Was hat es nochmal mit Ockhams Rasiermesser auf sich? Warum sollte ich mir die Folge mit den Kommissaren Dorn und Lessing überhaupt anschauen? Und woher kenne ich den Schauspieler, der den kalten Fritten mimt?

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Während der Sommerpause zeigt das Erste gewöhnlich Wiederholungen älterer "Tatort"-Folgen. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Krimireihe darf in diesem Jahr das Publikum jede Woche aus einer Liste von insgesamt 50 Folgen aus 20 Jahren per Online-Wahl entscheiden, was gezeigt wird.

Wir schließen uns den Festlichkeiten an und feiern den Sieger mit fünf frohen Ferienfragen. Diese Woche gewann mit 22.072 Stimmen der Weimarer Tatort: "Der kalte Fritte".

Warum sollte ich mir die Folge noch einmal anschauen?

Weil Drehbuchautor Murmel Clausen und Regisseur Titus Selge zu den Besten im "Tatort"-Teich gehören und man beim zweiten Hinsehen und -hören die Witze und Anspielungen von Text und Kamera besser zu schätzen weiß.

Dann kann man seine Mitschauer zum Beispiel gleich am Anfang tiefsinnig darauf hinweisen, wie das Kandinsky-Gemälde "Weiches Hart" auf das Leitmotiv der ganzen Folge anspielt: Rund und eckig, kalt und warm, Kain und Abel. Udo Stich erklärt seinem Sohn (Kommissariatsleiter Kurt Stich) zu Beginn des Krimis das Bild im Schlafzimmer des Mordopfers so: "Auch in den Farben der Kampf: Das kalte Blau trifft auf das heiße Rot".

Die Kommissare Dorn und Lessing untersuchen nämlich den Auftragsmord an einem Millionär und Kunstmäzen, der Weimar ein Grundstück für das geplante Goethe-Geo-Museum schenken wollte. Dann wird auch der Kunstprofessor umgebracht, der entscheiden sollte, auf welchem (von drei) Grundstücken das Museum stehen soll. Eines dieser Orte ist der Steinbruch (warme Erdtöne!) des gutmütigen Martin im roten Overall. Und sein verhasster Bruder ist der kalte Fritjof "Fritte" Schröder, dem ein vorwiegend in dunklem Blau gefilmtes Striplokal gehört.

Das ist mir zu tiefsinnig – warum sollte ich mir "Fritte" trotzdem noch einmal anschauen?

Weil der Plot bei der Erstausstrahlung im Februar 2018 für’s Sonntagabend-Sofa ganz schön verwirrend war: Wer war wann mit wem im Bett? Wer ist denn jetzt wirklich der Vater von der Studentin? Wem gehört welches Grundstück, und warum? Was soll die kurze Szene mit der diebischen Hotelangestellten? All das versteht man beim zweiten Mal viel besser. Davon abgesehen: Die Beziehung von Lessing und Dorn ist hier ganz besonders romantisch.

Der kalte Fritte kommt mir so bekannt vor...?

Das liegt daran, dass Fritjof Schröder von Andreas Döhler gespielt wird, und der hat derzeit so etwas wie ein "Tatort"-Darstellerabo. Im Fritte-Jahr 2018 spielte er außerdem in der bayerischen "Tatort"-Folge "Freies Land" mit Batic und Leitmayr den charismatischen (aber natürlich zwielichtigen) Sektenführer Ludwig Schneider. 2019 war er im Dortmunder "Tatort: Zorn" der arbeitslose (und ziemlich zornige) Bergmann Stefan Kropp, und im Schwarzwälder Fasnachts-"Tatort – Ich hab im Traum geweinet" der schmierige Richter Philip Kiehl. In "Gefangen", dem letzten Münchner "Tatort", spielte er kürzlich den unangenehm selbstgefälligen Rechtsanwalt Florian Weiss.

Wenn der 1974 im sächsischen Wermsdorf geborene Döhler nicht so beeindruckend gut zwielichtige Gestalten für den Fernsehsonntag spielt, steht er auf den besten Bühnen des Landes. Dabei kam das Arbeiterkind aus der ostdeutschen Provinz im Alter von 22 Jahren, als er "meistens auf dem Bau" arbeitete, durch Zufall zum Schauspiel, wie Döhler dem Mediendienst teleschau erzählte: "Damals sprach mich eine New Yorker Regisseurin in Leipzig an, die mit Leuten von der Straße Theater machen wollte."

Das habe "total Laune" gemacht, "und alles ging dann recht schnell": Studium an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig, von 2003 bis 2009 Ensemblemitglied am Hamburger Thalia Theater, dann am Deutschen Theater. Seit 2017 ist er Mitglied des Berliner Ensembles.

Was war das nochmal mit Ockhams Rasiermesser?

"Ockhams Rasiermesser", auf das Alleswisser Lessing hinweist, bezieht sich auf eine Regel, die dem englischen Philosophen Wilhelm von Ockham zugeschrieben wird, auch wenn dieser den Ausdruck nie benutzt hat. Einfach gesagt besagt sie, dass die einfachste Erklärung für ein Problem oft die beste ist.

Und weil die Erklärung so einfach ist, wird sie auch in der Popkultur so gern verwendet: In der Serie "Dr. House" heißt zum Beispiel gleich eine ganze Episode der ersten Staffel so. Darin wartet das Team rund um den Wunder-Doktor bei den besonders mysteriösen Symptomen eines besonders kranken Patienten mit besonders vielen Fehldiagnosen auf.

Und im Prinzip fragt die ganze Kult-Serie "Akte X" danach, ob man Unerklärliches wirklich immer ganz einfach erklären kann: Ob sie schon mal was von Ockhams Rasiermesser gehört habe, wird Agentin Scully in einer Folge von einem Skeptiker gefragt, weil sie bei einem Mordopfer mit seltsamen Bisswunden nicht von einem durchgeknallten Killer ausgehen will, sondern eine menschliche Fledermaus als Täter vermutet. "Ja", antwortet Scully, ihr dem Phantastischen gegenüber aufgeschlossenerer Kollege Mulder habe es "Ockhams Prinzip der eingeschränkten Einbildungskraft" genannt.

Die Antwort fasst die Kritik an der Methode zusammen, die zum Beispiel der Philosoph Kant teilte: Dass in unserer komplizierten Welt keineswegs alles immer simplen Erklärmustern folgt, und die Wissenschaft so nie weiterkäme. Und in Krimis wäre dann immer der Butler der Mörder.

Von wem stammt das beste Gedicht der Folge?

Aus dem reichen Zitatenschatz von Drehbuchautor Murmel Clausen. Vielleicht ist es auch die Berliner Schnauze von Nora Tschirner, der Darstellerin von Kommissarin Kira Dorn.

Ach, Sie meinen gar nicht Dorns Ausspruch "Am Abend lässt die Schwägerin den Schwager ins Gehege ‘rin"?

Kommissar Lessing zitiert zuvor natürlich Goethe: "Schärfe deine kräft’gen Blicke!/ Hier! - durchschaue diese Brust!/ sieh der Lebenswunden Tücke,/ sieh der Liebeswunden Lust!" Das stammt aus der Gedichtsammlung "West-östlicher Diwan". Die handelt übrigens auch von zwei Gegensätzen, allerdings von der möglichen Harmonie der beiden, Orient und Okzident, Islam und Christentum. Schwägerlichen Schweinkram behandelt Goethe eher in "Wahlverwandtschaften".

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