Nun also doch: In Hamburg hat der türkische Außenminister Cavusoglu gesprochen. In seiner Rede kritisierte er Deutschland scharf - und entschuldigte sich bei seinen Anhängern für die Unannehmlichkeiten.

Gegen 19 Uhr spricht er schließlich doch. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu betritt unter dem Jubel der Zuschauer eine Art Veranda, die der Residenz des türkischen Konsuls vorgelagert ist. Davor, im Garten des Anwesens im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst, haben sich Hunderte Anhänger versammelt. Sie rufen immer wieder "Tayyip Erdogan" und "Türkiye". Die Stimmung ist euphorisch. Schon vor dem Auftritt hatte ein Moderator die Menge angeheizt.

Lange war nicht klar, ob, wie und vor allem wo der Außenminister überhaupt würde reden können. Schließlich hatte ihm die Stadt den Auftritt wegen des fehlenden Brandschutzes in einer Halle zuvor untersagt. "Niemand kann mich stoppen", kündigte Cavusoglu danach voller Trotz an. Und er fand einen Weg.

Auftritt in Hamburg: Außenminister Cavusoglu greift Deutschland scharf an.

Nun steht er an dem von Scheinwerfern gut ausgeleuchteten Rednerpult. Vor ihm schwenken etwa 350 Anhänger türkische Flaggen auf dem umzäunten Anwesen. Die Straßen sind von der Polizei gesichert, die Zufahrten gesperrt. 850 Polizisten sollen im Einsatz sein. Wer Glück hat, schafft es auf das Gelände. Wie die Kriterien für den Einlass aussehen, ist unklar.

"Bitte hört auf, uns Lektionen zu erteilen"

Die Türkei, sagt der türkische Außenminister, habe Deutschland immer als Freund gesehen. Die "systematische Propaganda gegen unsere Veranstaltungen", mit der der Auftritt von türkischen Politikern in Deutschland verhindert werde, gehöre sich unter Freunden aber nicht.

Mittwochmorgen werde er mit Außenminister Sigmar Gabriel frühstücken und dann auch dieses Thema ansprechen: "Wir wollen darüber reden, ob es ein Problem gibt zwischen Deutschland und der Türkei." Zuvor hatte sowohl Cavusoglu als auch Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan die abgesagten Auftritte seitens der Behörden als Nazi-Praktiken bezeichnet.

Die geplatzten Auftritte - es ist ein Thema, das der türkischen Regierung sauer aufstößt. Aus Sicht von Cavusoglu sollen die Zusammentreffen türkischer Politiker mit türkischstämmigen Bürgern in Deutschland gezielt verhindert werden. "Bitte hört auf, uns Lektionen in Menschenrechten und Demokratie zu erteilen", sagte er angesichts der Umstände seines Auftritts. "Passt das zu den Menschenrechten, passt das zu den Versammlungsrechten?", ruft er in die Menge.

Nur durch einen kleinen Trick konnte der Auftritt doch noch über die Bühne gehen. Da es sich bei dem Gebäude um eine Residenz des türkischen Staates handelt, gelten dort diplomatische Sonderrechte - das kommunale Versammlungsrecht etwa gilt nicht.

Die türkische Regierung befindet sich im Wahlkampfmodus. Schließlich geht es für sie um viel, ein Ja beim Referendum. Dafür muss geworben werden. Selbst an einem Ort, der an diesem Tag äußert ungemütlich ist. Es tue ihm leid, dass die Anhänger in der Kälte stehen müssten und die Nachbarn unter dem Lärm der Veranstaltung litten, entschuldigt sich der Außenminister.

Die türkische Gemeinde in Deutschland steht vor der Zerreißprobe.

Bis zum 16. April können 1,4 Millionen Türken in Deutschland ihre Stimme abgeben - und die sollen selbstverständlich für die Einführung des Präsidialsystems stimmen. Damit würde die Stellung von Staatspräsident Erdogan enorm gestärkt, ihn zum Ein-Mann-Staat machen. Der ehemalige "Cumhuriyet"-Chefredakteur Can Dündar sieht sein Land damit gar auf eine Diktatur zusteuern.

Demonstranten rufen "Mörder Erdogan"

Während Cavusoglu seine Rede hält, schweigen die Demonstranten. Sie stehen wenige Hundert Meter entfernt hinter einer Absperrung. Die Polizei kontrolliert, wer hier hineindarf. Mit ihren Lautsprechern hätten die geschätzt 200 Demonstranten die Ansprache des Außenministers leicht stören können - doch sind sie wohl selbst zu gespannt darauf, was Cavusoglu sagt.

Eine Stunde zuvor sah das noch ganz anders aus.

"Mörder Erdogan", rufen sie noch bevor eine Polizei-Eskorte den Außenminister in die Residenz bringt. Sie haben sich versammelt, um für ein Nein beim Referendum zu werben. Die verhinderten Auftritte von türkischen Repräsentanten wie im baden-württembergischen Gaggenau befürworten sie.

"Ich finde es gut, dass die Kommunen die türkischen Politiker in die Schranken weisen", sagt der 23-jährige Zeradist Ahmed. Vor allem, da Angela Merkel und die Regierung das bisher nicht hinbekommen habe. "Wir halten es für falsch, dass in einer Demokratie wie Deutschland durch türkische Politiker für eine Diktatur geworben werden kann", sagt der Demonstrant.

Das sieht auch Yavuz Fersoglu so, der ebenfalls an der Absperrung steht. Er ist Mitinitiator der "Nein-Kampagne", die sich gegen das Präsidialsystem ausspricht. Der Nazi-Vergleich von Erdogan und Cavusoglu ist aus seiner Sicht lächerlich. "Die sollen erstmal in ihr eigenes Land schauen."

Die Rede des Außenministers endet gegen 19.45 Uhr. Die Männer, die mit finsterer Miene den Außenminister abschirmen, werden unruhig. Cavosuglu schüttelt von der Veranda aus einige Hände seiner Unterstützer. "Wir sind stolz auf dich", rufen sie immer wieder. © SPIEGEL ONLINE

In dieser Schärfe hat Erdogan Deutschland bislang noch nie angegriffen: Der Präsident packt die Nazi-Keule aus - wohl wissend, was das für eine Eskalation bedeutet. Was bezweckt er damit?

Teaserbild: © imago/Lars Berg