Der Film "Lang lebe die Königin" ist eine Hommage an die verstorbene Hannelore Elsner. Eine Tragikomödie mit Iris Berben, Hannelore Hoger, Eva Mattes, Gisela Schneeberger und Judy Winter. Das muss man gesehen haben. Oder?

Eine Kritik
von Iris Alanyali

In einer Szene des Films liegt Hannelore Elsner im Krankenhaus. "Die Königin ist tot", sagt sie unter Tränen zu ihrer Filmtochter, "lang lebe die Königin!" Dann legt sie sich zurück in ihr Kissen und stirbt.

Hannelore Elsners letzte Szene

Es ist die schönste Szene des Films. Und es ist unmöglich, sie von der Realität zu trennen: Es sollte die letzte Szene gewesen sein, die die Schauspielerin vor ihrem Tod gedreht hat. Hannelore Elsner starb vor einem Jahr im Alter von 76 Jahren an Krebs.

"Lang lebe die Königin" erzählt die Geschichte von der krebskranken Rose Just (Elsner), die eine Spenderniere benötigt. Dass Rose stirbt, ist von Anfang an klar, wir verraten nicht zu viel.

Rose ist "schon ein seltenes Miststück", wie ihr gutmütiger Lebensgefährte Werner (Günther Maria Halmer) zugibt. Ihre Tochter Nina (Marlene Morreis) nennt sie eine "Alltagssadistin". Da Nina als Moderatorin bei einem Münchner Shoppingkanal arbeitet und mit einem enthusiastischen Dauerlächeln Boxsäcke (29,99 Euro) und rotierende Hula-Stühle (389,99 Euro) verkauft, ist sie für Rose ein leichtes Ziel.

Ihr Leben lang hat Nina unter den Bosheiten ihrer Mutter gelitten – jetzt will sie ihr keine Niere spenden. Von der Situation überrumpelt, erfindet die Tochter schnell eine Lüge: Sie sei schwanger.

Nina lebt in einer halbgeheimen Beziehung zu ihrem Chef. Gerade hat sie sich in einen Automechaniker verliebt. Und jetzt muss sie sich mit einer sterbenden Mutter, einem Kissen vorm Bauch und Polster am Busen herumschlagen. Es ergeben sich die Komplikationen, wegen derer sich der Film "Tragikomödie" nennt.

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Fünf berühmte Schauspielerinnen sprangen für Elsner ein

Aber reden wir von den Komplikationen, die dazu geführt haben, dass fünf von Deutschlands berühmtesten Schauspielerinnen für Hannelore Elsner bei "Lang lebe die Königin" einsprangen.
Vier Tage vor Drehschluss musste Hannelore Elsner im April 2019 die Arbeit abbrechen. Erst meldete sie sich einen Tag krank, dann noch einen, dann zwei Wochen.

Und dann kam die Nachricht: Hannelore Elsner erlag am 21. April in einem Münchner Krankenhaus ihrer Krebserkrankung. Den Film unvollendet zu lassen, sei nicht in Frage gekommen, erklärt Claudia Simionescu von der zuständigen Redaktion des Bayerischen Rundfunks:

"Hannelore Elsner hat ihre letzten Szenen so eindrücklich gespielt, als hätte sich das gespielte Leben plötzlich mit dem wirklichen überlagert. Den Film abzubrechen, war daher keine Option." Eine andere Schauspielerin zu nehmen ging wohl auch nicht – Darsteller auszutauschen, das kann man vielleicht bei Fernsehserien wie "Game of Thrones" oder "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" machen - aber doch nicht wegen einer toten Hannelore Elsner.

"Lang lebe die Königin" wird zur Hommage

Man hätte vielleicht das Drehbuch umschreiben können. Stattdessen kam Autorin Gerlinde Wolf auf die Idee, für die fünf fehlenden Szenen fünf Kolleginnen zu fragen – das sieht dann aus wie Kunst, und man kann es "Hommage" nennen. Iris Berben, Hannelore Hoger, Eva Mattes, Gisela Schneeberger und Judy Winter sagten zu.

Die fehlenden Szenen aber decken sich natürlich nicht mit den letzten Lebensminuten der Rose Just. Stattdessen steigt Hannelore Elsner in ein Auto ein, und Gisela Schneeberger steigt aus dem Auto heraus. Elsner sitzt am Geburtstagstisch, aber die Geschenke packt Iris Berben aus. Mal streitet sich Eva Mattes mit dem armen Werner, mal Judy Winter. Mal klagt Nina ihre Filmmutter Hannelore Elsner an, mal kriegt sie Hannelore Hogers wenig mütterliche Egozentrik zu spüren.

Jede dieser großen Filmdiven bringt ihr Eigenes mit in die Rolle – und die Figur der Rose zersplittert. Anstatt an Hannelore Elsner wird der Zuschauer nur mit dem Holzhammer daran erinnert, dass Filme nie in chronologischer Reihenfolge gedreht werden.

Was würden wir nicht dafür geben, die sechs Frauen gemeinsam in einem Film zu sehen. Und was hätten wir dafür gegeben, sie nicht in diesem Film sehen zu müssen.

Ein Flickenteppich von einem Film

Nach Roses Tod läuft dann noch sehr symbolisch eine Katze über den Hof. Ist das jetzt auch Hommage? Berühmte Schauspieler, die Katzen spielen – das hat ja neulich in der Kinoversion von "Cats" so hervorragend geklappt, hätte hier umgekehrt bestimmt auch ganz toll funktioniert.

Es lässt sich bei allem Respekt vor der Verstorbenen einfach nicht länger verschweigen: "Lang lebe die Königin" ist ein Desaster. Ein Flickenteppich von einem Film, dessen Szenen so überzeugend zusammengefügt wurden, als hätte man die Arbeit betrunkenen Handarbeitslehrern überlassen.

Die Figuren bekommen keine Geschichte, sie bekommen nur Worte in den Mund gelegt. Rose ist böse, weil sie böse Sachen sagt – warum sie so ist, ob sie mal anders war: keine Ahnung.

Niemand und nichts darf sich entwickeln, und deshalb kann man bei nichts und niemandem mitfühlen. Im Vergleich zu der Liebesgeschichte, durch die Nina und ihr Automechaniker gezerrt werden, wirkt der Handlungsstrang jeder Vorabendsoap wie ein Shakespeare-Drama.

Songtexte wirken wie ein ironischer Kommentar

Und dann die Musik, mit der der Film unterlegt ist – Nat-King-Cole-Swing und Motown von den Supremes, alles auf Deutsch, was charmant und aufheiternd sein soll. Aber wenn die Tragik fehlt, wirkt der Trost nur peinlich: Angesichts der ungewollt albernen Geschichte drängen sich die Songtexte mühelos in den Vordergrund und wirken wie ein ironischer Kommentar.
Apropos Musik – ein Gutes hat "Lang lebe die Königin" doch: Für Rose wird Cole Porters wunderschöner Song "Miss Otis Regrets" gespielt. Und das bringt uns auf eine Idee: Fernseher ausmachen. Brian Ferry "Miss Otis" singen lassen. An Hannelore Elsner denken.

"Miss Otis regrets /she’s unable to lunch today/ She is sorry to be delayed/ But last evening down in Lover’s Lane she strayed..." So geht Hommage.