Champions-League-Finale 1999: Die grausamste Niederlage des FC Bayern München

Der FC Bayern München schreibt am 26. Mai 1999 in Barcelona Geschichte - jedoch anders als geplant. 90 Minuten lang sieht der deutsche Vizemeister gegen den Vizemeister aus England, Manchester United, wie der sichere Sieger aus - führt aber aufgrund fahrlässigen Umgangs mit der eigenen Überlegenheit nur mit 1:0. Was dann passiert, hat die Fußballwelt im Rahmen eines Champions-League-Endspiels noch nicht gesehen.

Im schicken Retro-Trikot möchte der FC Bayern München am 26. Mai 1999 im Nou Camp in Barcelona am Ende des Abends als glänzender Sieger dastehen. Im Endspiel der Champions League kommt es zum Wiedersehen mit Manchester United. In der Gruppenphase hat es in den beiden Duellen keinen Sieger gegeben: 2:2 in München und 1:1 in Manchester.
Die Bayern starten perfekt: Nach nur sechs Minuten zirkelt Mario Basler einen Freistoß um die Mauer ins Tor. Der dänische Weltklassekeeper Peter Schmeichel ist gegen den platzierten Schuss chancenlos. In der Folge verpassen es die Bayern aber, ihre Überlegenheit auch in Tore umzumünzen.
Das rächt sich. Die 1:0-Führung der Bayern hält bis in die erste Minute der Nachspielzeit. Dann stochert der eingewechselte Teddy Sheringham, Nummer 10, die Kugel nach einem Eckball ins Gehäuse des deutschen Rekordmeisters.
Sheringham, den Manchester Uniteds Trainer Sir Alex Ferguson in der 67. Minute für den Schweden Jesper Blomqvist ins Spiel gebracht hat, kann sein Glück kaum fassen.
Keine zwei Minuten später geht der Wahnsinn weiter. Wieder im Anschluss an einen Eckball sind die vom Ausgleich noch paralysierten Bayern nicht im Bilde. Diesmal hält Ole Gunnar Solskjaer die Fußspitze hin. Auch der Norweger ist ein Joker von Ferguson und erst seit der 81. Minute anstelle von Andy Cole in der Partie. 2:1 in der dritten Minute der Nachspielzeit!
Für die Spieler des FC Bayern bleibt in diesem surrealen Moment die Zeit stehen. Eben noch haben die Spieler die Siegerehrung vor Augen und den silbernen Henkelpott erstmals seit 1976 schon in der Hand. Nur Augenblicke später sehen sie - wenn überhaupt - nur noch jubelnde Fans des Gegners.
... ebenso wie Manndecker Sammy Kuffour ...
... oder dessen Nebenmann Markus Babbel.
Auch Jens Jeremies will nichts mehr sehen und hören.
Auch Stefan Effenberg, Anführer der Mannschaft und zwei Jahre später deren Kapitän, als sie sich die Champions League gegen den FC Valencia im Elfmeterschießen doch noch holt, blickt fassungslos ins Leere.
Mehmet Scholl, schon mit der Verlierer-Medaille geehrt, geht vielleicht seine Riesenchance zum 2:1 durch den Kopf. Statt des Tores hatte er nur den Pfosten getroffen.
Carsten Jancker geht es ähnlich wie Scholl. Sein Schuss kracht beim Stand von 1:1 gegen die Querlatte des englischen Gehäuses. Thomas Helmer, auf dessen Einsatz Trainer Ottmar Hitzfeld verzichtet hatte, tröstet Jancker. Helmer lässt sich in seinem Frust dazu hinreißen, den doppelten Stinkefinger Richtung Tribüne zu zeigen. Die Geste gilt Hitzfeld. Einen Tag später suspendiert der Helmer, der damit nach sieben Jahren beim FC Bayern München Geschichte ist.
Hitzfeld fällt die Aufgabe zu, seine Spieler wieder aufzubauen. "Das Wichtigste in dieser Situation war, dass wir als Mannschaft zusammenhalten und nicht auseinanderfallen", sagt er 20 Jahre später.
Lothar Matthäus hat Hitzfeld in der 81. Minute um seine Auswechslung gebeten. Thorsten Fink kommt für den Rekord-Nationalspieler aufs Feld. Matthäus kann seine Karriere nicht mit dem Gewinn des Henkelpotts krönen.
Anders Ottmar Hitzfeld: Der Coach hat die Champions League bereits 1997 mit Borussia Dortmund überraschend im Endspiel gegen Juventus Turin gewonnen. Mit der Jahrhundertniederlage gegen Manchester United geht der damals 50-Jährige in einer Größe um, die allen Beobachtern Respekt abnötigt. Hitzfeld macht sich von Neuem auf den Weg zum Titel und wird zwei Jahre danach in Mailand gegen Valencia dafür belohnt.
Dieser Abend aber gehört Manchester United. 1999 ist ihr Jahr. Sie holen das Triple, neben der Champions League auch die Meisterschaft in England und den FA Cup.