Die EU-Wahl galt als Stimmungstest für Kanzler Sebastian Kurz. Kommt er angesichts des Skandal-Videos seines einstigen Vizekanzlers auch unter die Räder? Das Ergebnis könnte alle Karten - auch für den geplanten Misstrauensantrag - neu mischen.

Mehr News zur Europawahl 2019 finden Sie hier

Europawahl 2019: ÖVP klar vor SPÖ

Die ÖVP hat die EU-Wahl vom Sonntag mit großem Abstand vor der SPÖ gewonnen. Die zweite Trendprognose von ARGE Wahlen, SORA und Peter Hajek für APA, ORF und ATV zeigte die ÖVP erneut bei 34,5 Prozent, rund zehn Prozentpunkte vor der SPÖ mit 23,5 Prozent. Die FPÖ verliert und erreicht 17,5 Prozent. Die Grünen werden mit 13,5 Prozent zweistellig und ziehen wie die NEOS (8 Prozent) ins EU-Parlament.

Die zweite Trendprognose von 18.45 Uhr blieb gegenüber der ersten Prognose unverändert und bestätigte den großen Zugewinn für die ÖVP gegenüber 2014, als die Volkspartei auf 26,98 Prozent gekommen war. Die 34,5 Prozent bedeuten ein Plus von 7,5 Prozentpunkten. Von den innenpolitischen Turbulenzen der letzten Woche nicht profitieren konnte die SPÖ: Sie kommt demnach auf 23,5 Prozent, was sogar einen leichten Verlust bedeutet - 2014 erreichte die Sozialdemokratie noch 24,09 Prozent.

Die FPÖ bekam die Auswirkungen der Ibiza-Affäre doch zu spüren, kommt auf 17,5 Prozent und verliert damit rund 2,5 Prozentpunkte. Deutlich Haare lassen mussten sie gegenüber den Umfragen vor Aufkommen des Ibiza-Videos von Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache.

NEOS schaffen souverän den Wiedereinzug

Souverän den Wiedereinzug geschafft haben die NEOS, die mit 8 Prozent ihr Resultat von 2014 (8,14 Prozent) in etwa halten. Die Grünen verlieren zwar gegenüber ihrem Rekord-Ergebnis von 2014 (14,52 Prozent) - schaffen aber nach dem Rauswurf bei der Nationalratswahl 2017 mit den 13,5 Prozent und dem klaren Einzug ins EU-Parlament das politische "Comeback" mehr als deutlich. Gescheitert ist die Liste Europa JETZT, die mit rund 2 Prozent am Einzug scheiterte. Die Wahlbeteiligung dürfte deutlich steigen - auf mehr als 50 Prozent.

Für die Trendprognose kooperierten ORF, APA und ATV sowie die Wahlforscher/innen von SORA, Arge Wahlen und Peter Hajek erstmals. Dazu wurden von den Wahlforschern unabhängig voneinander Umfragen durchgeführt, am Wahlsonntag wurde daraus dann eine gemeinsame Trendprognose erstellt. Insgesamt wurden zwischen Dienstag und Sonntag 5.200 Interviews mit Wahlberechtigten in Österreich geführt. Die Trendprognose weist eine Schwankungsbreite von etwa +/- 2,5 Prozentpunkten auf.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen bezeichnete den Wahlsonntag als "einen guten Tag für Europa". Der erste Eindruck sei, dass die pro-europäischen Stimmen überwiegen und nicht jene, die den Zerfall Europas befürworten. Man müsse aber die Ergebnisse in den anderen Ländern abwarten, sagte der Bundespräsident im ORF.

Sebastian Kurz bezeichnet Ergebnis als "fulminant"

ÖVP-Chef und Bundeskanzler Sebastian Kurz bezeichnete das Ergebnis der Volkspartei in einer ersten Reaktion als "fulminant". "Es ist das historisch beste Wahlergebnis, das jemals bei einer Europawahl in Österreich erzielt worden ist", rief Kurz dem wartenden ÖVP-Tross von der vor der Parteizentrale aufgebauten Bühne zu. Kurz sah in dem Votum eine "Stärkung der Mitte". Zudem wertete er es auch als starkes Zeichen, dass die Wahlbeteiligung gestiegen sei. Man werde für EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber voraussichtlich sieben Mandate "liefern", hob Kurz hervor.

ÖVP-Spitzenkandidat Othmar Karas sieht im Wahlsieg seiner Partei einen gemeinsamen Erfolg mit Kanzler Kurz. Dieser habe "den letzten Schub noch gebracht", sagte er im ORF. "Niemand soll glauben, dass er alleine eine Wahl gewinnen kann." Es sei ein "Sieg für Anstand, Geradlinigkeit, Stabilität und Glaubwürdigkeit".

Mit großem Jubel wurde SPÖ-Spitzenkandidat Andreas Schieder von seinen Unterstützern im Festzelt in der Wiener Löwelstraße empfangen. Die SPÖ sei für Platz eins "noch nicht soweit", man werde daran aber weiterarbeiten. Wichtig sei,"dass wir nicht taktieren, sondern einfach unserem Herzen folgen", meinte er bezüglich der Haltung zur ÖVP. Dass der EU-Wahlkampf in der letzten Wochen ausschließlich innenpolitisch überschattet gewesen sei, schrieb er nicht nur der FPÖ, sondern auch dem Bundeskanzler zu. Der "lupenreine Egoist" Kurz sei "gescheitert an sich selbst, und das wird die Antwort auch am Montag sein". Es sei "Zeit für einen politischen Neuanfang", meinte er unter dem Jubel der Anwesenden, ohne die kommende Misstrauensabstimmung im Nationalrat explizit zu erwähnen.

Spitzenkandidat Harald Vilimsky: Kein Vertrauen in Kanzler Kurz

Für einen erfolgreichen Misstrauensantrag brauchen die Roten die Blauen. Deren Spitzenkandidat Harald Vilimsky tat dazu nur kund, dass er persönlich kein Vertrauen in den Kanzler habe. Mit dem eigenen Ergebnis war er nicht so unzufrieden: "Das zeigt, wie hoch unser Stammwählerpotenzial ist". In der Zentrale jubelte man angesichts dessen, dass man nach dem Ibiza-Skandal nicht komplett abgestürzt ist.

"Nach der Wahl ist vor der Wahl" - diese Phrase sei selten so zutreffend gewesen wie in diesem Fall, befand der Grüne Spitzenkandidat und Bundessprecher Werner Kogler gegenüber der APA. "Wichtig für Österreich wäre jetzt, dass die kleinen Parteien, also auch die NEOS, zulegen. Damit sich die Großen endlich nicht mehr gegenseitig zu Koalitionen erpressen können."

NEOS-Spitzenkandidatin Claudia Gamon zeigte sich in einer ersten Reaktion sehr zufrieden mit dem prognostizierten Ergebnis: "Ich freue mich wirklich darüber", meinte sie - auch wenn es natürlich schade sei, dass man das zweite Mandat nicht geschafft habe. "Ich kann nicht behaupten, dass es nicht schade ist, dass wir nicht zu zweit einziehen", sagte Gamon. Doch sie zeigte sich erfreut über das "sehr erfolgreiche" Abschneiden ihrer Partei.

Johannes Voggenhuber, Spitzenkandidat der Initiative EUROPA Jetzt, verpasste sein Ziel von einem Mandat. Enttäuscht sei er aber vor allem darüber, dass das Ibiza-Video keine tiefergehende politische Veränderung ausgelöst habe, betonte er bei einer ersten Stellungnahme im Haus der EU. Das Abschneiden seiner Initiative analysierte er nüchtern. "Ich wusste, dass das Projekt mit hohem Risiko behaftet ist", sagte Voggenhuber. Durch das Ibiza-Video sei die "Formierung der Innenpolitik" bei der EU-Wahl in den Vordergrund gerückt, damit habe sich die Ausgangssituation völlig verändert.  © APA