, dass höhere Kräfte eine Lösung für unsere Rettung finden!"

Selenskyj kündigte Verhandlungen über Evakuierung der verbliebenen Soldaten an

Mariupol ist seit Wochen praktisch vollständig unter russischer Kontrolle. Ukrainische Truppen sind rund 100 Kilometer entfernt und nicht in der Lage, den verbliebenen Soldaten in der zu großen Teilen zerstörten Stadt zu helfen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kündigte am Abend Verhandlungen über eine Evakuierung von Verwundeten, Medizinern sowie der verbliebenen Soldaten an. Moskau hat jedoch mehrfach angekündigt, die ukrainischen Kämpfer selbst im Falle einer Kapitulation in Gefangenschaft nehmen zu wollen.

"Es scheint so, als ob ich in irgendeiner höllischen Reality-Show gelandet bin, in der wir Militärs um unser Leben kämpfen, und die ganze Welt schaut dem interessanten Stück zu!", beklagte der 30-Jährige. Doch: "Schmerz, Leiden, Hunger, Qualen, Tränen, Angst, Tod - alles ist echt!". Dazu postete Wolynskyj ein Foto von sich, auf dem er unrasiert, übernächtigt und mit offenbar verletzter Nase zu sehen ist.

Cherson ist einzige bedeutende ukrainische Stadt, die unter russischer Kontrolle steht

Sollte das Stahlwerk schließlich fallen, hätten die Russen die strategisch wichtige Hafenstadt gänzlich eingenommen, was für Moskau ein wichtiger militärischer Erfolg wäre. Bislang steht mit Cherson lediglich eine bedeutende ukrainische Stadt völlig unter russischer Kontrolle.

Die ukrainischen Behörden befürchteten derweil rund um den 9. Mai vermehrt russische Angriffe. "In den nächsten Tagen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit von Raketenangriffen in allen Landesteilen", erklärte Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko. Er rief die Bürger auf, alle Sicherheitsregeln zu befolgen. Die Bürgermeister von Odessa und Poltawa kündigten eine Ausgangssperre für Sonntag und Montag an.

Seit Freitag seien Angriffe aus der Nähe von Charkiw im Norden, aus der südukrainischen Stadt Mykolajiw und aus der Region Donezk im Osten gemeldet worden, teilte das ukrainische Verteidigungsministerium weiter mit. In der Region Charkiw hätten die russischen Truppen drei Straßenbrücken zerstört, um ukrainische Gegenangriffe aufzuhalten. Die ukrainisch kontrollierte Stadt Sewerodonezk in der östlichen Region Luhansk war nach Angaben ihres Bürgermeisters vom Freitag "praktisch umstellt".

Ukrainischen Rettungsdiensten zufolge wurde in Kostjantyniwka in der Region Donezk eine Technische Hochschule von einer Rakete getroffen und in Brand gesetzt. Mindestens zwei Menschen seien getötet worden. Entlang der Frontlinie gab es nach Behördenangaben "massive Bombenangriffe".

Russisches Landungsboot mit türkischer Kampfdrohne zerstört

Die ukrainische Armee teilte auf Facebook mit, ein russisches Landungsboot nahe der Schlangeninsel im Schwarzen Meer zerstört zu haben. Der Angriff sei mit einer türkischen Kampfdrohne Bayraktar TB2 erfolgt. Nach britischen Geheimdienstangaben gelang es ukrainischen Streitkräften zudem, mit hochmodernen Waffen westlicher Verbündeter mindestens einen modernen Panzer der russischen Armee vom Typ T-90M zu zerstören.

Am 9. Mai werden tausende Soldaten über den Roten Platz marschieren, gefolgt von Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und Raketenwerfern und begleitet von einer Flugshow. Die Parade soll militärische Stärke demonstrieren, während die russische Militäroffensive in der Ukraine deutlich länger dauert als erwartet und Mängel der russischen Streitkräfte offengelegt hat.

Präsident Wladimir Putin wird eine mit Spannung erwartete Rede halten, in der er neue Warnungen an den Westen richten dürfte. Westliche Beobachter halten es für möglich, dass er der Ukraine offiziell den Krieg erklärt oder eine Generalmobilmachung verkündet, auch wenn der Kreml entsprechende Pläne bislang als "Unsinn" zurückgewiesen hat.

Die Europarats-Kommissarin für Menschenrechte, Dunja Mijatovic, verurteilte nach einem viertägigen Besuch in Kiew und Umgebung "schwindelerregende" Verletzungen der Menschenrechte und des Völkerrechts durch die russische Armee in der Ukraine. (afp/dpa/fra)