Nach der Eiszeit zwischen Russland und der Türkei scheinen Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan derzeit wieder die Nähe des Anderen zu suchen. Dahinter steckt Strategie, beide Länder haben über Syrien unterschiedliche Pläne. Und es gibt weitere Gründe für die Annäherung.

Schon fünf Mal haben sich Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan in diesem Jahr getroffen. Dabei war das Verhältnis lange Zeit nicht das beste.

Im Syrien-Krieg verfolgten die beiden Staaten unterschiedliche Ziele: Russland wollte unbedingt Assad an der Macht halten, die Türkei dagegen unterstützte die Opposition. Nach dem Abschuss eines russischen Militärjets durch die Türkei vor zwei Jahren galt die Beziehung zwischen Moskau und Ankara als zerrüttet.

Mitte September 2017 sorgte dann ein Waffendeal zwischen Russland und der Türkei für Aufsehen. Erdogan will das russische Luftabwehrsystem S-400 kaufen – für die Nato eine deutliche Ohrfeige von ihrem Bündnismitglied.

Türkei will russisches Raketenabwehrsystem

"Die Türkei sucht schon seit vielen Jahren ein Raketenabwehrsystem", erklärt Sicherheitsexperte Rayk Hähnlein von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Denn die Regierung habe Angst vor möglichen Mittelstreckenraketen aus Syrien.

Deswegen habe sie Kontakt mit verschiedenen Anbietern aus den USA, Europa, China und eben auch Russland aufgenommen. Zwar hat die Nato die Türkei mit dem eigenen Patriot-System in der Verteidigung gegen Syrien unterstützt. "Aber die Türken wollen langfristig auch selbst neue Systeme entwickeln und produzieren", sagt Hähnlein.

Es sei eines der Kernziele von Erdogan, die eigene Rüstungsindustrie weiterzuentwickeln.

Zudem fährt Ankara nach dem gescheiterten Putsch im Juli 2016 einen zunehmend anti-westlichen Kurs. Die Reaktion der türkischen Regierung auf den Putsch spaltet das Nato-Mitglied von seinen Partnern.

"Für die Türken ist ein solcher Deal mit Russland ein politisches Signal, um zu zeigen, dass sie auch unabhängig von der Nato strategische Entscheidungen treffen können", meint Hähnlein.

Doch ob der Vertrag wirklich zustande kommt, bleibt derzeit noch offen. "Aus meiner Sicht ist da noch nichts endgültig entschieden", glaubt der Experte für Sicherheitspolitik. Denn ob die Russen wirklich ihr eigenes militärisches Wissen preisgeben und einem Technologietransfer zustimmen würden, den Erdogan anstrebt, davon ist Hähnlein nicht völlig überzeugt.

"Aber Russland ist sich natürlich völlig darüber bewusst, dass schon alleine die Verhandlungen über einen Kauf die Nato vor den Kopf stoßen."

Freundschaft zwischen Moskau und Ankara?

Auch dass die häufigen Treffen von Putin und Erdogan zu einer gemeinsamen Syrien-Politik führen werden, glaubt der Wissenschaftler vorerst nicht. "Sie bemühen sich, im Gespräch zu bleiben, aber sie haben über die Zukunft Syriens sehr unterschiedliche Vorstellungen."

Russland wie auch die USA unterstützen seit langem die nordsyrischen Kurden, die erfolgreich gegen den IS kämpfen. Für die Türkei ist die syrische Kurdenpartei PYD und deren Militärorganisation YPG jedoch ein Ableger der türkischen PKK. Die PKK wird von der Türkei, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft.

Seit Mitte 2015 ist der Bürgerkrieg zwischen Türkei und PKK im türkischen Südosten wieder voll entbrannt.

"Die türkische Regierung befürchtet, dass das erstarkende Selbstbewusstsein der syrischen YPG auch Auswirkungen auf das Autonomiestreben der türkischen PKK haben könnte. Das ist ihre größte sicherheitsstrategische Sorge", sagt Hähnlein.

Der Kampf gegen die Terrorgruppe IS war bisher die gemeinsame Basis aller Beteiligten in Syrien. Inzwischen hat der sogenannte Islamische Staat jedoch nur noch eine kleine Region im Osten Syriens unter Kontrolle.

Auch die unterschiedlichen Rebellengruppen haben einen Großteil ihres Einflussgebiets verloren. "Das Ende des Krieges rückt jetzt zum ersten Mal wirklich in erreichbare Nähe", sagt Hähnlein.

Aber das Ende der Kampfhandlungen bedeute noch keinen Frieden: "Wenn das Schießen aufhört, beginnt erst der sehr langwierige und schwierige Wiederaufbau und das Ringen um eine möglichst dauerhafte Friedensordnung. Hierzu muss auch die Ideologie des IS aus den Köpfen der bisherigen Unterstützer weichen. Dies gelingt nur, wenn alle für sich eine Zukunft in einem neuen Syrien sehen."

Friedensprozess: "Russland in Position der Stärke"

Nach über sechs Jahren Krieg mit geschätzt einer halben Million Toten ist die Gesellschaft tief zerrissen, die Menschen sind traumatisiert. Deswegen ist der Verbleib von Baschar al-Assad an der Macht wohl nicht mehr von langer Dauer. "Assad kann nur noch maximal für eine Phase des Übergangs eine Rolle spielen, das wissen auch die Russen", sagt Hähnlein.

Russland sei derzeit in einer Position der Stärke. "Russland hat gezeigt, dass es wichtige Impulse setzen kann", sagt Hähnlein. Seit langem treibt Moskau die Friedensgespräche für Syrien voran. Schon sieben Mal riefen die Russen zahlreiche syrische Akteure in Astana an den Verhandlungstisch.

Der Türkei kommt als Syriens Nachbarland eine wichtige strategische Bedeutung zu. Ankara unterstützte - neben Teheran - die von Russland iniitierten Friedensgespräche in Astana. Moskau kam dabei der türkischen Regierung entgegen: die kurdische PYD war bei den Verhandlungen bisher nicht dabei.

Doch die Russen und die Amerikaner seien laut Hähnlein nur sehr begrenzt bereit, weiterhin auf den Wunsch der Türkei einzugehen, die Kurden vom Verhandlungstisch fernzuhalten. Denn die Zusammenarbeit zwischen Russland und insbesondere den USA mit der Kurdenmiliz YPG war mit dem Rückzug des IS sehr erfolgreich.

"Erdogan befindet sich mit seiner harten Linie gegen die Kurden momentan relativ allein auf weiter Flur", meint der Wissenschaftler.

Bereits im Januar hat der Kreml einen Vorschlag für einen Verfassungsentwurf gemacht. Darin gestehen die Russen den syrischen Kurden mehr Autonomie zu.

Moskau und Ankara müssen UN Weg bereiten

Laut Hähnlein können sich die Kurden einen Verbleib im neuen syrischen Staat vorstellen, wenn sie dafür umfangreiche eigene Rechte und ein hohes Maß an politischer Selbstbestimmung erhalten. Davon muss Moskau aber nicht nur die Türken, sondern auch die Regierung in Damaskus überzeugen, die den Entwurf bisher ablehnt.

Russland wie auch den USA ist deswegen sehr daran gelegen, die Türkei zum Entgegenkommen zu bewegen. Sie hoffen auf die türkische Unterstützung beim Wiederaufbau des Landes. Die Beziehung zwischen Moskau und Ankara kann für den Friedensprozess in Syrien daher eine wichtige Rolle spielen.

Die unmittelbare Verantwortung für den Friedensprozess und die Entstehung eines neuen politischen Systems in Syrien liegt aber in den Händen der Vereinten Nationen. Hähnlein ist überzeugt, dass nur die UN-Konferenzen in Genf zu einem dauerhaften Frieden führen können.

Rayk Hähnlein ist Wissenschaftler in der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).
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