Bundesliga 1999/2000: Michael Ballacks bitterster Moment und eine Saison voller Dramatik

Das Coronavirus hat auch den Fußball in die Knie gezwungen. Um die Zwangspause etwas angenehmer zu gestalten, widmen wir uns in den nächsten Wochen in einer Serie einigen Klassikern der Bundesligageschichte. Die dritte Folge: Eine Saison voller Dramatik und der bitterste Moment in Michael Ballacks Karriere.

Na, das geht ja gut los. Bayer Leverkusen spielt gegen den MSV Duisburg nur 0:0, während auch der FC Bayern gegen den HSV nicht über ein 2:2 hinauskommt. Die erste Chance, Bayern Punkte abzunehmen, ist schon mal dahin.
Zweiter Spieltag und schon Topspiel: Der amtierende Meister FC Bayern wird von Leverkusen in die Schranken gewiesen. Die Werkself wartet geduldig auf ihre Chancen, bis schließlich Ulf Kirsten (79.) und Oliver Neuville (85.) eiskalt zuschlagen. Bayern rutscht in der Tabelle auf Platz 15. Eine Momentaufnahme, die nicht allzu lange anhalten sollte …
Während sich Bayern und Leverkusen an Spieltag vier zu recht knappen Siegen mühen, geht es zwischen Hansa Rostock und Bundesliga-Neuling SSV Ulm (2:1) so richtig zur Sache. Schiedsrichter Herbert Fandel stellt gleich vier Ulmer vom Platz – und alle Platzverweise sind berechtigt. Rostocks Victor Agali sagt nach dem Abpfiff über die aggressiven Ulmer: "Du musst hier Fußball spielen. Wenn du Rugby spielen willst, musst du Rugby spielen."
Auch der 5. Spieltag der Saison 1999/2000 wird in die Bundesliga-Annalen eingehen. Beim Spiel des FC Bayern bei Eintracht Frankfurt gibt es mehr Dramatik als in so mancher Spielzeit. Kurz vor der Pause wird Stefan Effenberg bei einer Ecke von einem Gegenstand getroffen und spielt dann weiter.
In der 2. Halbzeit hält Oliver Kahn einen Elfmeter, um sich dann nur drei Minuten später bei einem Zusammenprall zu verletzen und ausgewechselt zu werden. Nur sieben Minuten später verdreht sich Ersatzmann Dreher ohne Fremdeinwirkung das Knie und muss ebenfalls raus.
Es schlägt die Stunde von Michael "Tanne" Tarnat (re.). Der Feldspieler geht - ohne mit der Wimper zu zucken - ins Tor und greift zweimal erfolgreich ein. "Ich stand mal in der D-Jugend im Tor", erklärt Tarnat nach dem Spiel. Na dann …
Der FC Bayern kommt nicht so richtig in Schwung und spielt am 7. Spieltag nur 1:1 beim FC Schalke 04. Nachdem Leverkusen am 5. Spieltag mit einem 0:0 bei Hertha die Tabellenspitze erobert hatte, verliert die Bayer-Elf sie am 7. Spieltag auch schon wieder. Die Mannschaft der Stunde ist der BVB. Vor allem Stürmer Giuseppe Reina schießt die Schwarz-Gelben bis zum 8. Spieltag von Sieg zu Sieg.
Am 9. Spieltag geht ein neuer Stern am Bayern-Himmel auf: Der 18 Jahre alte Stürmer Roque Santa Cruz bringt den FCB mit seinem 2. Saison-Tor zum 1:0 beim 1. FC Kaiserslautern auf die Siegerstraße und macht allen klar: Mit ihm ist auch in Zukunft zu rechnen.
Am 10. Spieltag erobert der FC Bayern zum ersten Mal in der Saison die Tabellenspitze und gibt sie auch bis zum 27. Spieltag nicht wieder her. Doch Bayer Leverkusen heftet sich an die Sohlen des Deutschen Meisters. Bis zum Ende der Hinrunde verliert die Werkself kein einziges Spiel. Die überragenden Spieler bei Leverkusen sind der Brasilianer Emerson und Stefan "Paule" Beinlich (Mitte).
Die Rückrunde hat gerade begonnen, da gibt es am 19. Spieltag auch schon das Topspiel zwischen Bayern und Leverkusen. Es wird eine Demonstration bayerischer Überlegenheit. Unglücksrabe Torben Hoffmann leitet mit einem Eigentor einen nie gefährdeten 4:1-Sieg der Bayern ein, Effenberg (45.), Scholl (56./im Bild) und Zickler (90.) besorgen den Rest. Ballacks schönes Freistoß-Tor (65.) kann daran auch nichts ändern.
Leverkusen droht im Titelrennen langsam die Puste auszugehen. Am 21. Spieltag spielt die Daum-Elf nur 1:1 auf Schalke und Bayern setzt sich mit einem 4:1-Sieg über MSV Duisburg mit vier Punkten Vorsprung in der Tabelle ab. Vor allem die Brasilianer Paulo Sergio und Giovane Elber sind kaum zu stoppen.
Exkurs nach Dortmund: Während Bayern und Leverkusen fast im Gleichschritt an der Tabellenspitze voranschreiten, trudelt der BVB fast ungebremst dem Abgrund entgegen. Trainer Michael Skibbe schmeißt bereits Anfang Februar hin, aber auch unter Bernd Krauss läuft es nicht besser. Am 20. Spieltag gegen Ulm verhöhnen die Fans die Spieler und feuern den Gegner an.
Nach dem 25. Spieltag und einer 1:3-Niederlage gegen Bielefeld verkündet Manager Meier, man habe schon mal das Budget für die 2. Liga kalkuliert. Nach dem 29. Spieltag muss auch Krauss gehen. Es übernimmt Trainer-Urgestein Udo Lattek. Als Assistenztrainer an seiner Seite: Matthias Sammer, der ohnehin verletzt ist und nun vom Spieler zum Trainer avanciert.
Der BVB berappelt sich und beendet die Saison auf Platz elf. Der größte Erfolg der Dortmunder: Sie können Matthias Sammer überreden, ab der nächsten Saison das Cheftraineramt zu übernehmen.
Zurück zum Meisterrennen: Am 25. Spieltag beweisen die Leverkusener, dass mit ihnen sehr wohl noch zu rechnen ist. Gegen Ulm gewinnt die Daum-Elf mit 9:1. Es ist der höchste Bayer-Sieg in der Geschichte der Bundesliga. Die Torschützen gegen den bedauernswerten Aufsteiger: Emerson (2), Ze Roberto (2), Paulo Rink, Ulf Kirsten, Oliver Neuville, Michael Ballack und Bernd Schneider.
Am 27. Spieltag dann der erste Wechsel an der Tabellenspitze seit dem 10. Spieltag. Bayern spielt beim VfL Wolfsburg nur 1:1, während sich Leverkusen mit 2:1 bei den Sechzgern von Werner Lorant durchsetzt und plötzlich zwei Punkte vor den Bayern liegt.
Nachdem Bayern am 29. Spieltag zwischenzeitlich noch einmal an der Spitze gestanden war, nimmt am 30. Spieltag der Meisterschaftskampf noch einmal richtig Fahrt auf. Ausgerechnet der ehemalige 1860-Spieler Jens Jeremies sorgt mit seinem Eigentor für eine kuriose und unerwartete 1:2-Derby-Niederlage der Bayern gegen die Löwen. Leverkusen gewinnt mit 4:1 gegen Bielefeld und ist nun wieder vorne.
Bis zum letzten Spieltag gewinnen beide Teams ihre Spiele, die Entscheidung fällt ganz zum Schluss. Leverkusen reicht ein Unentschieden in Unterhaching zur Meisterschaft - oder eine Punktmitnahme der Bremer bei den Bayern.
Die Bayern starten gegen Bremen furios und führen schon nach 16 Minuten, zwei Jancker-Toren und einem Sergio-Treffer mit 3:0. Bremen hat dem nur wenig entgegenzusetzen und am Ende siegt der neue und alte Deutsche Meister mit 3:1. Doch die Münchner wissen, sie brauchen Schützenhilfe von ihrem kleinen Bruder in Unterhaching.
Während in München schon abgepfiffen ist, läuft das Spiel in Unterhaching noch weiter. Am Radio hören die Bayern-Stars mit. Als Leverkusens Niederlage endlich besiegelt ist, brechen in München alle Dämme. Dieses Saisonfinale wird man so schnell nicht mehr vergessen.