Souverän hat TV-Journalistin Kristen Welker das zweite Duell zwischen Trump und Biden moderiert. Selbst der Präsident, der sie im Vorfeld der TV-Debatte noch auf Twitter beschimpft hatte, rang sich ein Kompliment ab.

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US-Präsident Donald Trump nimmt es mit der Wahrheit erwiesenermaßen nicht so genau. Und er hat einen Hang zu maßloser Übertreibung. Auch im zweiten TV-Duell gegen seinen Herausforderer Joe Biden blieb er sich in diesem Punkt treu.

Als Biden ihm vorwarf, er sei ein Rassist, wies Trump das nicht nur zurück - er prahlte vielmehr, seit Abraham Lincoln habe niemand mehr für schwarze Amerikaner getan als er.

In den sozialen Medien wurde vor allem Trumps Aussage diskutiert, er sei "die am wenigsten rassistische Person in diesem Raum": "Ich kann das Publikum nicht sehen, weil es hier so dunkel ist. Aber es ist mir egal, wer im Publikum sitzt, ich bin die am wenigsten rassistische Person in diesem Raum".

Auf Twitter sorgte diese Szene für Fassungslosigkeit und heftige Kritik.

Der Thinktank African American Policy Forum twitterte als Reaktion gleich mehrere Zitate Trumps, die zeigen, wie rassistisch sich der Präsident in der Vergangenheit geäußert hat.

Darunter ist auch die Aussage, bei den Demonstrationen Rechtsextremer in Charlottesville 2017 seien "feine Leute" dabei gewesen.

Journalistin April Ryan arbeitet schon lange als Korrespondentin im Weißen Haus. Über wenige Aussagen von Präsidenten wird sie sich aber so geärgert haben wie über diese von Trump.

"Ich schreie", twitterte Ryan: "Und warum sagt er, es sei so dunkel, dass er die Menschen dort nicht sehen kann? Hat er in der Menschenmenge nach Schwarzen gesucht?"

Der US-amerikanische Schauspieler Ato Essandoh schrieb: "Jeder, der sagt, er sei 'die am wenigsten rassistische Person im Raum', ist in Wirklichkeit die rassistischste Person im Raum."

Kristen Welker ist erst die zweite schwarze Journalistin mit dieser Chance

Unmittelbar vor dem Podium saß die Moderatorin des Abends, Kristen Welker. Sie ist erst die zweite schwarze Journalistin in der Geschichte der US-amerikanischen Fernsehduelle, die diese Chance bekam, und sie hat sie genutzt.

Welker hielt über mehr als 90 Minuten die Gesprächsführung fest in der Hand, war klar in ihren Ansagen, erlaubte kein Dazwischenreden. Sie hätte den beiden Politikern sogar jederzeit das Mikro abdrehen können; nach der verheerenden ersten TV-Debatte zwischen Biden und Trump, die vor allem wegen Trumps permanentem Störfeuer im Chaos versunken war, war diese Stummschalte-Funktion eingeführt worden. Doch Donald Trump war diesmal sichtlich bemüht, sich an die Regeln zu halten.

Trump versuchte vor der Debatte, Welker zu diskreditieren

Welker, 44, die seit Jahren für den Sender NBC als Korrespondentin im Weißen Haus arbeitet, hatte auch die sechs Themengebiete festgelegt, über die diskutiert wurde, darunter die Corona-Pandemie, Sozialpolitik, Klimaschutz, Rassismus.

Trump hatte Welker vor der Debatte als "total parteiisch" und eine "radikale linke Demokratin" zu diskreditieren versucht. In der Debatte dann zollte er Welker, die er mit "Kristen" ansprach, aber Anerkennung: "Übrigens Respekt dafür, wie Sie das hier machen, das muss ich schon sagen".

Auch die "New York Times" spricht Welker das Verdienst zu, die Debatte in deutlich ruhigere Bahnen geleitet zu haben, als es beim ersten Aufeinandertreffen von Trump und Biden der Fall war. "Fox News"-Moderator Chris Wallace, der damals bei der Gesprächsleitung versagte, kommentierte die Leistung seiner Kollegin mit dem Satz: "Ich bin neidisch."  © DER SPIEGEL

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US-Wahl 2020: Das letzte TV-Duell von Donald Trump gegen Joe Biden - in Zitaten

Das zweite - und letzte - Duell zwischen Donald Trump und Joe Biden vor der US-Wahl am 3. November lief gesitteter ab als beim ersten Aufeinandertreffen im TV vor wenigen Wochen. Trotzdem: Von gesittet kann am Ende nicht die Rede sein, wie die Zitate der Nacht belegen. (mit Material der dpa)