Solide, detailliert,aber zu wenig - so kommentieren deutsche Zeitungen das Sondierungsergebnis von Union und SPD. Im europäischen Ausland freut man sich hingegen, dass Deutschland bald wieder handlungsfähig sein dürfte. In der Türkei hingegen herrscht pure Ablehnung.

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Viele sehen den Abschluss eines wahren Kraftakts und eine neue Handlungsfähigkeit, andere die Kapitulation des politischen Systems und eine Rückwärtsgewandtheit. Nationale und internationale Pressestimmen zum Abschluss der GroKo-Sondierungen.

Lob für die Anstrengung

Im "Münchner Merkur" fällt die Reaktion am Ende positiv aus.

"Kritiker dürfen sie ein Laufzeitverlängerungsprogramm für Merkel, Seehofer und Schulz schmähen. Enttäuschend ist - wieder mal - die Mutlosigkeit in der Steuer(entlastungs)politik. Man kennt das ja. Aber sie ist auch ein solides, wenn auch teures Arbeitsprogramm, auf deren Grundlage die Republik in bewegter Zeit vier Jahre lang einigermaßen verlässlich regiert werden kann. Grüne und FDP dürfen gern ihre Egos pflegen."

Die "Welt" freut sich besonders über die Länge und Ausführlichkeit des Sondierungspapiers.

"Und indem sie ein Ergebnis verabschiedet haben, das rein quantitativ in früheren Jahren der Bundesrepublik als veritabler Koalitionsvertrag durchgegangen wäre. Die Linien für die nächsten Wochen sind klar gezogen, die Parteien wissen, was sie bekommen und was nicht. Union und SPD haben in sechs Tagen geschafft, wozu Jamaika fast fünf Wochen brauchte – ohne erfolgreich zu sein."

Ausverkauf des Systems

Weniger optimistisch äußert sich "ntv" zu den Ergebnissen. Denn das Papier könne auch als Dokument des eigenen Scheiterns gelesen werden.

Der Kommentator frägt: "Warum ist die digitale Infrastruktur nicht längst ausgebaut, warum erreicht die Koalition ihre eigenen Klimaziele nicht, warum ist ein 'Pakt für den Rechtsstaat' überhaupt notwendig, warum sind die Schulen in vielen Regionen unterfinanziert? Und warum sind 'gleichwertige Lebensverhältnisse im urbanen und ländlichen Raum, in Ost und West', die Union und SPD nun zum Leitbild ausrufen, nicht längst Realität?"

Die "FAZ" echauffiert sich vor allem über die wirtschaftlichen Folgen. Der Sparer sei der neuen Koalition egal.

"Positiv ist allein, dass die Spitzenbelastung in der Einkommensteuer nicht verschärft werden soll, was nicht zuletzt Unternehmen und Selbständige getroffen hätte."

Europa sieht mehr Licht als Schatten

Der Abschluss der Sondierungen wird von den meisten europäischen Medien in Europa am Samstag als gutes Zeichen gewertet.

So erkennt die italienische Tageszeitung "Corriere della Sera" in dem Durchbruch "eine gute Nachricht für die europäische Idee".

Die liberale spanische Zeitung "La Vanguardia" sieht in der Einigung "eine große Nachricht für Deutschland und für ganz Europa". Die deutsche Lokomotive müsse das europäische Gemeinschaftsprojekt weiterhin vorwärts ziehen - "noch mehr nach dem Brexit".

Die konservative britische Zeitung "The Times" sieht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in nervöser Wartehaltung vor den Entscheidzungen der SPD, weil "ihr politisches Schicksal von Mitgliedern Deutschlands großer Mitte-Links-Partei entschieden wird".

Türkische Zeitung: "Nazi-Koalition"

In regierungsnahen türkischen Medien stießen die Verabredungen der deutschen Parteien auf harsche Kritik. Die Zeitung "Aksam" überschrieb einen Online-Artikel dazu mit den Worten "Die Türkeifeindlichkeit der Nazi-Koalition".

Der Aufmacher der gedruckten Ausgabe am Samstag hatte die Schlagzeile "Dummkopf-Koalition" - das Wort "Dummkopf" war auf Deutsch und in Schwarz-Rot-Gold gehalten. Darunter hieß es: "Türkeifeindlichkeit ist der gemeinsame Punkt der Koalition geworden, die nach 110 Tagen gebildet werden konnte."

Ähnlich berichtete die Zeitung "Vatan", bei der eine Überschrift "Die Gemeinsamkeit ist die Gegnerschaft zur Türkei" lautete. Der Fernsehsender TGRT sprach von einem "Türkeifeindlichkeits-Bündnis aus drei Parteien".

Union und SPD hatten den harten Kurs der Bundesregierung gegenüber dem "Partner" und EU-Beitrittskandidaten Türkei am Freitag in ihrem Sondierungspapier bestätigt.

Für US-amerikanische Medien war die Zwischenstation bei der Regierungsbildung in Deutschland zunächst kein größeres Thema.

Sie berichteten zumeist knapp über den Abschluss der Sondierungen für eine erneute große Koalition. (dpa/lf)