• Das Morning Briefing von Gabor Steingart - kontrovers, kritisch und humorvoll.
  • Wissen, über was politisch diskutiert wird.
  • Heute: Warum Donald Trump die US-Wahl gegen Joe Biden verlor.
Gabor Steingart
Eine Kolumne
von Gabor Steingart
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Guten Morgen, liebe Leserinnen, liebe Leser,

das digitale Politikmagazin "Politico" aus Washington zeichnet in einer aufwendigen Recherche nach, wie es zum Regierungswechsel in den USA kam.

Sechs Autoren und Autorinnen erklären nach Interviews mit 75 Gesprächspartnern, welcher Strategie Joe Biden seinen Wahlsieg verdankt – und woran Donald Trump scheiterte. Hier die Zusammenfassung:

Erstens. Trumps größter Fehler war es, die Auswirkungen des Coronavirus zu unterschätzen. Im Februar sprach der damalige Wahlkampfchef Brad Parscale folgende Pandemie-Warnung aus:

"Sir, sie kommt. Das ist das einzige, was Ihre Präsidentschaft gefährden könnte."

Trumps eingeschnappte Reaktion:

"Dieses verdammte Virus. Was hat es damit zu tun, dass ich wiedergewählt werde?"

Zweitens. Die Biden-Kampagne sah darin ihre Chance. Die "Politico"-Autoren schreiben über die Strategie der Demokraten:

"Einen Kontrast erzeugen. Den Wissenschaftlern glauben, die Trump ignoriert. Eine Maske tragen. Öffentliche Veranstaltungen absagen. Die Kampagne neu erfinden. Vermeiden, dass Menschen Schaden nehmen."

Biden ließ sich am 11. März ein TV-Studio in den Keller seines Hauses in Wilmington (Bundesstaat Delaware) einbauen und verbreitete von dort aus seine Botschaften.

Drittens. Die Kommunikation zwischen dem Trump-Team und der republikanischen Partei brach in der entscheidenden Schlussphase des Wahlkampfs ab. Auseinandersetzungen zwischen Republikaner-Chefin Ronna McDaniel und Trumps Wahlkampfchef Bill Stepien waren an der Tagesordnung. Die Demokraten versammelten sich hinter ihrem Kandidaten und setzten die wohl wichtigste Kampagnenstrategie um: Message Control.

Viertens. Trumps Finanz- und Spendenteam, angeführt von der ehemaligen Fox-News-Moderatorin Kimberly Guilfoyle, erwies sich als Desaster. Der Präsident konnte mit Bidens Spendenmaschine, die vor allem auf kleine Beträge von vielen Unterstützern setzte, nicht mithalten.

Biden nutzte das Geld, um in besonders umkämpften Bundesstaaten eine Reihe von Blitz-Werbeoffensiven zu buchen. Sein zusätzlicher Vorteil war eine großzügige 100-Millionen-Dollar-Spende des im Vorwahlkampf ausgeschiedenen Milliardärs Michael Bloomberg.

Fünftens. Bidens Entscheidung Mitte August, Kamala Harris zu seiner Vize-Kandidatin zu ernennen, war an der Basis der Partei umstritten. Bei den Spendern löste Harris’ Nominierung jedoch Euphorie aus. Der Biden-Vertraute Dick Harpootlian sagte "Politico":

"Der entscheidende Moment in der Kampagne war die Wahl von Kamala. Schauen Sie sich den Tag danach an: Das Geld sprudelte wie verrückt."

Die Folge: Im August konnte die Biden-Kampagne 365 Millionen Dollar einsammeln, 154 Millionen Dollar mehr als Trumps Team. Das September-Ergebnis lag nochmals höher.

Nach dem Tod der liberalen Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsburg gingen sogar 383 Millionen Dollar an Spenden auf dem Konto der Biden-Kampagne ein, 135 Millionen Dollar mehr als beim Gegner.

Kamala Harris wird Vizepräsidentin der USA.

Sechstens. Die erste TV-Debatte zwischen Trump und Biden am 29. September schadete vor allem dem Amtsinhaber, der unbeherrscht und mürrisch wirkte. Ein Trump-Berater im Gespräch mit "Politico":

"Warum hat Trump Biden 90 Minuten lang angeschrien? Niemand weiß es."

Siebtens. Der Trump Kampagne ging im Schlussspurt die Puste aus. Dem Titelverteidiger und seinem Team fehlten Geld und Fokus für die wahlentscheidenden Bundesstaaten. Biden konnte schließlich die 2016 von Trump gewonnenen Bundesstaaten Pennsylvania, Michigan, Wisconsin, Georgia und Arizona für sich entscheiden.

Die "blue wall" stand; der 77-jährige Joe Biden wurde mit 306 Wahlmänner und -frauen zum Sieger erklärt. Angesichts der hohen Wahlbeteiligung hat kein amerikanischer Präsident jemals mehr Stimmen auf sich vereinigt als er.

Trump besiegelt Ende einer mächtigen Allianz

Die Abwahl von Trump hat nun ein mediales Nachspiel: Am 12. November verschickte Donald Trump um 17:10 Uhr einen Tweet, der das Ende einer mächtigen Allianz besiegelte. Der frisch abgewählte US-Präsident schrieb:

"Die Einschaltquoten sind völlig zusammengebrochen. Tagsüber am Wochenende noch schlimmer. Sehr traurig, das zu sehen, aber sie haben vergessen, was sie erfolgreich gemacht hat, was sie dorthin gebracht hat. Sie haben die Goldene Gans vergessen."

Mit der Goldenen Gans meinte er sich selbst – als Quotenmagnet für den von Rupert Murdoch geführten konservativen Nachrichtensender.

Trump ist wütend auf Fox News. Denn der Sender, der in den vergangenen Jahren fest an seiner Seite stand, erkannte frühzeitig Bidens Wahlsieg an und rief in der Wahlnacht den "Swing State" Arizona früh für Biden aus. Für das Trump-Team war das ein Schock. Präsidenten-Schwiegersohn Jared Kushner rief laut der "New York Times" Murdoch an und versuchte, den Sender zum Rückzug zu bewegen – vergeblich.

Der Journalismusprofessor und Buchautor Jeff Jarvis von der City University of New York glaubt, den Grund für die Distanzierung zu kennen:

"Murdoch erkennt einen Loser, wenn er ihn sieht."

Ich wünsche Ihnen einen kraftvollen Start in den Tag. Es grüßt Sie auf das Herzlichste

Ihr Gabor Steingart

"Steingarts Morning Briefing" informiert über das aktuelle Welt- und Wirtschaftsgeschehen. Das "Pre-Breakfast Medium" ist eine moderne Form der Miniatur-Tageszeitung, das neben Nachrichten, Kommentaren und Grafiken auch exklusive Interviews mit Meinungsbildnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur veröffentlicht. Der gleichnamige Podcast ist Deutschlands führender Daily Podcast für Politik und Wirtschaft.