Jetzt hat auch Renault seinen neuen Boliden für die Saison 2018 enthüllt. Nico Hülkenbergs neuer R.S.18 , dessen Lackierung deutlich aggressiver aussieht als im Vorjahr, soll der französischen Werksmannschaft den nächsten Schritt auf dem Weg zum WM-Titel im Jahr 2020 ermöglichen. Dafür hat man einen Fünfjahresplan ausgearbeitet: Im dritten Jahr - also diese Saison - ist eigentlich von regelmäßigen Podestplätzen die Rede, auch wenn Teamchef Cyril Abiteboul inzwischen sagt: "Es wäre Unsinn, schon vom Treppchen zu sprechen."

Der erste Eindruck, dass der R.S.18 eine Evolution des Vorjahresautos ist, täuscht nicht. "Die Regeln sind ja gleich geblieben - abgesehen von der Halo-Einführung und dem Verschwinden der Haifischflosse", rechtfertigt Technikchef Nick Chester die Entscheidung. Man sei der Philosophie des R.S.17 treu geblieben, habe aber das Konzept "weiterentwickelt und alles ergänzt, was wir im Vorjahr gelernt haben. Und wir haben aus aerodynamischer Sicht viel gelernt, also sollte das Auto viel mehr Potenzial haben." Den Fokus habe man darauf gelegt, das Auto am Limit gutmütiger zu machen - zudem habe man die Radaufhängung stark verändert, um für Bodenwellen besser gerüstet zu sein.

Renault steht dieses Jahr vor einer enormen Herausforderung: Da neben dem einstigen Weltmeisterteam Red Bull nun auch McLaren mit Renault-Antriebseinheiten an den Start geht, entlarvt der direkte Vergleich etwaige Versäumnisse des Werksteams gnadenlos. Der Druck durch den Konzernvorstand wird immer größer, zumal man schon im Vorjahr das Saisonziel Platz fünf knapp verpasst hat.

Sorgt Budkowski ab April für Genieblitze?

Dazu kommt, dass sich das Renault-Team nach wie vor im Aufbau befindet und man Personal engagiert und die Ausrüstung optimiert, da man von Lotus Ende 2015 einen Scherbenhaufen übernommen hat, während man gegen durchstrukturierte Gegner antritt. Keine einfache Aufgabe. Immerhin ist man bei den Fahrern gut aufgestellt: Hülkenberg, der endlich seinen ersten Podestplatz einfahren will, gilt als absoluter Qualifying-Spezialist, auch Red-Bull-Leihgabe Carlos Sainz hat sich nach seinem Wechsel im Vorjahr bereits etabliert. Red Bull hat 2019 aber ein Rückholrecht.

Der neue Bolide entstand bereits unter Mitwirkung des neuen Aerodynamikchefs Pete Machin, den Renault im Vorjahr von Red Bull abgeworben hat. Die Technikverantwortung trägt Chester, der bereits in Lotus-Zeiten in Enstone werkte. Am 1. April übernimmt dann allerdings der Pole Macin Budkowski die Kontrolle über die Chassis-Abteilung.

Sein Wechsel nach Enstone wirbelte im Vorjahr viel Staub auf, weil er davor für die FIA als Technikchef fungierte und tiefe Einblicke in die Geheimnisse der Konkurrenz hat. "Er ist der Richtige, wenn wir in der Formel 1 den nächsten Schritt machen wollen", lobt Abiteboul den baldigen Geschäftsführer der Chassis-Abteilung, der derzeit noch von einem Arbeitsverbot blockiert wird.

Die Entscheidungen des früheren McLaren-Mannes werden entscheidend sein, denn auf eine weitere Finanzspritze von der Konzernführung darf die Renault-Truppe 2018 offensichtlich nicht hoffen. "Ich bekomme nicht mehr Geld, aber auch nicht weniger. Unser Budget ist sicher und das schafft Verlässlichkeit", erklärt Abiteboul. Derzeit handelt es sich um kolportierte 172 Millionen Euro für 600 Mitarbeiter. Damit liegt Renault nach wie vor deutlich unter dem Budget der absoluten Topteams.

Wo Renault aufholen muss

Doch in welchen Bereichen muss die Truppe nach dem sechsten Platz in der Konstrukteurs-WM 2018 die größten Fortschritte machen? Mit Sicherheit bei der Zuverlässigkeit. Ganze zwölf technische Defekte zählte man im Vorjahr, während man immerhin das Tempo im Vergleich zum Saisonstart deutlich verbesserte. Auch die hauseigene Antriebseinheit muss haltbarer, aber auch leistungsstärker werden. Das hat vor allem die Pechserie von Red-Bull-Pilot Max Verstappen ganz klar gezeigt.

Diesbezüglich ist man in Viry-Chatillon guter Dinge,obwohl man nicht weiß, ob die Konkurrenz von Mercedes nicht erneut enteilt ist. Die überarbeitete Antriebseinheit liefert laut Renault-Angaben stolze 950 PS und habe sich bislang als überaus standfest erwiesen. "Die Standfestigkeit war für uns der Hauptbereich, den wir verbessern wollten", erklärt Motorenchef Remi Taffin. "Und das Programm auf dem Prüfstand, das problemlose Tests und Rennen gewährleisten soll, war ausgiebig und produktiv."

Aber nicht nur technisch muss Renault aufholen: Auch die Boxenstopps sind noch nicht das Gelbe vom Ei. Im Vorjahr lag man in der Boxenstoppstatistik nur auf dem vorletzten Platz, was für eine Werksmannschaft ein blamables Ergebnis ist. Dabei kann Renault in der Formel 1 auf eine glorreiche Geschichte verweisen.

Die bewegte Geschichte des Renault-Teams

Von 1977 bis 1985 war Renault erstmals werksseitig in Formel 1 engagiert. In der Turbo-Ära stieg die fast ausschließlich mit französischen Piloten besetzte Truppe dank des jungen Alain Prost, der heute als Berater fungiert, zum Spitzenteam auf und wurde 1983 Vizeweltmeister. Der "Professor" schrammte knapp an seinem ersten Titel vorbei und trennte sich im Unfrieden - Mechaniker sollen seinen Privatwagen in Brand gesteckt haben. Das Projekt ging vor die Hunde, zwei Jahre später war Schluss.

Die aktuelle Formel-1-Truppe hat aber einen anderen Ursprung: Sie ist nicht aus jenem Werksprojekt hervorgegangen, sondern aus Toleman (bekannt für Ayrton Sennas Formel-1-Debüt 1984). Aus dem Hinterbänkler wurde zunächst Benetton (ab 1986), das mit den ersten WM-Titeln Michael Schumachers sowie durch den streitbaren wie exzentrischen und erfolgreichen Teamchef Flavio Briatore berühmt wurde.

Bislang letzte Sternstunden durch Räikkönen

2002 übernahm Renault an dessen Hauptsitz in Enstone die Geschicke und machte aus der maroden Equipe wieder ein Spitzenteam. Die beiden WM-Titel im Doppelpack durch Fernando Alonso bei den Fahrern und bei den Konstrukteuren (2005 und 2006) waren die Krönung, auch weil sie die Ära Schumacher beendeten. Doch nach Alonsos Abgang und seiner Rückkehr zeigte die Formkurve nach unten.

Der "Crashgate"-Skandal 2008 in Singapur um Briatore, Pat Symonds, Nelson Piquet jun. und einen absichtlichen Unfall tat sein Übriges. Das einstige Weltmeister-Team wurde 2010 von der Investmentgruppe Genii Capital aus Luxemburg übernommen und auf den Namen Lotus getauft, ohne dass eine Verbindung zum einstigen Kontrahenten bestanden hätte. Unter dem Finanzinvestor Gerard Lopez gelang es, den Skandal hinter sich zu lassen und ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Trotz finanzieller Schreckensmeldungen und schmalem Budget wurden wieder Erfolge gefeiert. Kimi Räikkönen glückte 2012 und 2013 je ein Grand-Prix-Sieg. Allerdings war es auch der Finne, der 2013 die finanziellen Nöte des Teams offenbarte, indem er öffentlich mitteilte, dass seine Gehälter nicht bezahlt worden waren. Nach mehreren Seuchenjahren nahmen die Probleme Überhand, und Renault kaufte das Team 2016 zurück - um eine mehrjährige Konsolidierungsphase zu durchlaufen.© Motorsport-Total.com GmbH