(tma) - Nach der Jubiläumsfolge des Münsteraner "Tatort" - "Das Wunder von Wolbeck" wurde harsche Kritik laut, der Film sei mehr Klamauk als Krimi gewesen, und die Autoren mit der sehr skurrilen Handlung deutlich über das Ziel hinausgeschossen.

Dabei zählen die Münsteraner "Tatorte" zu den beliebtesten der Reihe. Mit inzwischen 21 Fällen kommt das schräge Team regelmäßig auf mehr als zehn Millionen Zuschauer, die umstrittene 851. "Tatort" Folge schalteten sogar rund 12 Millionen Krimifans ein. Das ist der höchste Wert für einen "Tatort" seit 1993. Damit sind Thiel und Boerne Deutschlands beliebteste Ermittler.

Aber was macht eigentlich den Erfolg des schrulligen Duos aus?

Die ungewöhnliche Erzählweise

Eine Besonderheit der Münsteraner "Tatorte" ist zum Beispiel das Konzept der permanenten Gegenwart. Jede Folge beginnt unter ähnlichen Bedingungen, so ist zum Beispiel der Sohn von Kommissar Thiel immer zwölf Jahre alt, sowohl in der ersten Folge 2002 als auch in "Wolfsstunde" sechs Jahre später. Auch die Kommissaranwärterin Nadeshda bleibt auch nach zehnjähriger Dienstzeit Anwärterin - wer also ein paar Fälle verpasst hat, findet sich leicht wieder in die Figurenkonstellation ein.

Wenige, dafür gut gezeichnete Figuren

Einen weiteren Erfolgsfaktor des Münster-Teams stellt die Zusammensetzung der Figuren dar. Im Gegensatz zun anderen "Tatorten" gibt es ein überschaubares Kontingent an Nebenfiguren, die auch in fast jeder Folge dabei sind: Silke "Alberich" Haller, Boernes Assistentin, Kommissaranwärterin Nadeshda Krusenstern, Staatsanwältin Wilhelmine Klemm und Herbert Thiel, Taxifahrer und Frank Thiels Vater.

Ansonsten findet eine starke Fokussierung auf die Hauptfiguren statt. Das macht es dem Zuschauer leicht, sich zu orientieren und lässt viel Spielraum, die Beziehungen der Figuren untereinander auszuarbeiten. Hohes Identifikationspotenzial für alle gesellschaftlichen Schichten bieten hierbei die Hauptrollen, indem der eine bourgeoise Lebensart und intellektuelles Geprotze propagiert und der andere den bodenständigen Arbeiter gibt.

Spritzige Dialoge und das „Prinzip Männer-WG“

Wenn es um verbalen Schlagabtausch geht, macht dem Münsteraner "Tatort" so leicht keiner was vor. Thiel und Boerne liefern sich immer wieder Wortgefechte, die einen Sitcom-artigen Charakter haben, und oft den Eindruck vermitteln, man habe es mit einem alten Ehepaar zu tun. Die Tatsache, dass die beiden Tür an Tür wohnen, verstärkt diesen Eindruck noch, liefert die Nachbarschaft doch auch wieder Anlass zu jeder Menge Zankereien. So wie in der Folge "Der Fluch der Mumie", in der der Hauptkommissar und der Gerichtsmediziner sich ein Badezimmer teilen müssen, weil die Wasserleitungen defekt sind. Hier greift das „Prinzip Männer WG“ – das hat auch schon „Two and a Half Men“ zu einer der erfolgreichsten Serien gemacht.

Der Humor

Auch wenn in der Jubiläumsfolge in Sachen Humor etwas zu dick aufgetragen wurde, ist der komödiantische Charakter der Folgen ein nicht unwesentlicher Grund für die Beliebtheit des gegensätzlichen Paares aus Westfalen. Statt kruder Sozialdramen werden skurrile Fälle behandelt, mit einer ordentlichen Prise Humor ausgestattet. Slapstick-artige Nebenhandlungen wie eine beweismittelfressende Ziege, der ewige Clinch zwischen dem ständig bekifften Alt-Hippie Herbert und seinem Polizisten-Sohn oder ein völlig lahmgelegter Professor mit zwei gebrochenen Armen bestimmen die Handlung.

Die Darsteller

Mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl haben die Produzenten die Idealbesetzung gefunden, schließlich sind beide bekannt und beliebt aus Film und Fernsehen. Nicht nur das, die Hauptdarsteller des Münsteraner "Tatorts" harmonieren auch prächtig miteinander, was unter anderem daran liegen mag, dass sie sich auch privat bestens verstehen.

Axel Prahl sagte im Interview dazu: "Der Jan ist Musiker, ich bin Musiker, und schon deshalb verstehen wir uns fantastisch. Wir haben einen sehr ähnlich gelagerten Humor mit einer ordentlichen Portion Selbstironie. Das ist schon eine Superkonstellation."

Die provinzielle Umgebung

Eine weitere Besonderheit ist, dass zum ersten Mal in der Geschichte des "Tatort" keine Metropole als Austragungsort der Verbrechen gewählt wurde, sondern die kleine Stadt Münster, in der Fahrraddiebstahl die wohl häufigste kriminelle Handlung ist.

Viele Szenen spielen in bäuerlichem Ambiente. Das hat sich in den vergangenen Jahren als Trend unter den Krimifans herauskristallisiert. Im Gegensatz zu den 1990er Jahren, als der gnadenlose Asphalt-Dschungel der Großstädte als beliebtes Krimi-Milieu galt, setzt man jetzt vermehrt auf den Bruch mit ländlicher Idylle und den Blick auf die Grausamkeiten, die dahinter liegen. So erfreute sich auch "Der Bulle von Tölz" großer Beliebtheit, und Alpenkrimis wie "Milchblut" sind von den Bestseller Listen nicht mehr wegzudenken.

Im nächsten "Tatort" wird es wieder ernster zugehen, am Sonntag,2. Dezember ermitteln Eva Saalfeld und Andreas Keppler alias Simone Thomalla und Martin Wuttke in Halle.