Joachim Löw drängt auf einen Generationenwechsel bei der Nationalmannschaft. Doch vielleicht sollte er dabei die Samthandschuhe gegenüber seinen Jungspielern ausziehen.

Pit Gottschalk
Eine Kolumne
von Pit Gottschalk
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Jeder vernünftige Kollege versteht, warum Bundestrainer Joachim Löw sein Artenschutzprogramm für junge Nationalspieler ausgerufen hat. Wären die Platzhirsche Thomas Müller und Mats Hummels in der Nationalmannschaft geblieben und nicht aussortiert worden, könnten sich ihre potenziellen Nachfolger nicht wie gewünscht entfalten - sie wären Mitläufer geblieben.

Und trotzdem sei der Zwischenruf erlaubt: Vielleicht täte denselben Profis, so im Nachhinein betrachtet, ein bisschen Feuer unterm Hintern ganz gut. Konkret ausgedrückt: Wenn Julian Brandt ein Großer werden will, muss er einen Thomas Müller verdrängen können. Mit dem Schlendrian, den man gestern beim Remis gegen die Schweiz sah, wird das auf Dauer nichts.

Keine Ausreden mehr: Wo bleibt der Aufschwung?

Es ist schon kurios: Bei den zwei 1:1-Unentschieden gegen Spanien und die Schweiz setzte die Löw-Truppe ihre traurige Serie fort, dass in der Nations League seit zwei Jahren einfach kein Sieg gelingt. Das ist für eine Mannschaft, die nach dem WM-Debakel von 2018 den Neuanfang wollte, äußerst peinlich. Ihr fehlt offensichtlich der Killer-Instinkt.

Mit Recht darf Löw darauf verweisen, dass erstens wichtige Bayern-Profis fehlten, zweitens ein Neuaufbau erst recht in Corona-Zeiten Geduld verlangt und drittens die Kräfte mit fortlaufender Spielzeit ausgingen. Aber Ilkay Gündogan hat schon recht: Das alles darf keine Ausrede sein. Individuelle Fehler dürfen Spitzenspielern, wenn sie welche sind, nur selten passieren.

Lieber jetzt Strategien überdenken, statt später bereuen

Joachim Löw wird, so viel steht fest, Thomas Müller nicht zurückholen. Er will - auf Teufel komm raus - den Generationswechsel forcieren und, spätestens wenn sein Vertrag 2024 ausläuft, eine Nationalmannschaft mit Zukunft hinterlassen. Dazu gehört aber auch, dass er Spielern, die Aussetzer liefern, einen Denkzettel verpasst. Artenschutz heißt nicht Freifahrtschein.

Löw selbst wird sich die Frage stellen müssen, ob er tatsächlich mit aller Macht die Dreierkette in der Abwehr durchdrücken will, weil's angeblich modern ist, und auf die Viererkette verzichtet. Gute Trainer spielen das, was der Kader hergibt; die Erziehung zu einer Wunsch-Taktik des Trainers ging zu oft schief. Er sollte doch wissen: Artenschutz bekommt er längst nicht mehr.

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Pit Gottschalk ist Journalist und Buchautor. Seinen kostenlosen Fußball-Newsletter Fever Pit’ch erhalten Sie hier: http://newsletter.pitgottschalk.de/.
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