Nach einem Vierteljahrhundert moderierte Günther Jauch ein allerletztes Mal seinen traditionellen Jahresrückblick "Menschen, Bilder, Emotionen". Noch einmal widmete sich der 65-Jährige den bewegendsten und außergewöhnlichsten Geschichten des Jahres – etwa der gewaltigen Flutkatastrophe im vergangenen Sommer. Auch die bizarre Geschichte von Bushido, der derzeit den Geläuterten gibt, griff der 65-Jährige auf. Am Ende gab’s feuchte Augen.

Robert Penz
Eine Kritik
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"Menschen, Bilder, Emotionen", der große Jahresrückblick von "RTL", war in diesem Jahr durchaus etwas Besonderes. Dem Format, das am Sonntagabend 25-jähriges Jubiläum feierte und live aus Hürth gesendet wurde, kommt nämlich sein Moderator abhanden. Günther Jauch mag nicht mehr. Mehr als ein Vierteljahrhundert führte er durch die Sendung, um alljährlich die relevantesten, emotionalsten und außergewöhnlichsten Ereignisse und Geschichten des Jahres Revue passieren zu lassen. Vom Studiopublikum gab’s gleich zu Beginn mal stehende Ovationen.

Flut im Ahrtal: "Das hat die Welt noch nicht gesehen"

Doch zunächst drehte sich alles um Hanna Schmitt, Sebastian Tetzlaff und Jürgen Hoppe und deren Schicksale in Deutschlands Jahrhundertflut, die im Juli 2021 rund 200 Menschen das Leben kostete und Sachschäden in Milliardenhöhe verursachte.

Obwohl Sebastian Tezlaff aus Dernau sein Haus in den gewaltigen Fluten verloren hat, nach wie vor in einem Wohnwagen lebt und obendrein mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen hat, hilft er auch heute noch anderen, wo er kann. Tezlaff filmte im Sommer das Grauen damals mit seinem Handy: "Das hat die Welt noch nicht gesehen, das ist unfassbar", kommentierte er damals die Flut, die auch sein Haus erreichte.

Seine Schwiegermutter verstarb damals. "Die braune Suppe lief in unseren Keller, der Strom fiel aus und die Fenster knallten", schilderte wiederum Hanna Schmitt, deren Heimatstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler ebenso eine riesige Welle erreicht hatte. Sie rettete sich auf ein Kita-Dach und wartete dort elf Stunden auf Hilfe, ehe Rettungstaucher sie in Sicherheit bringen konnten..

Vater zum Sohn: "Ja, wir werden sterben"

"Papa, wir werden sterben." Diese traurigen Worte musste Jürgen Hoppe von seinem Sohn vernehmen, während der Dachstuhl über ihnen zusammenbrach. Noch heute steht der Familienvater, der bei "Menschen, Bilder Emotionen" zu Gast war, deutlich unter dem Eindruck der Erlebnisse jener Nacht im Juli.

"Ja, wir werden sterben. Lasst uns alle nochmal in den Armen nehmen", gab Hoppe Sohn und Lebensgefährtin zur Antwort. Sekunden später trieben sie auf Teilen ihres Hauses die Ahr runter. Doch die Familie hatte unfassbares Glück: 300 Meter weiter konnte sie sich in ein Haus retten. "Es war so eine Dramatik, da fehlen mir noch heute die Worte, das zu beschreiben", schilderte Hoppe. Er und seine Familie sind gerade dabei, ihr Haus neu aufzubauen.

"2021! Menschen, Bilder, Emotionen": Ahrtal statt Ibiza – Helferin packt nach Flut mit an

Der Jahrhundertflut folgte in Deutschland eine gewaltige Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Unzählige Menschen spendeten Geld und Hilfsgüter, viele halfen direkt vor Ort.

Auch Anabel Seemann. Die 32-Jährige stand damals kurz vor einem Flug nach Ibiza. Die Koffer waren längst gepackt, als ihr die News über die Katastrophe zugetragen wurden, die sie spontan umdisponieren und in die Gummistiefel springen ließen. Statt auf die Insel zu fliegen, machte sich Seemann nach Rech im Ahrtal zum Hilfseinsatz auf. Sie half etwa dabei, rund 100.000 Flaschen Wein – die Existenzgrundlage eines Winzers – aus dem Schlamm zu ziehen.

Nach dem Wahnsinn gründete sie die Aktion "Flutwein", um den Wein mittels ihres Instagram-Accounts zu verkaufen. Das Geld ging natürlich an die Betroffenen. "Egal, was du tust – einfach da zu sein, bedeutet den Menschen schon alles", so die hilfsbereite 32-Jährige, für die Rech heute eine zweite Heimat ist.

Bushido – vom Saulus zum Paulus

Bushido im Gespräch mit Günther Jauch.

Schenkt man Rapper Bushido Glauben, so ist auch er seit geraumer Zeit dabei, neu durchzustarten. Der 43-Jährige, der jahrelang mit sexistischen und schwulenfeindlichen Lyrics sowie einer juvenilen Gangster-Attitüde regelmäßig unangenehm aufgefallen war, nahm am Sonntagabend an Jauchs Seite Platz. Wollte er früher noch den Staat "ficken", gab Bushido bei "Menschen, Bilder, Emotionen" nun den Geläuterten.

Er berichtete über seine Metamorphose vom Saulus zum Paulus, vom Wandel vom knallharten Gangsterrapper zum liebenden Familienoberhaupt. "Vieles, was ich im Leben gemacht habe, war falsch. Aber ich versuche mich zu ändern – für mich, aber vor allem für meine Familie", so der Musiker und achtfach Bekindete, der laut eigenen Aussagen über 100 Mal auf den Malediven gewesen und nicht selten mit einer knappen Million Euro in bar herumgelaufen sei.

Bushido: Gangster Rapper nur noch Faschingskostüm

"Ich war ein sehr unangenehmer Mensch, extrem launisch, sehr cholerisch und obendrein ungerecht. Hab mich im Endeffekt sehr asozial benommen", gestand der Rapper obendrein. Auch in Steuerhinterziehung, Versicherungsbetrug sowie in die Machenschaften des Abou-Chaker-Clans war Bushido verwickelt, weswegen er noch heute unter Polizeischutz stehen muss. "Und wer zahlt den?", wollte Jauch vom Geläuterten wissen.

"Das wird von Steuergeldern bezahlt, aber ich zahle seit einigen Jahren auch alles an Steuern, was von mir verlangt wird", rechtfertigte sich der 43-Jährige. "Donnerwetter!", übte sich Jauch in Ironie.

Am 11. November wurden Bushido und seine Ehefrau Anna-Maria Ferchichi, die sich 2014 vorübergehend vom berühmten, aber auch handgreiflichen Mann getrennt hatte, Eltern von Drillingen. Den Gangster-Rapper von damals würde er heute lediglich ab und an "wie ein Faschingskostüm" aus dem Schrank nehmen, so Bushido.

Seine letzter Jahresrückblick: Aufregendste Sendung für Jauch

Boris Becker (l.) und Alexander Zverev im Gespräch mit Moderator Günther Jauch (r.).

Zahlreiche Rückblicke und Zusammenschnitte erinnerten im gut dreieinhalb Stunden dauernden Format auch an die Highlights vergangener Sendungen. Jauch selbst natürlich ebenso immer wieder Thema. Während etwa Gregor Gysi und Barbara Schöneberger direkt in der Show anriefen, überraschten Thomas Gottschalk und Oliver Pocher den 65-Jährigen live im Studio. Tennis-Olympiasieger Alexander Zverev schenkte dem Moderator sogar jenen Schläger, mit dem er in diesem Jahr in Tokio die olympische Goldmedaille gewonnen hatte.

Verabschiedet wurde Jauch schließlich mit einem eigens für ihn gedichteten und mäßig originellen "Jauch-Song", den Rapper Eko Fresh darbot und dessen Lyrics er mit alten Jauch-Zitaten anreicherte. "Es war immer die Sendung, vor der ich am meisten aufgeregt war", gestand Jauch am Ende seines letzten Jahresrückblicks. Es war ein Abschied mit leicht feuchten Augen. "Ich bin ja nicht aus der Welt", tröstete der Moderator seine Fans. Die TV-Institution wird bekanntlich immerhin "Wer wird Millionär?" bei RTL weiter moderieren.