• Hinter unseren beliebtesten Weihnachtliedern stecken Geschichten, die aus heutiger Sicht zum Teil etwas Märchenhaftes haben.
  • Auffallend ist, dass einige von ihnen in Krisenzeiten entstanden. Und "O Tannenbaum", man glaubt es kaum, aus Liebeskummer.

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"Stille Nacht" liegt weit vorne, dann folgen "O du fröhliche" und "O Tannenbaum": Das sind laut einer Emnid-Umfrage die beliebtesten Weihnachtsklassiker hierzulande. Und sie haben alle ihre ganz eigene Geschichte.

Dass manche bei "O Tannenbaum" von "treuen", andere von "grünen" Blättern singen, hat seinen Grund: Der ursprüngliche Text lautet tatsächlich "wie treu sind deine Blätter". Tannenbäume tragen immer grüne Nadeln, eine Beständigkeit, die der Dichter August Zarnack (1777–1827) sich sehnlichst an seiner Geliebten wünschte. Er vergleicht sie, die offenbar nicht treu sein konnte, in seinem Text mit diesem Baum, der so beständig ist - immer da und eben: treu.

Text im Original: "O Mägdelein, o Mägdelein, wie falsch ist dein Gemüte!"

Nach dem berühmten Auftakt "Du grünst nicht nur zur Sommerzeit, nein auch im Winter, wenn es schneit" geht es im Originaltext in den weiteren Strophe ganz schön drastisch weiter:

"O Mägdelein, o Mägdelein, wie falsch ist dein Gemüte! Du schwurst mir Treu in meinem Glück, nun arm ich bin, gehst du zurück.

Die Nachtigall, die Nachtigall nahmst du dir zum Exempel. Sie bleibt solang der Sommer lacht, im Herbst sie sich von dannen macht."

Schließlich muss noch der "Bach im Tal" zum Vergleich herhalten - als der "Falschheit Spiegel" des Mägdeleins (den ganzen ursprünglichen Text können Sie online im Volksliederarchiv nachlesen).

Das Lied wurde zu einem Studentenlied und hätte es sicher nie zum Weihnachtsklassiker geschafft, wäre nicht Ernst Anschütz gewesen: ein Lehrer, Lyriker und Komponist aus Leipzig, auf den zum Beispiel auch der Text von "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" zurückgeht. Er ersetzte einige Jahre später, 1824 genauer gesagt, die drei letzten Strophen durch die beiden, die wir heute vor dem Weihnachtsbaum singen: "Du kannst mir sehr gefallen, Wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit, Ein Baum von dir mich hoch erfreut".

Das "treu" in der ersten Strophe beließ er übrigens. "Grün" setzte sich im 20. Jahrhundert zwar weitgehend durch, manche singen aber immer noch die originale erste Strophe. Sie passt ja auch so wunderbar zum Schluss des Liedes: "Dein Kleid will mich was lehren: die Hoffnung und Beständigkeit gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit."

"Vom Himmel hoch": Von Martin Luther für seine Kinder

Taucht man in weitere Entstehungsgeschichten der heute gesungenen Lieder ein, erfährt man: Kinder spielten eine riesige Rolle dabei. Martin Luther (1483-1546) ist der Schöpfer von "Vom Himmel hoch", mit dem er angeblich seinen eigenen Kindern helfen wollte, die Weihnachtsgeschichte besser zu verstehen. Aus der selben Idee heraus wurde "Ihr Kinderlein kommet" geboren (um 1808/1810). Der außergewöhnlich engagierte Religionslehrer und Allgäuer Pfarrer Christoph von Schmid verfasste Dutzende pädagogische Gedichte und Geschichten, darunter auch diesen Text, der fast einem Krippenspiel gleicht.

Auch "O du fröhliche" (1816 oder früher) wurde für Kinder geschrieben, von dem evangelischen Theologen Johannes Daniel Falk (1768-1826). Er hatte kurz zuvor das "Rettungshaus für verwahrloste Kinder" gegründet. Den armen und verwaisten Kindern und Jugendlichen, denen er dort Heimat und Zukunft gab, widmete Falk dieses Lied. Die Melodie stammt von einem alten sizilianischen Marienlied "O sanctissima". Ein italienisches Findelkind soll es Falk vorgesungen haben. Falk selbst hatte zuvor vier seiner eigenen Kinder durch eine Typhusseuche verloren.

"O du fröhliche" und "Stille Nacht": Die berühmtesten Weihnachtslieder entstanden in Krisenzeiten

Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet ein solch fröhliches Lied auf eine Zeit des Elends und der Not in Folge der napoleonischen Kriege zurückgeht. Dasselbe gilt für "Stille Nacht", dessen Melodie innerhalb von Stunden entstand - am 24. Dezember 1818. Viele märchenhaften Legenden ranken sich um diesen Tag, als der Hilfspriester Josef Mohr im Salzburger Land dem Organisten Franz Xaver Gruber ein Gedicht überreicht: den Text von "Stille Nacht", den Gruber innerhalb weniger Stunden vertont. Er selbst singt Bass, Mohr übernimmt die Tenorstimme und Gitarrenbegleitung bei der Uraufführung am selben Abend in der neu errichteten Pfarre St. Nicola in Oberndorf. Ob es dazu kam, weil die Orgel ausgefallen war, bleibt bis heute eine Vermutung. Sicher ist, dass Mohr den Text bereits zwei Jahre zuvor verfasst hatte.

Stille Nacht
In Oberndorf erinnern heute ein Museum und die "Stille Nacht Kapelle" an das Vermächtnis Joseph Mohrs und Franz Xaver Grubers. Die Kirche St. Nikolaus, in der das Lied uraufgeführt wurde, steht schon lange nicht mehr.

Das Lied drückt eine tiefe Friedenssucht aus (den ganzen Text finden Sie auf den Seiten der Stille Nacht Gesellschaft) . Seine Entstehung fiel in eine schwere Zeit. Die Napoleonischen Kriege hatten Europa erschüttert, im Zuge der Neuordnung kam ein Teil Salzburgs 1816 zu Bayern und der größere Teil zu Österreich. Der Uraufführungsort wurde von seinem Stadtzentrum getrennt, die Salzach wurde zur Staatsgrenze. Sie war durch den Salztransport über Jahrhunderte die Grundlage für den Wohlstand in der Gegend gewesen. Nun aber blickten die Menschen sehr unsicheren Zeiten entgegen.

Wie "Stille Nacht" 1914 an der Front ein Wunder wirkte

Das Lied machte Mohr und Gruber, die gesellschaftlich von ganz unten kamen, unsterblich. In rund 300 Sprachen wurde es übersetzt und spielte eine Schlüsselrolle beim sogenannten Weihnachtsfrieden im Ersten Weltkrieg: "Es war das Wunder dieser Heiligen Nacht, als zehntausende Soldaten an der Westfront spontan beschlossen, den Krieg einfach für eine Weile einzustellen und ihren Frieden mit dem Feind zu machen", beschreibt die Bundeszentrale für politische Bildung das Ereignis. Soldaten stellten Kerzen auf, Weihnachtsgeschenke wurden ausgetauscht und eben: Weihnachtslieder zusammen gesungen.

An anderen Orten wurde weiter geschossen, und wie wir wissen: Der Krieg dauerte danach noch Jahre an. Doch mit ihm die große Sehnsucht der Menschen nach Frieden. So wurde diese wahre Geschichte immer wieder erzählt, fand Einzug in Geschichten, Romane und Filme. Die "Welt" zitiert einen britischen Soldaten, der sich später so daran erinnerte: "Es war eine schöne Mondnacht, Bodenfrost und alles weiß. Etwa gegen sieben oder acht Uhr abends kam Bewegung auf in den deutschen Gräben, und dann waren da plötzlich diese Lichter – ich wusste nicht, was genau. Und dann sangen sie ,Stille Nacht, Heilige Nacht’. Ich werde es nie vergessen, es war einer der Höhepunkte meines Lebens. Es war wunderbar."

Sie suchen Texte von Weihnachtsliedern? Diese finden Sie - auch zum Ausdrucken - etwa beim Liederarchiv.

Verwendete Quellen

  • "Das große Hausbuch der Volkslieder" Hrsg: Walter Hansen, Mosaik Verlag, 1978
  • Volksliederarchiv.de: O Tannenbaum (Wie falsch ist dein Gemüte)
  • Evangelische Kirchengemeinde Hildrizhausen: Vom Himmel hoch, da komm ich her
  • Katholische Kirche: Weihnachtslied "O du fröhliche" älter als gedacht; Wie mitten in Not und Elend das Lied "O du fröhliche" entstand
  • Stille Nacht Gesellschaft
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Weihnachtsfrieden 1914 - Das Wunder dieser Heiligen Nacht
  • Welt.de: Als zwischen den Fronten das gleiche Lied erklang; 21.12.2014