Vor etwas mehr als einer Woche wird bekannt, dass Senator John McCain einen Gehirntumor hat. Nach der Operation kehrt er zur Debatte zur Abschaffung von "Obamacare" am Dienstag in den US-Senat zurück - und hält eine bemerkenswerte Brandrede, in der er sowohl mit den Demokraten als auch mit seiner Partei, den Republikanern, gnadenlos abrechnet.

John McCain war trotz erst kürzlich diagnostizierter Krebserkrankung zur Abstimmung über die Gesundheitsreform "Obamacare" nach Washington gekommen.

Am Ende entschied seine Stimme über das Patt: Mit der knappsten aller Mehrheiten ebnen die Republikaner im US-Senat der Abschaffung von "Obamacare" den Weg.

Doch für am meisten Aufsehen sorgte die Rede McCains.

In einem parteiübergreifenden Rundumschlag rief der 80 Jahre alte Senator von Arizona seine Kollegen leidenschaftlich dazu auf, bei allem Streit in der Sache wieder überparteilich zusammenzuarbeiten:

"Wir bekommen sonst überhaupt nichts geregelt", echauffierte sich der von einer langen OP-Narbe über dem Auge gezeichnete McCain.

Was John McCain zu sagen hatte

McCain spricht in seiner Rede vor allem von der Bedeutung des US-Senats für die politische Gestaltung der Vereinigten Staaten.

Er sei seit 30 Jahren Mitglied des Senates: "Meine Aufgabe hier ist der wichtigste Job, den ich in meinem Leben hatte. Und ich bin den Menschen in Arizona so dankbar für dieses Privileg - für diese Ehre - hier zu dienen und die Gelegenheit, die sich mir eröffnet, hier eine kleine Rolle in der Geschichte des Landes zu spielen, das ich liebe."

Die Verantwortung der Senatoren sei wichtig, sogar überlebenswichtig, um den Erfolg des Landes zu erhalten. "Im jetzigen Moment erreichen wir nicht viel für die amerikanische Bevölkerung", kritisierte McCain.

"Das System ist ein Chaos"

"Wir bekommen nichts geregelt, meine Freunde. Wir bekommen nichts geregelt", warf der Präsidentschaftskandidat von 2008 seinen Kollegen entgegen.

Das Gesundheitssystem sei ein einziges Chaos. "Wir alle wissen das, diejenigen, die Obamacare unterstützen und diejenigen, die dagegen sind. Es muss etwas gemacht werden."

Deutliche Kritik an "Obamacare"-Alternative der Republikaner

In seiner Brandrede übt McCain deutliche Kritik am bisherigen republikanischen Entwurf einer Alternative zu Obamacare.

Er werde nicht für den aktuellen Gesetzesentwurf stimmen, betonte McCain. Er habe, wie andere Senatoren auch, lediglich für das Führen einer Debatte über das Gesundheitssystem gestimmt.

"Es ist eine Ruine eines Gesetzesentwurfs." Alle würden das wissen, so McCain.

Die Republikaner hätten einen Weg gesucht, Obamacare durch etwas anderes zu ersetzen, ohne einen schrecklichen, politischen Preis zu zahlen.

"Wir haben es noch nicht gefunden, und ich bin nicht sicher, dass wir etwas finden werden", so der 80-Jährige über ein zukünftiges Gesundheitssystem.

"Was haben wir zu verlieren?"

Anschließend appelliert er an den Senat, dass die Verantwortung der Senatoren wichtiger sei als persönliche Interessen und politische Zugehörigkeit.

Er wolle sehen, ob der Senat einen Entwurf auf den Weg bringen könne, der unvollkommen und voller Kompromisse sein werde, aber praktikable Lösungen für Amerikaner bereithalten könnte.

"Was haben wir zu verlieren, wenn wir versuchen, zusammenzuarbeiten, um diese Lösungen zu finden?"

Zudem griff McCain die politischen Scharfmacher in den US-Medien an und appellierte an das amerikanische Volk, sich nicht von dieser aggressiven Form des Populismus beeindrucken zu lassen:

"Hört auf, den aufgeblasenen Maulhelden im Radio und im Fernsehen und im Internet zuzuhören. Zur Hölle mit ihnen! Sie wollen dem Gemeinwohl nichts Gutes. Unser Unvermögen ist ihre Existenzgrundlage."

Reaktionen auf die Rede

US-Medien reagierten gemischt auf die Rede von John McCain. Die "Huffington Post" schrieb auf Twitter: "John McCain, krebskrank, stimmt für einen Gesetzesentwurf, der Millionen ihrer Gesundheitsvorsorge berauben wird".

"CNN" veröffentlichte die Rede im Wortlaut, ohne Einordnung.

Das Magazin "New Yorker" kommentierte: "Es wurde erwartet, dass er wie seine Partei abstimmen würde; das ist letzten Endes eine Form von Loyalität. Am Dienstag jedoch, nachdem er abgestimmt hatte, wurde deutlich, dass er noch mehr zu sagen hatte - eine Rede, die eine klassische McCain-Mischung aus Schimpfen, Humor, Idealismus und Vertrauen in das Land, 'das ich liebe'." (Zum ganzen Artikel) (she/dpa)