Die Donaustadt Wien von ihrer brutalsten Seite: Eine bulgarische Ex-Prostituierte wurde am helllichten Tag Opfer eines fürchterlichen Brandanschlags – ausgeführt von einem Jungen, der dem Sonderermittler Eisner (Harald Krassnitzer) wortlos einen Zettel vor die Nase hielt: "Ich bin Ivo. Ich bin zwölf Jahre alt. Im Sinn § 74 StGB ist unmündig. Darf nicht strafen."

Im vergangenen März ballerte sich Til Schweiger durch seinen ersten "Tatort". In "Willkommen in Hamburg" spielte der Schauspieler erstmals Kommissar Nick Tschiller. Neben einem dritten "Tatort"-Film fürs Fernsehen zeigt der NDR offenbar auch Interesse an einem "Tatort"-Kinofilm.

Für Major Fellner (Adele Neuhauser) entpuppte sich die Tat als eine persönliche Angelegenheit: Die Prostituierte sagte vor Jahren in einem Prozess gegen den Zuhälter Aziz (Murathan Muslu) aus – und Bibi hatte ihr seinerzeit versprochen, sie gegen diesen Mann zu schützen. Fortan machten die Cops Jagd auf Aziz – wobei es im ORF-"Tatort: Angezählt" mitunter auch umgekehrt war. Der Fall entwickelte sich zur schonungslos inszenierten Gewaltorgie, die kein Zuschauer so schnell vergessen wird.

Wie nervenzerfetzend ist die Spannung?

Es war hochdramatisch bis zum Schluss! Die Täterfrage wurde zwar schnell abgehakt, doch der Zuschauer bangte um das Leben von Bibi Fellner. Für die Ermittlerin an der Seite von Moritz Eisner wurde der Fall zum Horrortrip, bei dem es um Leben und Tod ging.

Ergibt das alles Sinn?

Ja, der Fall war ohnehin überschaubar. Die Hatz führte durch trostlose Kulissen: kahle Wohnruinen, wo kein Mensch freiwillig hausen würde, heruntergekommene Straßen mit Spielotheken, Dönerbuden und türkischen Kaffees, in denen sich illegal eingeschleuste, blutjunge Osteuropäerinnen für "35 Euro mit Popo" an ältliche Familienväter verschleudern. Das Verbrechermilieu um illegal arbeitende Prostituierte in Wien, deren Zwangslage gnadenlos ausgenutzt wird, wurde drastisch und beklemmend dargestellt, doch übertrieben erschien das nicht. Eine Kommissarin, die von ihrer Vergangenheit in Form eines wieder freigekommenen Straftäters eingeholt wird – das hat man allerdings schon allzu oft gesehen.

Braucht man das Drumherum?

Natürlich schadet zu viel Privates beim "Tatort". Aber für die ORF-Fälle müssen da seit jeher andere Maßstäbe angelegt werden. Harald Krassnitzer und seine noch immer als neu durchgehende Kollegin Adele Neuhauser holen gerade aus den privaten Konstellationen ihrer Figuren den Reiz ihrer Fälle heraus. Wenn, wie bei "Angezählt", die Ermittlerin zum Teil des Falles wird und sich die Aufmerksamkeit auf sie fokussiert, steht und fällt das Ganze mit den Qualitäten des Darstellers. Adele Neuhauser erwies sich einmal mehr als über alle Zweifel erhaben. Körperlich führten sie die Gewaltszenen fraglos an Grenzen.

Würde man diese Kommissare im Notfall rufen?

Verlässliche Typen, tiefsinnige Charaktere, Menschen, mit Herz und Verstand: Auf dieses Gespann dürfte man im Ernstfall zählen können. Aber lieber würde man mal mit Moritz Eisner einen schönen Burgenländer Zweigelt und mit Bibi Fellner ein gepflegtes Bierchen trinken gehen.

Wie fies sind die Verbrecher?

Eindimensionaler geht es nicht: Die Schläger waren Drecksäcke wie aus dem Bilderbuch – und Aziz ihr tyrannischer Anführer. Doch obwohl Aziz ein einfach gestrickter Bösewicht war, nötigt einem die Darstellung Respekt ab: Die scheinbare Hemmungslosigkeit, mit der der Wiener Schauspieler und Rapper Murathan Muslu (32) in dieser Rolle zuschlug und - trat, ist im Krimi wohl ohne Beispiel. Brutaler geht es nicht.

Hat sich das Einschalten gelohnt?

Ja, auch wenn die explizite Gewalt mitunter schwer zu ertragen war.