Was haben die sich bei Pro7 eigentlich gedacht? Zwei Tage vor Weihnachten fragt die Redaktion mich, ob ich "mal eben" im Kongo eine Dokumentation produzieren könne. Nach kurzer Überlegung und mit schlechtem Gewissen gegenüber meinen Töchtern sage ich zu. Zuvor hatte ich Kay und Imme, mein Lieblings-Kamerateam von der Tollerort Filmproduktion in Hamburg am Telefon. Sie haben zwischen Weihnachten und Neujahr keine Jobs und können mit mir drehen.

Das ist jetzt schon etliche Jahre her – die Arbeit im Kongo werde ich aber ganz sicher nie vergessen. Eine Umweltschutzorganisation hatte mitten im Dschungel eine Lichtung entdeckt, auf der sich mehrere Hundert Elefantenleichen befinden sollten. "Elefantenfriedhof" wurde dann auch der Titel der Reportage.

Ankunft in Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo, einen Tag später am frühen Nachmittag. Das Land war früher einmal französische Kolonie, liegt nördlich des Flusses Kongo und ist flächenmäßig so groß wie Deutschland.

Das andere Kongo, früher Kongo-Leopoldville, später dann Zaire und jetzt Demokratische Republik Kongo, liegt südlich des Flusses und war einst belgische Kolonie.

Brüllende Hitze und 40 Jahre alte Taxis

Der Flughafen heißt Maya-Maya und er sieht aus, wie ein typischer Flugplatz in der Mitte Afrikas. Klein, etwas chaotisch und ziemlich heruntergekommen. International bekannt wurde er unter anderem durch eine Reihe von grauenvollen, spektakulären Flugzeugabstürzen.

Kurze Passkontrolle, dann können wir mit unserem Gepäck raus aus dem Terminal. Draußen brüllende Hitze und jede Menge Taxifahrer, die auf uns losstürzen. Oh Mann, die sprechen hier alle Französisch – und mein Schulfranzösisch ist so schlecht. Wie gut, dass ich viele Jahre in der Türkei gelebt und gelernt habe, um den Preis zu feilschen. Das geht dann irgendwie auch auf Französisch. Schnell sind wir mit einem der Fahrer handelseinig.

Wie in dieser Region kaum anders zu erwarten, ist sein Auto ein alter Peugeot 404, der vermutlich vor vielen Jahren in Frankreich wegen der Rostschäden aus dem Verkehr gezogen wurde. Kurze Zeit später sind wir im Hotel.

Zum Thema selbst haben wir bisher nur sehr wenige Informationen. Irgendwo im Norden, so wurde uns von der Redaktion gesagt, gäbe es eine große Lichtung im Dschungel, auf der die Leichen von rund 300 Elefanten liegen sollen. Eine Tränke sei es, eine Wasserstelle also, an die die Tiere regelmäßig zum Saufen kommen. All diese Elefanten seien erschossen worden, die Stoßzähne abgesägt. Titel des Filmes soll "Elefantenmord" sein.

Ein Mitarbeiter der GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) in Brazzaville weiß wo der "Elefantenfriedhof" ist, weiß, wie man hinkommt und kennt jemanden in der Region. Er hilft uns, während seine Frau den Weihnachtsbaum schmückt.

Nach Mbomo sind es drei bis vier Tage Fahrt

Mbomo heißt das Dorf, das unserem Ziel am nächsten liegt. Rund 500 Kilometer Luftlinie nördlich von Brazzaville. Zwei Möglichkeiten gibt es, um nach dort oben zu kommen. Man kann mit einem Geländewagen direkt bis Mbomo fahren. Fahrzeit ungefähr drei bis vier Tage. Oder man fliegt nach Kellé, wo es einen Landeplatz gibt und hat dann noch ungefähr zwei bis drei Stunden nach Mbomo. Von dort zum "Elefantenfriedhof" gibt es keine Wege oder Straßen, das geht nur flussaufwärts mit dem Boot.

Eine Traube von Menschen an den Schaltern von "Bravo Air Congo". Erst gefühlte zwei Stunden später haben wir unsere drei Tickets zum Gesamtpreis von 150 Dollar. Abflug morgen Vormittag um 11:00 – aber man solle mindestens zwei Stunden vor Abflug am Flughafen sein, da häufig mehr Tickets verkauft werden als Sitzplätze im Flugzeug vorhanden sind.

Der nächste Morgen. Am Check-In-Counter der Fluggesellschaft ist es brechend voll. Mit unseren schweren Alukisten und dem großen, schwarzen Köcher für das Stativ kommen wir ganz gut durch. Zudem zeigt sich hier wieder einmal wie respekteinflößend so eine 15 Kilo schwere Fernsehkamera sein kann. Ziemlich schnell sind wir im Warteraum. Das Flugzeug steht direkt vor dem Fenster auf dem Vorfeld.

Wenigstens das Flugzeug macht einen Vertrauen erweckenden Eindruck

Es ist eine in Kanada gebaute DeHavilland DHC-7. Ein echtes Arbeitspferd für schwierige Regionen mit schlechten Landepisten und üblem Wetter. Die Kanadier wussten schon, warum sie dem ungefähr 50-sitzigen Flugzeug gleich vier Motoren verpasst haben. So etwas fliegt in Grönland, in Kanadas Norden, in den Anden, Nepal und in etlichen Ländern Afrikas. Ein guter, sicherer Flieger, der eine Menge aushält.

Das Einsteigen geht schnell und pünktlich. Die beiden Piloten kommen durch die Kabine und entschuldigen sich dafür, dass es heute keinen Kabinenservice gibt. Auf Englisch. Ob das Kanadier oder Briten sind? Wie Amis hören sie sich nicht an.

Wir drei sitzen gleich in der ersten Reihe. Direkt vor uns ist der Gepäckraum des Flugzeugs. Rechts und links die Koffer, Kisten und Bündel, in der Mitte ein Gang, durch den wir freie Sicht ins Cockpit haben. Gut eineinhalb Stunden soll der Flug dauern, sagt einer der Piloten über die Lautsprecheranlage durch. Es könne etwas windig werden unterwegs und wir sollten uns alle gut anschnallen.

Wenn 40 von 50 Passagieren die Spucktüten benutzen müssen...

Nur gut eine halbe Stunde dauert es, dann fängt es heftig an zu regnen, Sturm zieht auf. Nach ein paar weiteren Minuten wird die Maschine zum Spielball der Turbulenzen. Auf den Instrumenten im Cockpit können wir es erkennen, die Flughöhe betrug bisher rund 16.000 Fuß, das sind gut 5.000 Meter.

Im Südsudan sterben täglich Unschuldige - und keiner berichtet.

Jetzt wird das Flugzeug mal um fast 500 Meter in die Höhe geschleudert, um dann sofort wieder in die Tiefe zu stürzen. Bisher ist mir auch bei wildesten Flügen nie übel geworden – jetzt ist das anders... Und wie!

Im ganzen Flugzeug riecht es nach Erbrochenem, irgendwelche mitgebrachten Lebensmittel und Getränke werden halb rollend, halb fliegend durch die Kabine geschleudert. Noch habe ich nicht das Gefühl, mich übergeben zu müssen – Imme schon, die Arme. Sie ist grünlich-gelb im Gesicht und sucht in der Ablage vor sich hektisch nach der Kotztüte. Da, sie hat sie gefunden und es sieht aus, als würde sie es gerade noch schaffen, sie rechtzeitig zu öffnen.

Ihre Augen zeigen deutlich den Schock: die gerade geöffnete Tüte ist schon gut gefüllt. Auf einem der vorangegangenen Flüge vermutlich. Bei dem Anblick schafft Imme es irgendwie, den Würgereiz zu unterdrücken. Bewundernswert, das hätte ich nicht gebracht. Später sagt sie: "mir war schon sehr zum Kotzen, aber ich hab ja nicht gefrühstückt und daher war der Magen zum Glück leer".

Es regnet weiterhin wie aus Kübeln. Und genau das wird jetzt zu einem ernsten Problem. Die Landebahn von Kellé ist nicht mehr, als eine gut einen Kilometer lange Graspiste im Dschungel. Wenn die richtig durchnässt ist, dann kann die Grasnarbe das Flugzeug nicht mehr tragen, die Räder sinken ein. Bei einer Landegeschwindigkeit von über 180 km/h kann das nur eines bedeuten: das Fahrwerk reißt ab.

Landung unmöglich – der Sprit wird knapp

Natürlich war den Piloten das sofort klar. Mit der Landkarte in der Hand suchen sie nach einem Ausweichflugplatz. Doch zuerst wollen sie sich offensichtlich die Graspiste in Kellé ansehen. Über Funk meldet sich dort anscheinend niemand und auch bei beiden Überflügen in nur rund 10 Metern Höhe zeigt sich keine Menschenseele. Es gießt weiterhin in Strömen. Am Rande der als "Flugplatz" bezeichneten Lichtung sind ein paar große Fässer mit der Aufschrift "Jet-A-1" zu sehen. Immerhin scheint es hier Treibstoff zu geben.

Marions Marktstand bringt den Australiern die Alpenküche nahe.

Nee, das wird hier nichts. Der Boden könnte für das Flugzeug einfach zu weich sein. Wir fliegen zurück in Richtung Süden. Der Flugplatz von Ewo, eine Dschungelpiste wie die von Kellé, liegt ungefähr 80 Kilometer vor uns, müsste also nach spätestens 15 Minuten in Sicht sein. Doch in Sicht ist für mindestens eine halbe Stunde gar nichts, außer grauen Regenschleiern, die an der Maschine vorbeipeitschen. Jetzt wird’s eng mit dem Sprit in den Tanks, das ist auch den beiden Piloten deutlich anzusehen.

Aus den Gesprächen, kurzen Kommandos und Informationen, die im Cockpit hin und her gehen, ist deutlich zu entnehmen, dass der Treibstoff für eine Rückkehr nach Brazzaville nicht mehr reicht. Anders ausgedrückt: wir müssen hier irgendwo runter! Das Flugzeug ist bis auf den letzten Platz besetzt, der Frachtraum wurde vor dem Start bis in jeden Winkel vollgestopft. Die Reichweite dürfte kaum größer als 1.000 Kilometer sein und 650 bis 700 Kilometer sind wir schon geflogen. Wir müssen landen – und zwar dort, wo es auch Treibstoff gibt.

Vor Abflug, so sagt uns der Kapitän, hätte er den aktuellen Wetterbericht aus dieser Region, die sich Couvette-Ouest nennt, bekommen. Kein Problem, hieß es. Fast wolkenfrei und trocken, lautete die Vorhersage. Ein Sprichwort hier im Kongo sagt allerdings auch: wenn dir das Wetter nicht gefällt, dann warte einfach 10 Minuten, dann wird es anders sein. Genau das hoffen wir jetzt, dass das Wetter sich bessert – und zwar bitte blitzschnell!

Letzte Chance

Schon bald sind wir wieder im Anflug auf Kellé. Wieder ein Überflug, wieder skeptische Gesichter ganz vorne im Flugzeug. Gerade, als wir wieder abdrehen, kommen zwei Fahrzeuge auf die Graspiste zugerast. Männer steigen aus, sehen sich die Oberfläche an, fahren mit ihren schweren Geländewagen auf der Landebahn hin und her. Beim erneuten Anflug sehen wir es dann deutlich: die Zeichen sind positiv, Daumen hoch. Sie halten die Piste wohl für benutzbar. Oh Mann, hoffentlich wissen die, was so ein Flugzeug wiegt!

So langsam wie möglich fliegen die Piloten die zweifelhafte Grasbahn an. Klar, ich weiß, dass dieser Flugzeugtyp für "Dreckspisten" konstruiert ist. Aber die Maschine wiegt sicher 17 oder 18 Tonnen – verteilt auf die vier kleinen Räder des Hauptfahrwerks und die beiden Räder vorn. Das gibt eine Menge Bodendruck.

Sanft setzt das Flugzeug auf, schlingert etwas hin und her, aus den Seitenfenstern sieht man, dass Dreck hoch spritzt. Nach kurzer Strecke mit kräftigem Gegenschub durch die Propeller steht die Maschine. Die Piloten sehen sich an – Erleichterung in ihren Gesichtern. Das war knapp!

Hier wird die Fracht von den Piloten ausgeladen

Nach ein paar Minuten sind alle Passagiere draußen, versuchen, sich unter den Tragflächen vor dem schwächer werdenden Regen zu schützen. Die beiden Männer, die vor der Landung die Piste überprüft hatten, laden zusammen mit den Piloten das Gepäck aus. Wenn das die Kollegen von der Lufthansa sehen könnten, wie hier die Cockpit-Crew auf patschnasser Graspiste steht und Kisten und Koffer aus dem Laderaum zerrt...

Lebensgrundlage für Inuit: Wir begleiten sie auf der Suche nach Robben.

Die meisten Passagiere mit ihrem Gepäck sind plötzlich weg. Ich habe niemanden gesehen, der sie abgeholt hat, es kommt mir vor, als habe der Dschungel sie einfach verschluckt. Einer der beiden Geländewagenfahrer kommt auf mich zu, stellt sich in fließendem Englisch als Mitarbeiter der GIZ vor und erklärt, dass er uns nach Mbomo fahren werde. Etwas gedulden müssten wir uns allerdings noch, zuerst müsse er sich darum kümmern, dass das Flugzeug betankt wird.

Das wird nicht ganz einfach. Der Schlauch von den mit "Jet-A-1" beschrifteten Fässern ist nicht lang genug, einen Traktor mit entsprechender Schleppstange für das Flugzeug gibt es nicht. Da hilft alles nichts, zwei der Propellerturbinen müssen angelassen werden, so dass die DHC -7 mit eigener Kraft näher an die Tankstelle rollen kann. Der Co-Pilot beobachtet aufmerksam, wie tief die Räder dabei ins Gras einsinken. Es sieht gut aus.

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Im Kongo begibt sich unser Blogger auf eine turbulente Reise.

Für eine Dokumentation macht sich unser Blogger im Kongo auf die Suche nach einem Elefantenfriedhof.

Wie es mit Geländewagen und Flussboot weiter geht, wie unfassbar groß und grausam der Elefantenfriedhof ist und auf welch abenteuerliche Weise wir nach Brazzaville zurückkehren, lesen sie in den nächsten beiden Folgen meines Blogs.

Hier geht es zum zweiten Teil der Geschichte

Blogger Dieter Herrmann

Beruflich ist Dieter Herrmann immer wieder in Kriegs- und Krisengebieten als Ausbilder unterwegs. Privat will er es jetzt etwas ruhiger angehen und lebt deshalb seit einiger Zeit in Australien und berichtet aus der Region. Im Blog schreibt er auch über seine Erlebnisse auf Reisen.