Noch kann weder Norbert Hofer noch Alexander Van der Bellen jubeln. Die Bundespräsidentenwahl ist noch nicht entschieden: Erst am Montag steht der Sieger fest. Zu kommentieren gibt es schon jetzt genug - die Pressestimmen.

Österreich

Der Standard: "Dass es ein spannender Wahlabend wird, hat sich abgezeichnet. Aber dass erst die Auszählung der Stimmen der Briefwähler die Entscheidung bringen wird, wer in die Hofburg einzieht, ist eine Überraschung. Das knappe Rennen in der Präsidentenstichwahl am Sonntag zeigt die Polarisierung in diesem Land, die während des Wahlkampfs zu bemerken war: Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer waren zwei Kandidaten, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Den jeweils anderen zu verhindern, das war eines der stärksten Wahlmotive bei dieser Wahl. Aber auch wenn die Auseinandersetzung hart war, das Land ist nicht gespalten sondern politisiert."

Briefwähler entscheiden, wer Österreichs Präsident wird.

Die Presse: "Ginge es nicht um das kleine Österreich und die dann doch überschaubare Macht des Präsidentenamts, man könnte eine Parallele zwischen diesem Wahlsonntag und der Too-Close-to-Call-Abstimmung zwischen George W. Bush und Al Gore ziehen. (...) Noch nie haben so viele Wähler einem FPÖ-Politiker die Stimme gegeben. Noch nie war der Zorn so vieler über Regierung und System so groß. Noch nie wollten so viele Wähler einen FPÖ-Kandidaten in eine bundespolitische Spitzenposition heben. Das alte Argument, wer FPÖ wähle, stimme für den Protest, denn in eine Regierung käme sie ohnehin nicht, ist Geschichte. Knapp oder mehr als die Hälfte will eine blaue Hofburg und einen Mann, der klar gesagt hat, gegebenenfalls auch Regierungen abzuberufen."

Österreich: "Was für ein unfassbar spannender Wahltag, was für ein dramatisch knappes Ergebnis. Erstmals in dieser Republik steht es zwischen den beiden Lagern Rechts und Links, Blau und Grün exakt 50 zu 50. Nur ein paar Zehntelprozent aller Stimmen werden heute entscheiden, in welche Richtung dieses Land geht: Klar nach rechts bei einem Hofer-Sieg – mit einer deutlich nationalen Linie, einer harten Anti-Asyl-Linie, einer klaren Protest- und Wut-Haltung gegen die Regierung. Oder klar nach links mit einem rot-grünen Kurs bei einem Van-der-Bellen-Sieg – mit links­liberaler Politik, Willkommenskultur für Flüchtlinge, offenen Grenzen und Sympathie für die neue Regierung Kern."

Deutschland

Spiegel: "Die Wahl des neuen Bundespräsidenten in Österreich ist ein politischer Wahlkrimi: Das Ergebnis ist so knapp, dass erst die Auszählung der Briefwahlstimmen zeigen wird, ob Österreich einen Rechtspopulisten als Staatschef bekommt."

Die Zeit: "Ob Norbert Hofer Präsident wird, ist ungewiss. Doch die Wahl in Österreich zeigt, dass die Rechten mit ihrem Trash-Faschismus erfolgreich sind, weil sie kämpfen können."

Bild: "Bei der Stichwahl für den neuen österreichischen Bundespräsidenten gibt es ein atemberaubendes Kopf-an-Kopf-Rennen. (...) Es ist also alles noch möglich. Experten warnten davor, bereits einen der beiden Kandidaten als Sieger auszurufen."

Am Ende entscheiden 31.026 Stimmen - der Ticker in der Nachlese.

Neue Osnabrücker Zeitung: "Welch ein Triumph für die politische Rechte, welch ein Desaster für die Regierungsparteien in Österreich: Sozial- oder Christdemokraten standen gar nicht mehr zur Wahl, während FPÖ-Kandidat Norbert Hofer sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Alexander Van der Bellen von den Grünen lieferte. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise war dies auch eine Abstimmung über die Willkommenskultur. Zwar hat die große Koalition aus sozialdemokratischer SPÖ und konservativer ÖVP bereits einen radikalen Kursschwenk vollzogen, doch reicht dies vielen Wählern offenbar nicht aus. Um auf Nummer sicher zu gehen, stimmten sie massenhaft für Hofer, der klare Prioritäten setzt: 'Österreich zuerst'."

Stuttgarter Zeitung: "Norbert Hofer oder Alexander Van der Bellen? Der Ernst der Lage, den Hofer angekündigt hatte - schließlich sieht er sich im Falle der Wahl, trotz verpflichtender Überparteilichkeit im Amt, als Wegbereiter eines möglichen Bundeskanzlers Heinz-Christian Strache (FPÖ) -, wurde den Mainstream-Parteien jedenfalls viel zu spät bewusst. Die fast panische Auswechslung des Bundeskanzlers Werner Faymann, ersetzt durch den Managertypus Christian Kern, war mit Blick auf die Präsidentenwahl ein Faktor, aber nicht entscheidend. In Wien, wo erst am Montagabend ein Ereignis feststeht, kommt Wind auf, und Kern wird nun gegenhalten müssen: offen, streitbar. Noch ist die Koalition im Amt. Doch Österreich ist schon nach dieser 50:50-Wahl ein in zwei Hälften gespaltenes Land, in dem, wie immer es ausgeht, die Blumen des (auch) Bösen blühen."

Huffington Post: "Viele Menschen haben den Eindruck, keinen Einfluss mehr zu haben. Aber die Wahl in Österreich zeigt: Sie haben Einfluss und zwar gewaltigen. Die Wahl zeigt eine Renaissance für den Wähler. In Österreich hat jeder Wähler mit seiner Stimme darüber entschieden, ob Österreich ein weitgehend weltoffenes Land bleibt, in dem Einwanderer und Flüchtlinge willkommen sind. Die Wähler haben entschieden, wie groß die Rolle sein wird, die Österreich in Europa spielen will. Sie haben entschieden, ob das Staatsoberhaupt aus einer von manchen Beobachtern als rechtsextrem eingeschätzten Partei kommt. Am Ende haben sie entschieden, in was für einem Land sie leben wollen."

Die Twitter-Stimmen zur Wahl von Österreichs Bundespräsident.

Schweiz

Neue Zürcher Zeitung: "Hofer hatte im ersten Wahlgang triumphiert und Van der Bellen weit hinter sich gelassen. Er galt deshalb in den letzten vier Wochen als Favorit. Auch wenn er das Ziel am Schluss verfehlen sollte, ist sein Resultat eine Sensation. (...) Van der Bellen hat dagegen in einem von Experten als verloren geglaubten Rennen aufgeholt."

Tages-Anzeiger: "Es war ein langer und hart geführter Wahlkampf. Einen strahlenden Sieger aber gab es am Wahlabend nicht. Nur ein Ergebnis steht fest: Österreich ist ein gespaltenes Land. So gespalten wie nie zuvor."

Großbritannien

The Guardian: "Österreichs politische Zukunft steht auf Messers Schneide."

The Independent: "Der freiheitliche Kandidat Norbert Hofer hofft, Europas erstes Rechtsaußen-Staatsoberhaupt seit dem Zweiten Weltkrieg zu werden."

Frankreich

"Le Figaro": "Die einfache Tatsache, dass auf den letzten Stimmzettel gewartet werden muss für die Entscheidung, birgt eine Lehre für Europa. Seine Dirigenten sollten sich nicht zu sehr freuen, wenn Alexander Van der Bellen ihnen den Schock eines antieuropäischen Präsidenten in Wien erspart, weil fast einer von zwei Wählern immerhin einen deutlichen Warnschuss abgegeben hat. Und sie sind schlecht beraten, wenn sie eine Rückkehr des Nazismus nach Österreich ausrufen, sollte Norbert Hofer in die Hofburg einziehen. (...) Auf dem ganzen Kontinent drückt sich mehr weniger die gleiche Ablehnung eines Europas ohne Projekt und ohne Kopf aus. In Ungarn, Polen, Großbritannien, das in einem Monat über den (EU-Austritt) Brexit abstimmt, aber auch in Frankreich, belagern die EU-Gegner deren Institutionen."

Italien

Corriere della Serra: "Die politische Botschaft des "kleinen Österreich" an Europa und die Welt wird kommen, nur am Montag."

Spanien

El País: "Technisches Patt in Österreich."

(zusammengestellt von ank/rs, mit Material der dpa)