Es war richtig wie überfällig, dass Borussia Dortmund Trainer Lucien Favre von seinen Aufgaben entbunden und die dauerhafte Quälerei beim BVB vorzeitig beendet hat. Die Spielerfront stand geschlossen gegen ihn - die Vereinsführung konnte nicht länger wegsehen.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk
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Wenn Mats Hummels von "Schnicksereien" beim Spielaufbau spricht, "die wenig Ertrag bringen", Marco Reus die mangelhafte Verteidigung thematisiert und Emre Can bei seiner Auswechslung die Wasserflasche besser kickt als zuvor den Ball im Spiel, sind die Alarmsignale unübersehbar.

Das ständige Gerede, dass Lucien Favre ein sehr guter Fachmann sein soll, ist genau das: Gerede. Ein Trainer ist nur dann ein guter, wenn die Leistung der Mannschaft permanent und nicht nur phasenweise das Level erreicht, das der Spielerkader eigentlich hergibt.

BVB: Die Messlatte lag zu hoch für Favre

Nach den zwei Heimniederlagen gegen den 1. FC Köln (1:2) und VfB Stuttgart (1:5) hatte Lucien Favre keine Ausrede mehr. Eine Mannschaft, die so bestückt ist wie Borussia Dortmund, muss sogar im Formtief gegen ein Kellerkind der Liga und gegen einen Aufsteiger drei, vier Punkte in Summe holen.

Gelingt das nicht, liegt mehr im Argen und kann nicht dadurch kaschiert werden, dass der Gruppensieg in der Champions League mehr als souverän erreicht wurde. BVB-Geschäftsführer Aki Watzke hat immer und bestimmt darauf hingewiesen, wo die Messlatte in jeder Saison liegt.

Die Messlatte ist: die jährliche Qualifikation für die Champions League. Nur 19 Punkte aus elf Bundesliga-Spielen und damit Platz fünf sind das eine Kriterium, das Watzke beunruhigt hat. Das andere: Das Momentum zeigt nach unten und die Mannschaft keine Entwicklung nach oben.

Lucien Favre holte keinen Titel in zweieinhalb Jahren

Seit dem Frühjahr 2019, als Lucien Favre ohne Not im Meisterschaftsrennen neun Punkte Vorsprung auf Bayern München vergeigte, wollte man sich beim BVB dem Offensichtlichen versperren und zumindest öffentlich nicht zugeben, dass der falsche Trainer in Dortmund arbeitet.

Der gelegentliche Hinweis auf den hervorragenden Punkteschnitt und die zwei Vizemeisterschaften vernebelte den Realitätssinn: Der Rückstand auf den Rekordmeister wurde trotz millionenschwerer Investitionen nicht kleiner. Keinen einzigen Titel holte Favre in zweieinhalb Jahren.

Darum hatte Borussia Dortmund keine Wahl und machte es wie der FC Bayern seinerzeit bei Niko Kovac: Schlussstrich nach dem Debakel. Deshalb wird die Mannschaft nicht sofort auftrumpfen wie die Bayern unter Hansi Flick. Ein "Weiter so!" aber konnte nicht mehr die Lösung sein.

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Pit Gottschalk ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de/.
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