Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll. Wissen, über was politisch diskutiert wird. Heute: Die große Aufgabe des künftigen Ministers für Wirtschaft und Klimaschutz..

Gabor Steingart
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

der größte Konflikt der Gegenwart ist nicht der zwischen Amerika und China und auch nicht das Drama, das sich hierzulande zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern abspielt. Der Jahrhundertkonflikt, dessen teilnehmender Beobachter wir sind, ist der zwischen der natürlichen Umwelt und dem industrialisierten Menschen.

Die große Wohlstandsmaschinerie des 20. Jahrhunderts hat verarmte Bauern und rechtlose Proleten aus ihrer Unmündigkeit befreit und zu Arbeitern und Bürgern befördert. Das Zusammentreffen von beschleunigter Industrialisierung und einer demokratisch organisierten Teilhabe an deren Erträgen, das war der große Glücksmoment in diesem an Unglücken so reichen 20. Jahrhundert.

Der Jahrhundertkonflikt zwischen Ökonomie und Ökologie

Zugleich aber hat dieser bis heute andauernde Glücksmoment die natürlichen Lebensgrundlagen derer, die sind und derer, die da noch kommen, benutzt, verbraucht und auch geschändet. Der Klimawandel als Folge einer von Kohle, Gas und Benzin befeuerten Wohlstandsgesellschaft ist die Herzrhythmusstörung einer überforderten Umwelt. Heute wissen wir: Wenn der Planet so weiterlebt, werden nicht alle, aber viele seiner lebenswichtigen Ökosysteme kollabieren.

Womit wir bei Robert Habeck wären. Der neue Superminister für Wirtschaft und Klimaschutz muss diesen Jahrhundertkonflikt zwischen Ökonomie und Ökologie in einem Ministerium und in seinem Kopf aushalten. Er kann sich nicht, wie das bislang zwischen Umweltministern und Wirtschaftsministern auf der ganzen Welt üblich war, auf eine Seite schlagen.

  • Er ist jetzt der Lobbyist der Bäume und der Familienunternehmer.
  • Er muss – das ist die neue, die wilde Jobbeschreibung – Wald und Wall Street gemeinsam denken.
  • Er muss Gier und Genügsamkeit austarieren, das Fortschrittsdenken der Wirtschaft und die Sehnsucht der Natur nach Ruhe und Balance zu einer Synthese vereinen.

Die schicksalsmächtigen Fragen sind aufgeworfen, die in 16 Jahren konservativer Vorherrschaft – wobei hier auch die Sozialkonservativen der SPD gemeint sind – gestellt, aber nie beantwortet wurden:

Die großen Fragen

Wenn Deutschland aus Kernenergie und Kohle gleichzeitig aussteigt und Wind und Sonne keinen grundlastfähigen Strom liefern, wie kann dann eine Stromversorgung aussehen, die nicht im Blackout endet?

Wie treiben wir die Dekarbonisierung der Volkswirtschaft voran, ohne dass daraus eine Liquidierung lokaler Produktion wird, der eine groß angelegte Verlagerung in die Entwicklungsländer folgt?

Wie verhindern wir, dass die Klimapolitik – wie von der Wirtschaftsweisen Professor Veronika Grimm befürchtet – zur Umverteilung von unten nach oben führt, weil der einfache Mieter zwar die CO2-Steuer aufgebrummt bekommt, aber die Ölheizung nicht rausreißen kann und ihm auch das Geld für den Tesla fehlt?

Und dann die Frage aller Fragen: Wie stellt Deutschland sicher, dass der Westen grün und nicht rot wird, wenn das Kohleland China uns nicht als fortschrittlich, sondern womöglich als naiv empfindet und unsere Transformation zur eigenen Expansion nutzt?

Habeck darf jetzt nicht – wie es die Herkunft der Anti-Parteien-Partei vielleicht nahe legen möge – protestieren und polemisieren, er muss Lösungen liefern. Er muss es zumindest probieren. Sein neues Superministerium darf eben beides nicht sein: keine Tochtergesellschaft des Status quo und zugleich eben auch kein Abrissunternehmen. Vielleicht sollte sich der neue Vize-Kanzler als Vorstand für Forschung und Entwicklung der Deutschland AG betrachten.

Unter Live-Bedingungen führt er ein großes Menschenexperiment durch, von dessen Gelingen viel abhängt. Bangemachen gilt nicht: Der ambitionierte Politiker muss ins Gelingen verliebt sein. Möge sich Habeck mit Albert Camus trösten: "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen."

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Start in das Wochenende. Bleiben Sie mir gewogen.

Es grüßt Sie auf das Herzlichste,

Ihr

Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.