Der VfL Bochum folgt nur den üblichen Branchengesetzen. Sechs Spiele, sechs Pleiten - da hat kein Cheftrainer mehr Argumente. Thomas Reis wurde gestern von seinen Aufgaben „anne Castroper“ entbunden und ist jetzt arbeitslos. Die zweite Trainertrennung der Bundesliga-Saison.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
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In solchen Momenten vergisst der Klub zwar nicht, wer die überraschende Rückkehr 2021 ins Oberhaus bewerkstelligt (Reis!) und den ebenso überraschenden Klassenerhalt 2022 geschafft hat (Reis!). Nutzt aber nichts: Der Trainer ist immer das schwächste Glied im Vereinswesen.

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Die zwischenzeitlichen Beteuerungen, dass Verein und Trainer 1A zusammenpassen, klingen dann im Nachhinein hohl. Man will die Krise nicht gemeinsam meistern, sondern lieber einem neuen Mann anvertrauen, von dem man vorher nicht weiß, ob er ebenfalls 1A zum VfL Bochum passt.

Muss das Geschäft so sein? Viele Vereine nennen den SC Freiburg als Vorbild, wo Loyalität erstens einen Namen trägt und zweitens vorgelebt wird. Mit Christian Streich als Trainer ging’s 2015 in die 2. Liga und 2016 zurück in die 1. Liga. Heute ist der SC Freiburg Tabellenzweiter.

Wenn es aber hart auf hart kommt, knicken dieselben Vereine ein und wechseln ihren leitenden Angestellten in der Hoffnung auf eine SOS-Rettung aus. Dankbarkeit: vielleicht irgendwann. Durchhaltevermögen: im Prinzip ja, aber… Langfristplanung: bitte nicht jetzt.

Konkreter zum VfL Bochum. Niemand erwartete, dass der Ruhrpottklub nach elf Jahren 2. Liga und dem Aufstieg 2021 Richtung Champions League marschiert. Mit 47,0 Mio. Euro Marktwert wird die Mannschaft ewig gegen den Abstieg spielen und allenfalls Mittelmaß in der Bundesliga-Mitte erreichen können.

Wer jahrelang nicht an den Bundesliga-Fleischtöpfen hing, braucht eben Zeit und Geduld, um Leistungsschwankungen abzufedern. Ein Rückfall in die 2. Liga: nie ausgeschlossen. Auch der SC Freiburg, siehe oben, drehte eine Extraschleife. Aber geht mit Trainer Streich jetzt ins elfte Jahr.

Ja, zugegeben: Thomas Reis hat im Sommer das Grundvertrauen beim VfL erschüttert, als er selbst zu Schalke abhauen wollte. Aber wenn ein einziger Flirt reicht, dass die komplette Beziehung in die Brüche geht, kann es um die Beziehung nicht so gut bestellt gewesen sein.

Dann hat der VfL Bochum ganz andere Probleme. Dann gehört der Verein in die Reihe von Ingolstadt, Paderborn und Greuther Fürth, die in der ersten Liga mal kurz „Hallo“ sagen, Trainer austauschen und wieder verschwinden. Das ist nicht schlimm. Aber doch enttäuschend.

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Denn zum einen hat der VfL Bochum vorige Saison gezeigt, dass man an guten Tagen Bayern München und Borussia Dortmund schlagen kann, und zum anderen, wie wunderbar euphorisch das Fanlager im Spannungsfeld zwischen Schalke und Dortmund wachsen könnte.

Das gelang mit und vor allem wegen Thomas Reis. Nun ist derjenige weg, der die Träume befeuert hat, und damit der mögliche Streich des Westens. Thomas Reis wird ganz sicher einen neuen Job finden. Aber ob der VfL Bochum nochmals die Kurve kratzt?

Vielleicht hat man am Montag ein bisschen mehr verloren als einen Erfolgstrainer.

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Pit Gottschalk, ist Journalist, Buchautor und Chefredakteur von SPORT1. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit'ch erhalten Sie hier.
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