Das Pioneer Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Die vier Irrtümer unseres Denkens.

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Gabor Steingart dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

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wir leben im Zeitalter einer neuen Unübersichtlichkeit, liest man jeden Tag. Die Welt sei in Unordnung und nicht mehr prognosefähig.

Doch inmitten der apokalyptischen Gesänge erkennen wir – und zwar deutlicher als vor dem Ukraine-Krieg und der Energiekrise –, dass viele unserer bisherigen Glaubenssätze ihre Gültigkeit verloren haben. Eine Welt in Bewegung, die ihre Schockwellen quer durch alle Volkswirtschaften schickt, wirkt wie ein großes Röntgengerät. Mindestens vier tragende Teile unseres bisherigen Weltbildes sind unter dem Druck der Ereignisse porös geworden.

Irrtum 1: Wir erleben das Ende des Ölzeitalters, hieß es immer wieder bei den Grünen. Hier war der Wunsch der Vater des Gedankens. Aus der ökologischen Notwendigkeit einer globalen CO2-Reduktion wurde – in den Köpfen unzähliger Politiker, Buchautoren und Wissenschaftler – eine ökonomische Falschaussage.

Mutmaßlich wird das Öl-Zeitalter erst an dem Tag beendet sein, an dem der letzte Tropfen das Erdreich verlässt. Die traditionellen Ölmächte – Konzerne wie Saudi Aramco, Staaten wie Russland und Staatenverbünde wie die OPEC – zeigen in diesen schicksalhaften Zeiten ihre wahre Potenz.

Russland schickt mit seinen Spielereien am Gashahn die ganze Welt in eine Rezession. Sehr gezielt löste Putin einen Angebotsschock aus. Auch das Öl-Kartell OPEC, von vielen im Westen bereits totgesagt, zeigt, was in ihm steckt. Trotz aller Drohgebärden der Amerikaner wird diese Fördergemeinschaft, in der 13 Staaten, darunter Kuweit und Saudi-Arabien, versammelt sind, die Anfang August beschlossene Erhöhung ihrer Fördermenge um 100.000 Barrel pro Tag ab Oktober wieder zurücknehmen.

Die Ölscheichs sind selbstbewusst, sie wollen die Krise nutzen, um ihre überhöhten Preise noch weiter zu steigern. Sie wissen: In der Blutbahn der Weltwirtschaft zirkuliert nicht Windenergie, sondern Öl.

Irrtum 2: Der Kampf gegen die Klimakatastrophe ist die Top-Priorität der Weltgemeinschaft. Auch hier darf das Wünschenswerte nicht mit der Wirklichkeit verwechselt werden. Die ehemalige Kohlegroßmacht Bundesrepublik, deren fossiler Reichtum sich nach Jahrzehnten der Ausbeutung erschöpft hat, sieht sich heute als politischer Vorreiter für eine Dekarbonisierung aller Wirtschaftskreisläufe.

Andere Mächte dieser Erde – vorneweg die Öl- und Gas-Staaten selbst, aber auch große Konsumenten fossiler Rohstoffe wie Indien und China – denken nicht daran, ihre Priorität der unseren unterzuordnen. Ihre Priorität ist der Kampf gegen Armut und Unterentwicklung. Sie sind keine Klimaleugner, aber sie verfolgen eine andere Agenda. Sie sehen sich in einem globalen Aufholprozess, sie verfolgen das Ziel einer nachholenden Industrialisierung. Sie wollen keine ökologische Musterhaussiedlung errichten, sondern die Menschen aus den Elendsquartieren befreien.

Zur Erinnerung: In Indien leben nach Angaben von SOS-Kinderdorf zwei Drittel der Menschen in Armut und müssen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen – das sind mehr als 930 Millionen Menschen. In China ist fernab der glitzernden Metropolen noch immer ein Großteil der Bevölkerung in Armut gefangen. Das Netto-Durchschnittsgehalt in den ländlichen Regionen beträgt 7,50 Euro am Tag.

Irrtum 3: Die Zukunft gehört der Dienstleistungsgesellschaft. Unzählige Kongresse wurden mit dieser Titelzeile bestritten. Doch in Wahrheit lösen sich die Agrar- und die Industriegesellschaft nicht in der Dienstleistungsgesellschaft auf, sondern alle drei existieren zeitgleich nebeneinander. Eine Weltbevölkerung, die in Richtung zehn Milliarden Menschen wächst, braucht eine globale Agrarwirtschaft, die nichts mit unseren romantischen Vorstellungen vom familiengeführten Bauernhof zu tun hat.

Zugleich kann es eine Welt im Wohlstand nicht geben, wenn nicht weiterhin industrielle Produktion stattfindet. Die Rettung vor den grausamsten Auswirkungen der Corona-Pandemie wurde nicht von den Disziplinen Marketing, Software-Entwicklung und Vertrieb organisiert, sondern von der pharmazeutischen Industrie. Es waren die Produktionsbetriebe von CureVac, Moderna und Biontech, die den Impfstoff herstellten; und es waren Flugzeuge, Frachtschiffe und Lastwagen, die ihn auf der Welt verteilten.

Irrtum 4: Die USA sind die letzte verbliebene Großmacht, hat der amerikanische Politikwissenschaftler Michael Beckley behauptet – und alle haben genickt. Doch Russland und China widerlegen diesen Glaubenssatz der amerikanischen Denkfabriken jeden Tag.

China greift an der ökonomischen Front an. Russland beweist, dass man nur drei Dinge braucht, um den Großmacht-Status zu begründen: den Besitz von Atomwaffen, ein beeindruckendes Rohstofflager und den Willen, beides mit großer Rücksichtslosigkeit einzusetzen.

Fazit: Die neue Normalität erinnert sehr an die alte. Vielleicht sollten wir unseren Blick auf die Welt den Realitäten anpassen, auch wenn das schwer fällt. Leo Tolstoi ahnte es: "Alle wollen die Welt verändern, aber keiner sich selbst."


Ich wünsche Ihnen einen schwungvollen Start in den neuen Tag. Bleiben Sie mir gewogen.

Es grüßt Sie auf das Herzlichste,

Ihr Gabor Steingart

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