Bei Horst Lichter spukt es! Kuriosität bei "Bares für Rares"

Ein ganzes Orchester in einem Klavier-Gehäuse - so lässt sich ein Orchestrion beschreiben. Zumindest theoretisch. In der Praxis verursachte das ebenso dekorative wie verstimmte Verkaufsobjekt am 3. Januar bei "Bares für Rares" einen Höllenlärm, bei dem Horst Lichter und den Händlern die Gesichtszüge entgleisten. Zumal das Objekt wie von Geisterhand selbst Geräusche machte. Außen hui, innen Krach - ist die Kuriosität trotzdem verkaufbar?

"Wie kommst du an so ein Gerät?", fragte Horst Lichter. Jörg Gehrke, Immobilienmakler aus Clausthal-Zellerfeld hatte vor drei Jahren ein Haus gekauft. "Da stand das drin", erklärte der 53-Jährige. Die Verkäuferin hatte es 50 Jahre lang im Wohnzimmer stehen.
Horst Lichter war sich sicher, dass das "extrem dekorative Teil" Kaufinteressenten finden würde. Wie von Geisterhand machte es genau in dem Moment laut "Kling!" Lichter rutschte das Herz in die Hose: "Es lebt! Mein lieber Mann, was war das denn jetzt?"
Experte Detlev Kümmel erklärt: "Die Feder hat gerade gezeigt, dass sie funktioniert." Lichter, unter den Nachwirkungen des Spuks erschaudernd, war baff: "Alter!" Als er seine Contenance wiedererlangte, fragte er: "Was hat deine Frau dazu gesagt?" Darauf Jörg Gehrke: "Ich habe Gottseidank keine Frau mehr." Charmant geht anders.
"Ein selbstspielendes Musikinstrument", diagnostizierte Lichter. "Ein Orchestrion", präzisierte Kümmel. "Da drin ist eine Holzwalze mit Stiften, das kennen wir von Walzenspieluhren. Die dreht sich und nimmt die einzelnen Hebel mit, dann schlagen die Klöppel auf die Tonfedern." Auf 1890 bis 1900 datierte der Experte das gute Stück.
"War mal in einer Kneipe", vermutete Lichter, als er den Münzschlitz entdeckte. "Beziehungsweise in einem Salon, denn es war etwas Feineres", korrigierte Detlev Kümmel. Lichter wollte das Orchester hören. Der Verkäufer hatte ein 20 Cent-Stück dabei. Stilecht wären 25 Centimes gewesen, denn das Gerät war in Brüssel für den französischen Markt gebaut worden.
Kaum angekurbelt, machte die Maschine einen Höllenlärm. Vorher Spuk, nun disharmonische Gruselfilm-Musik - Lichter zuckte zusammen, als hätte er ein Gespenst gesehen. "Kann man das abstellen?", erkundigte er sich mit gequälter Miene. "Ja, hier ist eine Bremse", wusste der Verkäufer. "Die beste Erfindung an dem Gerät", fand Lichter. "Sach mal!"
700 bis 1.000 Euro erhoffte sich Jörg Gehrke für die Drehleier des Grauens. Da das Orchestrion überarbeitungsbedürftig war, taxierte Detlev Kümmel seinen Wert auf 1.500 bis 1.800 Euro. In tadellosem Zustand wären bis zu 3.000 Euro drin gewesen. Doch würden die Händler für Lärm bezahlen wollen?
Fabian Kahl drehte am Rad - vergeblich. "Wollen Sie uns ein bisschen helfen?", fragte Julian Schmitz-Avila. "Bevor wir es kaputt machen", ergänzte Kahl. Jörg Gehrke kannte den Trick. Als das akustische Kuhglocken-Zombie-Inferno ertönte, erschraken die Händler. "Reicht das?", erkundigte sich Gehrke. Alle waren sich einig. "Das ist wie im Gruselkabinett", sagte Susanne Steiger.
Ein "imposantes Instrument", fand Julian Schmitz-Avila. Ein Folterinstrument für die Ohren auf alle Fälle. "Das muss gestimmt werden", urteilte Susanne Steiger. 500 Euro bot Fabian Kahl. "Wo ist denn ihre Schmerzgrenze?", wollten die Händler wissen. Ihre akustische Schmerzgrenze war bereits erreicht. "Bisschen höher", verriet Gehrke.
600 Euro bot Walter Lehnertz. Esther Ollick wollte wissen, wie viele Stücke das Orchestrion drauf hat. "Eigentlich ein Stück nur", musste der Verkäufer zugeben. Wie lange das Lied sei? "Ich habe es noch nie ganz angehört, um das zu wollen ist es zu verstimmt", war Jörg Gehrke ehrlich. "Es ist halt selten - 650 Euro", schlug Fabian vor.
"Wenn er noch 50 drauflegt, habe ich meine Schmerzgrenze erreicht", sagte der Verkäufer. Kahl war einverstanden. Außer Hörweite gab Gehrke zu: "Es stand mir im Weg, und ich kann die 700 Euro besser gebrauchen als das schwere Gerät wieder nach Hause zu fahren. Ich hätte auch für 650 verkauft, aber das muss ich ja nicht sagen."
Und sonst? Die Templinerin Sylweli Storck brachte Rosenthal-Porzellanfiguren aus den 20er-Jahren mit. 200 Euro wollte sie, an bis zu 380 Euro glaubte die Expertise. Am Ende zahlte Esther Ollick 370 Euro für die Figuren.
Dieses leicht beschädigtes Ölgemälde eines Mädchens von Adolph Diedrich Kindermann (1823 - 1892) ersteigerte Julian Schmitz-Avila für 320 Euro. Die Verkäufer des Stücks aus Trendelburg hatte eigentlich auf die dreifache Summe gehofft.
Die Schmerzgrenze von Verkäufer Matthias Arnold bei der Fliegeruhr seines Opas: 1.800 Euro. Experte Sven Deutschmanek sah sie sogar bei 3.800 bis 4.000 Euro. "Ich bin von den Socken", staunte Arnold. Fabian Kahl kaufte die Uhr aus dem Jahr 1942 schließlich für 3.000 Euro.
"Ach, Seefahrer unterwegs!", begrüßte Horst Lichter die Rheinland-Pfälzer Harry Schaper und Sinah Behne. Stiefvater und Stieftochter hatten ein antikes Teleskop-Fernrohr aus England im Schlepptau. Walter Lehnertz kaufte es exakt für den Wunschpreis der Verkäufer: 150 Euro.