Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Das Kräftemessen zwischen China und den USA, die Anti-Corona-Demonstrationen in Berlin und eine Zunahme der Schattenwirtschaft in Deutschland.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart

die zwei Supermächte unserer Zeit – die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten von Amerika – teilen die digitale Welt untereinander auf. Trumps giftige Rhetorik an die Adresse der Pekinger Führung – die von den Vorstandschefs der großen Digitalfirmen in Palo Alto, San Jose, Mountain View und Seattle offiziell abgelehnt wird – hilft denselben US-Konzernen, ihren Dominanzanspruch innerhalb des Westens durchzusetzen.

Die neueste Ankündigung des US-Präsidenten, die chinesische Videoplattform TikTok verbieten zu wollen, elektrisiert daher das Silicon Valley wie kein anderes Thema. Denn diese Eindämmungspolitik (Containment) zementiert die Monopolstellung von Google und Konsorten und ist daher wertvoller als jede Steuerreform.

Die neue Welt der G2 sieht nach erfolgter Aufteilung der Machtsphären wie folgt aus:

► Wer im Westen im Internet bestellen möchte, kommt an Amazon nie mehr vorbei. Mit einem Jahresumsatz von 281 Milliarden US-Dollar und einer Marktkapitalisierung von 1,6 Billionen US-Dollar ist das Unternehmen mit 840.000 Mitarbeitern das drittwertvollste der Welt. Die chinesische Konkurrenz würde den Planungen des US-Präsidenten zufolge ausgeschaltet. Das E-Commerce-Monopol erhält de facto staatliche Protektion.

► Der chinesische Onlinehändler Alibaba mit 118.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 75 Milliarden US-Dollar ist und bleibt im Gegenzug der wichtigste E-Commerce-Anbieter in Asien. Durch die Zweiteilung der Welt spart sich Jack Ma die kostspielige Eroberung Amerikas und kann die hohen Gewinnmargen im Inland auch künftig halten.

Facebook ist das größte Medienunternehmen der Neuzeit und hätte künftig aus China keinen Wettbewerb mehr zu befürchten. Mit 2,5 Milliarden aktiven Nutzern monatlich und trotz etlicher Datenschutzskandale stieg der Umsatz 2019 um 14,9 Milliarden US-Dollar auf einen Höchstwert von knapp 71 Milliarden. Der Gewinn belief sich auf 18,49 Milliarden.

► Schon heute ist Facebook in China gesperrt, was wiederum dem Aufstieg von WeChat, der dominierenden sozialen Plattform in der Volksrepublik, gut getan hat. WeChat gehört zu Tencent, dessen Geschäftsmodell auf sozialen Netzwerken, Onlinebezahldiensten sowie Computerspielen beruht. WeChat besitzt mehr als 1 Milliarden. Nutzer weltweit.

Apple hat das abgelaufene Quartal trotz coronabedingter Ladenschließungen mit einem Ergebnis von 59,7 Milliarden US-Dollar Umsatz und damit einem Zuwachs von 11 Prozent beendet. Die anstrengende Konkurrenz von Huawei wäre man gerne los. Trump liefert durch verbale Dämonisierung und praktische Verkaufsverbote im Telekommunikationsbereich eine wichtige Vorarbeit.

► In Apples Kerngeschäft, dem Verkauf von Smartphones, wurden die Kalifornier mittlerweile vom chinesischen Konkurrenten Huawei überholt, der in diesem Segment rund 18 Prozent Marktanteil besitzt. Mit 123 Milliarden US-Dollar setzten das Unternehmen und seine 194.000 Mitarbeiter im vergangenen Jahr zwar nur die Hälfte von Apple um, doch der Ehrgeiz ist groß, das zu ändern. 18,9 Milliarden Euro fließen jedes Jahr in die Entwicklung und Forschung neuer Systeme – das sind rund 17 Prozent mehr als bei Apple. Ein Zurückdrängen von Huawei durch Trump ist der entscheidende Beitrag zum künftigen Erfolg Apples, auch wenn das in keinem Geschäftsbericht steht.

► Im Juli 2020 liefen rund 70 Prozent der weltweiten Suchanfragen auf dem Desktop über Google, auf dem Smartphone waren es sogar über 94 Prozent. 2019 erzielte der US-Tech-Konzern einen Umsatz von 160,7 Milliarden US-Dollar und beschäftigte Ende 2019 knapp 118.900 Mitarbeiter.

► Der chinesische Konkurrent von Google namens Baidu erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von 15,43 Milliarden Dollar und beschäftigt knapp 37.800 Mitarbeiter. Über 12 Prozent der weltweiten Suchanfragen am Desktop liefen im Juli 2020 über Baidu, auf dem Handy waren es lediglich 3 Prozent. Die Aufteilung der Welt in ein Google- und ein Baidu-Imperium käme beiden Konzernen sehr zupasse, auch wenn das bei Google keiner offiziell bestätigen würde.

Fazit: Die Europäer reden von Industriepolitik, Trump macht sie. Derweil die EU-Kommission überall Kartelle und Monopole wittert, versucht Trump die Dominanz amerikanischer Großkonzerne auszubauen. In der entstehenden Welt eines amerikanisch-chinesischen Duopols spielt Europa eine undankbare Rolle – die als Zuschauer.

Interview mit Wolfang Nowak über die Corona-Demonstrationen in Berlin

Im Bemühen, nicht zu verurteilen, sondern zu verstehen, spreche ich im Morning Briefing Podcast mit einem Mann, der für seine politische Sensibilität in Berlin bekannt ist. Wolfgang Nowak ist seit jeher Grenzgänger in einer Welt der politischen Stammesfürsten.

Unter CDU-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf baute der Sozialdemokrat ein neues Schulsystem in Sachsen auf, um mit Bildung der ersten rot-grünen Bundesregierung ins Kanzleramt von Gerhard Schröder zu wechseln, wo er Leiter der neu eingerichteten Abteilung für politische Analysen und Grundsatzfragen wurde. Später war Nowak Präsident der Alfred Herrhausen Gesellschaft.

Mit ihm erörtere ich Motive und Bedeutung der Anti-Corona-Demonstration in Berlin am vergangenen Wochenende. Nowak plädiert dafür, den Corona-Demonstranten mit Respekt zu begegnen:

"Es wäre leichtsinnig, das als Karneval abzutun oder in eine bestimmte Ecke abzudrängen. Es handelt sich um eine Strömung, die man ernst nehmen muss und der man rechtzeitig begegnen muss, ehe sie eine parteipolitische, möglicherweise hässliche Stimme bekommt."

Über den Zusammenhang zwischen einer Pandemie und einer sozialen Revolte sagt Nowak:

"Es gibt ein Unbehagen, das schon vorher da war. Die Leute glaubten, sie werden nicht gehört und über sie hinweg würde bestimmt, auch mithilfe der öffentlichen Medien."

Die Corona-Pandemie hat laut Nowak zu einer Verarmung der Debatten-Kultur geführt:

"Es fehlt an wirklichen Debatten. Die Maskenfrage und die anderen Einschränkungen des bisherigen Lebens gehören ins Parlament."

"Lauter Sprachlose stehen sich gegenüber."

Fazit: Die Debatte mit den Andersdenkenden ist eröffnet, auch wenn sie angesichts der dort geäußerten Verrücktheiten und vieler Absurditäten schmerzt. Wer sich verweigert ist nicht der Held, sondern der Totengräber der Demokratie.

"Staat sollte krisenbedingte Zunahme der Schattenwirtschaft zunächst hinnehmen"

Bedingt durch die Coronakrise boomt das Geschäft mit der Schwarzarbeit.

▶ Laut "Welt am Sonntag" könnte das Schwarzarbeitsvolumen in diesem Jahr auf elf Prozent der Wirtschaftsleistung steigen, oder – in nackten Zahlen ausgedrückt – auf 348 Milliarden Euro. Es wären 32 Milliarden Euro mehr als im vergangenen Jahr, die am Fiskus vorbei verdient werden.

Deutschlands Schwarzarbeiter befinden sich in guter Gesellschaft, denn überall auf der Welt blüht die Schattenwirtschaft wieder auf. In Großbritannien (12,8 Prozent), Frankreich (15,9 Prozent), Spanien (18,7 Prozent) und Italien (21,9 Prozent) werden deutlich höhere Werte erwartet.

▶ Nach Expertenmeinung hat die Schwarzarbeit in Zeiten der Pandemie mehr Gutes als Schlechtes für sich. Schließlich wandert auch unversteuertes Geld seltener unter das Kopfkissen zurück als in den Wirtschaftskreislauf, wo es Arbeitsplätze sichert und Mehrwertsteuer einbringt. Zudem ist auch Schwarzarbeit eine Form der Arbeit, die Menschen vor der Armut und den Staat vor einer noch tieferen Rezession schützt.

Prof. Lars Feld, Chef der Wirtschaftsweisen, rät deshalb zu Zurückhaltung:

"Der Staat sollte eine solche krisenbedingte Zunahme der Schattenwirtschaft zunächst hinnehmen."

"Die Schattenwirtschaft ist ein Ventil, das die Auswirkungen der Krise für die Betroffenen etwas abmildert."

Fazit: Im besten Fall kann man die Schwarzarbeit als Politik von unten interpretieren: Als jene große Steuerreform, die die FDP uns immer versprochen, und am Ende nie durchgesetzt hat.

Vetter ist neuer Aufsichtsratschef der Commerzbank

Hans-Jörg Vetter, der von 2009 bis 2016 die Landesbank Baden-Württemberg leitete, wurde gestern zum Aufsichtsratschef der angeschlagenen Commerzbank gewählt. Eigentümer Staat hat den Mann – der auch für die bereits untergegangene WestLB arbeitete – aus dem Ruhestand heraus verpflichtet. Offenbar hofft man die Rentenkasse auf diese Art zu entlasten.

Wir lernen: Wenn der Staat einen Aufsichtsratsvorsitzenden sucht, gilt die Devise: Alle reden von Digitalisierung, wir nicht. Die einst stolze Commerzbank kann so niemals gesunden.

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Start in diesen neuen Tag. Es grüßt Sie herzlichst Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.