Sonderlinge und Rebellen in Erwachsenen-Animationsserien

Sie sind frech, verpeilt und schwimmen generell gegen den Strom: Jede Animations- oder Zeichentrickserie für ein älteres Publikum hat mindestens einen dieser Spezialfälle. Und genau das macht auch ihren Charme aus - denn süß dreinblickende Figürchen bedeuten schon lange nicht mehr, auf ein faules Mundwerk verzichten zu müssen.

MTV hatte den Rebellen-Startschuss mitbekommen und direkt eine Schippe draufgelegt: "Beavis (r.) & Butt-Head (l.)" (1993-1997, 2011) sind in Deutschland weniger bekannt, in den USA jedoch ein echter Klassiker. Mit derben Sprüchen und bösen Absichten machen die beiden Jugendlichen ihren Mitmenschen das Leben zur Hölle. Und falls es gerade nicht die Schadenfreude tut, schauen sie planlos Fernsehen, essen Nachos und schmieden fruchtlose Pläne, um "zum Stich zu kommen" - ergo: das erste Mal Sex zu haben.
Statt Jungs mit pubertären Witzen veralbert "Big Mouth" (seit 2017) die Pubertät selbst: So verführt das Hormonmonster Maurice (l.) seinen "Schützling" Andrew (r.) zum unaufhörlichen Masturbieren - egal wie unpassend das in vielen Momenten auch sein mag.
Eric Cartman ist sadistisch, rassistisch und in höchstem Maße manipulativ. Doch hinter der Fassade des verwöhnten Bengels versteckt sich auch ein verzweifeltes Kind ohne Vaterfigur und einer willensschwachen Mutter mit regelmäßigen Sexeskapaden. Die Satire-Serie "South Park" erfreut sich seit ihrem Start 1997 immenser Beliebtheit.
Ein Baby, das nichts Geringeres als die Weltherrschaft möchte: Stewie Griffin ("Family Guy") ist ein frühreifes Super-Genie und hat bereits Zeitmaschinen sowie Verkleinerungsapparate gebaut. Von der Erwachsenenwelt wird er aber kaum ernst genommen - vielleicht auch deswegen, weil er trotz aller Genialität immer wieder in kindliche Verhaltensweisen und Denkmuster zurückfällt.
Die Kultserie von Seth MacFarlane bietet neben Stewie eine Fülle weiterer Sonderlinge. Da wäre etwa die Hauptfigur Peter Griffin, ein impulsiver Schafskopf - oder seine von ihm ständig gemobbte, "hässliche" Tochter Meg. Besonders verrückt ist aber Peters Freund und Pilot Glenn Quagmire. Der 61-Jährige hält sich mit Karotten jung, um seine Sexsucht mit ständig wechselnden Frauen ausleben zu können. Bekannt ist er außerdem für seine Catchphrase "Giggity".
Neben "Family Guy" produziert Seth MacFarlane seit 2005 auch die Serie "American Dad": Weil der 1601-jährige Außerirdische Roger (l.) dem Titelhelden und Familienvater Stan Smith (r.) einmal das Leben rettete, darf er seither auf dessen Dachboden wohnen. Von großer Hilfe ist er allerdings nur selten, denn zu seinen größten Hobbies gehören Perücken, Fernsehen und das Einnehmen von Rauschmitteln wie Kokain. In der Originalfassung wird Roger von McFarlane selbst gesprochen.
Auch "Simpsons"-Schöpfer Matt Groening wollte einen kreativen Zweit-Output und schuf 1999 die Science-Fiction-Serie "Futurama". Der Roboter Bender (m.) ist neben Leela (l.) und Fry (r.) Teil eines interplanetaren Lieferdienstes - statt zu arbeiten konsumiert er jedoch lieber Roboter-Pornografie, flucht und versumpft im Glücksspiel. Selbst seine Freunde bestiehlt er regelmäßig.
Seit 2018 zieht Matt Groening außerdem das aktuell beliebte Mittelalter-Fantasy-Genre (z.B. "Game of Thrones") durch den Kakao: "Disenchantment" fantasiert von der Prinzessin Bean (m.), welche als aufmuckende Alkoholikerin mit Hasenzähnen so gar nicht ihrem Standesklischee entspricht. Ihr persönlicher Dämon Luci (l.) versucht ihr Leben zusätzlich ins Dunkel zu stürzen - auch wenn sich allmählich eine Freundschaft entwickelt. Und, wie soll es anders für den Vorzeige-Querkopf der Serie sein, ist Luci Raucher und Trinker.
"Aqua Teen Hunger Force" (2000-2015) begleitet den Alltag von drei zusammen lebenden Fast Food-Gegenständen: Die intelligente Pommes-Box Frylock (r.), der einfältige Formwandler-Fleischklops Meatwad (m.) und der egoistische und krankhaft lügende Milchshake namens Master Shake (l.). Gemeinsam erleben sie die verrücktesten Abenteuer im Vorort New Jerseys, wobei am Ende jeder Folge meistens einer das Zeitliche segnet - und in der nächsten Folge ohne Erklärung wieder mit dabei ist.
Wer aber glaubt, noch skurriler als sprechendes Fast Food geht es nicht, der ist bisher wohl noch nicht in den Genuss von "Robot Chicken" (seit 2005) gekommen. Per Stop-Motion-Technik werden Action-Figuren wie Batman oder Darth Vader für schwarzen Humor und groteske Popkultur-Satire zum Leben erweckt. Sonderling ist hier quasi jeder Zweite: Vom verrückten und bösen Wissenschaftler Fritz Huhnmörder zum Cyborg-Huhn mit rotem Laser-Auge.
Wie auch "Robot Chicken" kommt "Rick & Morty" aus dem Hause des Senders "adult swim" - und auch hier geht es um einen Wissenschaftler mit Sprung in der Schüssel. An Ricks (r.) Seite bei Abenteuern durch Universen und Dimensionen steht Neffe Morty (l.), welcher von seinem egoistischen Großvater-Genie regelmäßig größten Gefahren ausgesetzt wird. Und wie soll es anders sein: Rick ist rülpsender Alkoholiker.
Der verrückte Wissenschaftler im Erwachsenen-Zeichentrick ist schon lange zur Trope geworden: Vertreter des Fachs in "The Venture Bros" (seit 2003) ist Dr. Thaddeus Venture - ein apathischer Pillen-Junkie mit fragwürdigen Moralvorstellungen. Doch der wahre Rebell der Serie ist sein Bodyguard Brock Samson (r.). Sein Spitzname "Schwedische Mördermaschine" sagt schon alles: Der brutale Messer-schwingende Sadist liebt seinen Job und die damit verbundene "Lizenz zum Töten".
"Brickleberry" (2012-2015) zeigt den Alltag unfähiger Parkaufseher im gleichnamigen fiktiven Nationalpark. Der eine hat Angst vor Ungeziefer und so ziemlich allen anderen Waldlebewesen - die andere spricht mit ihrer Vagina. Doch das Beste: Ein sprechender Bär-Teenager namens Malloy, der von einem der Ranger aufgenommen wird, nachdem dieser seine Eltern umgefahren hat. Der vulgäre, sexistische, rassistische (you name it) Narzisst liebt es, die Mannschaft seines Ziehvaters zu sabotieren.
Der spirituelle Nachfolger: Von den "Brickleberry"-Schöpfern läuft seit 2018 die Serie "Paradise PD" auf Netflix. Diesmal bekommen Polizisten ihr Fett weg - und auch hier überschlägt sich die Absurdität der Figuren. Ganz vorne mit dabei: Der Drogen-Spürhund Bullet mit Drogenabhängigkeit. Und einem Menschenfetisch (2.v.l.). Auch eine Crossover-Folge der beiden Serien gab es bereits.
Der japanische Anime "Aggretsuko" (seit 2016) treibt den beliebten Gegensatz von süßen Cartoon-Bildern mit frivolen Inhalten ins Extrem: Untertags lässt sich die introvertierte Feuerfuchs-Dame Retsuko von ihren Kollegen im langweiligen Bürojob herumschubsen - doch Abends wird der gesammelte Frust mit Death-Metal-Gesang auf der Karaoke-Bühne rausgelassen.
Weniger süß, mehr (Death-)Metal: In "Metalocalypse" (2006-2012) erfreut sich die fiktive Band "Dethklok" einer riesigen kultähnlichen Gefolgschaft. Der Opfertod von Fans oder das Morden von Staatslenkern ist keine Seltenheit. Und als siebtgrößter "Konzern" der Welt inklusive eigener Polizei bleiben sie auch noch unbestraft. Mit schwarzem Humor wird die Metal-Gemeinde zugleich parodiert und ihr gehuldigt. Das kam so gut an, dass der Serienschöpfer und Songschreiber Brendon Small direkt auch selbst mit der "Dethklok"-Musik auf Tour ging - zum Glück aber ohne Tote.
Dagegen scheinen die regelmäßigen Nervenzusammenbrüche des Familienvaters Frank (r.) in der Midlife-Crisis beinahe zu normal. Eines ist dennoch klar: Der stets griesgrämige und Schimpfwörter schwingende Vietnam-Veteran passt genauso wenig in seine kleine Welt der 1970er Jahre wie all die anderen Serien-Sonderlinge. "F is for Family" läuft seit 2015 auf Netflix.
Für den ehemaligen Fernsehstar "BoJack Horseman" (r.) der gleichnamigen Serie (2014-2020) ist aus der Midlife-Crisis dagegen bereits eine regelrechte Depression erwachsen. Das menschliche Pferd versucht, mehr schlecht als recht, mit dem Fakt klar zu kommen, seinen Hollywood-Zenit überschritten zu haben. Die Netflix-Serie erfreut sich aufgrund einer gelungenen Mischung aus abstruser Comedy und authentischer Darstellung der psychischen Krankheit großer Beliebtheit.
Mit "Suicide Squad" (2016) und "Birds of Prey" (2020) wurde die Superschurkin Harley Quinn (l.) einem großen Kino-Publikum bekannt. Doch seit 2019 kann man den frechen Bösewicht auch in der Animationsserie "Harley Quinn" über die heimischen Bildschirme bei Abenteuern begleiten. Kritiker loben die kompromisslose Härte und das zackig-charmante Temperament der Antiheldin in einer ausgeklügelten Emanzipationsgeschichte.
"Archer" nimmt seit 2009 Geheimagenten-Streifen wie "James Bond" aufs Korn. Unter der Führung seiner herrischen Mutter Malory ist Sterling Archer (r.) Teil des fiktiven Geheimdienstes ISIS. Das Problem: Er weiß um seinen enormen Wert als Top-Agent - und lässt es sich lieber erst mit kostenlosen Weltreisen und schmachtenden Frauen gut gehen, statt konzentriert Befehle auszuführen. Und ja: Auch hier gibt es den obligatorischen verrückten Wissenschaftler - diesmal ein potentieller Hitler-Klon mit Roboter-Sexfantasien.